Joachim Gunter Hammer, Kometenlieder

h.schoenauer - 21.01.2026

Joachim Gunter Hammer, KometenliederGroße Ereignisse schicken in der Mythologie oft Kometen als Vorboten, damit die Menschen nach oben schauen und wach werden für das Neue, das nun über sie herfällt.

Joachim Gunter Hammer nennt seine poetischen Botschaften „Kometenlieder“, im Untertitel bezeichnet er sie als „schweifende Gedichte“, was auf das Erscheinungsbild von Kometen hinweist, aber auch auf die Wirkung von Lyrik, wenn ein einziger Vers ein ganzes Firmament mit Leuchtkraft in Szene zu setzen vermag. Etwas über sechzig Kometenlieder sind letztlich über das Buch verstreut, wobei es kleine Milchstraßen von Minimalgedichten gibt und satte Leuchtteppiche über dutzende Seiten als 17- und 19-Silbler.

Die Themen sind einerseits kosmisch, wenn es um Sein und Zeit geht, um die ausweglosen Gedankenschleifen mathematischer Operationen oder die unergründlichen Logiken der Evolution, andererseits kommen haptisch-handliche Erscheinungen zur Sprache, wie gleich zu Beginn ein Besuch im Buschenschank zeigt.

„Durstig trittst du ein – während / das Lächeln des Wirts sich jäh zer / knitterte, dein weißes Haar gleich Strahlen / einer Sonne sich sträubte, schlug / aus der Wanduhr ein Vogel / die Zeitlosigkeit an. […]“ (7) An dieser Stelle hat der Autor sich gleich elegant des Vogel-Motivs entledigt, das in der modernen Lyrik als Beweis für die analoge Konsistenz der Dichtung regelmäßig auftreten soll.

Die Frage nach Fake, Spiegelung oder Echtheit, in der Metasprache der Kunst immer mit Authentizität umschrieben, wird unter einem Zitat des legendären „Taifuno“ abgehandelt. „Ich bin dein Werden.“ sinniert der nicht fassbare Meister Taifuno, und das angefügte Gedicht stellt die Frage: „Bist du wirklich wo ganz echt / und ich echt wo ganz wirklich?“ (49)

Auf die Spitze getrieben ist dieses ständige Vexierspiel im „Drehspiegeltürenblues“ (54) einer sechzehn-seitigen Ode aus 17- und 19-Silbern.

Drei Höhepunkte daraus verdeutlichen die Arbeitsweise dieser Lyrik, die scheinbar zufällig anfallendes Nachrichtenmaterial für Poesie unter strengen Auflagen in Form bringt, wie ja auch die massenhaft verbreiteten Nachrichten letztlich vor allem in Form gebrachte Partikel sind.

  • Nehmt mir die Totenmaske ab / und setzt sie euch lachend / nacheinander auf! (61)
  • Nun scheint deine Person ur / eigentlich ich selbst, der sie / als Maske aufsetzt … (67)
  • Her da hin, durch Dreh / spiegeltüren huschen / des Abwesens Schatten … (68)

Ein wesentliches Kriterium für diese schweifenden Gedichte ist das Oszillieren innerhalb verschiedener Sprach-Atmosphären. So wird etwa der Kuckuck viermal besungen, jedes mal aus dem Bauch einer eigentümlichen Gefühlslage heraus. (54)

  • Der Kuckuck gibt seine Jungen in Pflege.
  • Der Kuckuck schlüpft und zwingt magisch dich für ihn unermüdlich Wort um Wort zu finden.
  • Erster Kuckuck im Mai, du wünscht dir Überraschungseier.
  • Welch ein Narziss aus fremdem Nest, der stets sich selbst beim Namen ruft, o Kuckuck.

Zwischen den Elegien aus 17- und 19-Silbern sind sogenannte Weltsätze eingekeilt, die einzig dazu dienen, dem Gedankengefüge Halt zu verleihen. Diese Sätze gleichen Dübeln, an denen man sich nicht mehr zu schaffen machen soll, wenn sie einmal in die Wand getrieben sind.

„Die Welt // scheint eine licht- und waschechte Halluzination.“ (71)

Im hinteren Drittel des Kometenschweifs nehmen die Gedanken von Sterben, Tod und Verglühen Platz.
Eine sarkastische Einladung zum Sterbemenü bei einem Vier-Sterne-Kannibalen zählt die Gustostücke auf, die aus diesem Anlass verkocht werden. Kopf, Kaiserteil, Bauch, Haxerln und Innereien sind ein Gedicht, das anlässlich der Leiche verlesen und verköstigt wird. (88)

Ein lyrischer Abbruchbescheid (135) erklärt, wie man die Welt zu verlassen hat. „Nun steht das Verlassen / der Welt vorm Tor / deines Kartenhauses – geh! // Obschon ein Komet / dir den Namen ‚Wiederkehr‘ gab, / lang nicht nach ihr!“ (135)

Die passende Musik zum Abtreten ist im Kompendium „Sterbekammermusik“ notiert. „Dir Sterbenden las / der Poet, noch sieben Mal / aus der Sonne vor.“ (137)

Joachim Gunter Hammer lässt seine Kometenlieder eindrucksvoll als Lektüre um die Ecken zischen, wer genau zuhört, spürt das Verlangen, bei der einen oder anderen Fügung in die Knie zu gehen. – „Was du bist, liegt ungelöst / als Rätsel im Verborgenen – dort / lass es sein!“

Joachim Gunter Hammer, Kometenlieder. Schweifende Gedichte
Wien: Verlagshaus Hernals 2025, 153 Seiten, 24,90 €, ISBN 978-3-903442-75-7

 

Weiterführende Links:
Verlagshaus Hernals: Joachim Gunter Hammer, Kometenlieder
Wikipedia: Joachim Gunter Hammer

 

Helmuth Schönauer, 25-10-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Joachim Gunter Hammer
Buchtitel:
Kometenlieder. Schweifende Gedichte
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Verlagshaus Hernals
Seitenzahl:
153
Preis in EUR:
24,90
ISBN:
978-3-903442-75-7
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Joachim Gunter Hammer, geb. 1950 in Graz, lebt in Edelstauden.
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