Literatur

Julian Sharp, Dahinter

h.schoenauer - 20.02.2026

Julian Sharp, DahinterIm Daumenkino wird mit dem Daumen ein Packen Papier durchgeblättert, auf dem wie durch die Kader eines Filmes minimale Bewegungsabläufe sichtbar werden. Julian Sharp greift für seine Erzählung „Dahinter“ diese Idee auf, nur dass bei ihm die Bewegung existenziell sichtbar wird. Statt der gezeichneten Bilder verwendet er monomane Sätze, die die erzählte Geschichte wie die Spitzen einer Choreographie sichtbar werden lassen.

Als literarisches Ur-Muster dieses knapp siebzig Seiten langen Textes dient Rilkes Klassiker „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, der in das pure Pochen des Blutdrucks mündet: „Reiten reiten reiten“.

Wolfgang Pollanz, Ein durch und durch durchschnittliches Leben

h.schoenauer - 08.02.2026

Wolfgang Pollanz, Ein durch und durch durchschnittliches LebenSobald man das Mittelmaß von etwas zu ermitteln versucht, treten die Extreme und Extravaganzen unkündbar in den Vordergrund. Ein durchschnittliches Leben zu ermitteln, führt in der Literatur verlässlich zu einem Heldenepos, in dem sich die Protagonisten nicht gegen ihre wahrhaftige Bedeutung zur Wehr setzen können.

Wolfgang Pollanz beschreibt im Duktus einer Autobiographie das Leben in Österreich, wie es ein vermeintlich durchschnittlicher Protagonist auf dem steirischen Lande von den 1950er Jahren bis herauf in die Gegenwart geführt haben könnte. Denn obwohl alles mit dem Selbstbewusstsein eines Schelmenromans erzählt ist, wird für den Musiker und Schriftsteller Wolfgang Pollanz das eigene Leben wie von selbst zur eigenständigen Literatur, die sich quasi zu einem individuellen Genre entwickelt hat.

Manfred Moser, Sprachmann

h.schoenauer - 04.02.2026

Manfred Moser, SprachmannGegen Jahresende greift man die Bücher mit besonderer Ehrfurcht an, allzu oft überfällt einen dabei das letzte Aufzucken einer Epoche, von der man noch einen Zipfel Aktualität ergattert.

Beim Sprachphilosophen Manfred Moser ist diese Eile nicht vonnöten. „Wir kommen immer zu spät“ heißt es im Vor-Spruch zum Roman „Sprachmann“. Dieses Buch ist gleichzeitig sein Vermächtnis, an dem er wohl über Jahrzehnte gearbeitet hat. Folglich liegt der Roman dick in den Händen wie sonst „Der Mann ohne Eigenschaften“, dessen Autor Robert Musil zumindest die ersten Lebensmonate in der Nähe eines Grundstücks verbracht hat, auf dem später die Uni Klagenfurt hochgezogen worden ist. Logischerweise wurde „Sprachmann“ im Dezember 2025 im Musil-Institut am Hauptbahnhof vorgestellt.

Christian Kössler, 50 - Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und Bibliotheken

h.schoenauer - 30.01.2026

Christian Kössler, 50 - Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und BibliothekenMit fünfzig hält ein sensibler Künstler meist öffentlich inne, um sein Werkeln zu reflektieren und seinem Publikum fallweise darzulegen, welche Entwicklungskurven seine Kunst genommen hat. Denn in der Kunst ist nichts geradlinig.

Christian Kössler führt in seinem „Essay über sich selbst“ seine drei Betätigungsfelder auf, in denen er seit Jahrzehnten künstlerisch und alltagstauglich zu Gange ist. Seit es Literatur gibt, wird versucht, ihre Schnittstellen mit der sogenannten prosaischen Welt ausfindig zu machen und innovativ zu nützen. Dabei entstehen nicht nur fließende Übergänge zwischen der alltäglichen und der künstlerischen Welt, sondern auch zwischen den Kunstwelten schlechthin, wenn sie als solche angesteuert sind.

Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten

h.schoenauer - 22.01.2026

Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu tötenWiderstand, Eigenart und Selbstbewusstsein der Südtiroler resultieren aus dem täglichen Überlebenskampf des Individuums inmitten der Massen. Josef Oberhollenzer zeigt in seinen Romanen immer wieder, dass es sich lohnt, ein Individuum zu sein. Denn es sind immer die Massen, die einsam sind, ‒ die Einzelgänger sind nämlich umkost von Kunst und Literatur.

Im Roman Sellemond stoßen zwei große gesellschaftliche Trends aufeinander, man könnte fast von unkontrollierbaren Trieben sprechen. Einmal ist es der Übertourismus, der ganze Landstriche heimsucht, und zum anderen der Kult um Krimis (Krimitis), der die Regale in Buchhandlungen und Büchereien ausfüllt. Lässt man beide Kräfte aufeinander los, so entstehen im Windschatten dieser Trends kleine Überlebenszonen, worin sich ein verdichtetes Leben ausgestalten lässt.

Joachim Gunter Hammer, Kometenlieder

h.schoenauer - 21.01.2026

Joachim Gunter Hammer, KometenliederGroße Ereignisse schicken in der Mythologie oft Kometen als Vorboten, damit die Menschen nach oben schauen und wach werden für das Neue, das nun über sie herfällt.

Joachim Gunter Hammer nennt seine poetischen Botschaften „Kometenlieder“, im Untertitel bezeichnet er sie als „schweifende Gedichte“, was auf das Erscheinungsbild von Kometen hinweist, aber auch auf die Wirkung von Lyrik, wenn ein einziger Vers ein ganzes Firmament mit Leuchtkraft in Szene zu setzen vermag. Etwas über sechzig Kometenlieder sind letztlich über das Buch verstreut, wobei es kleine Milchstraßen von Minimalgedichten gibt und satte Leuchtteppiche über dutzende Seiten als 17- und 19-Silbler.

Natascha Gangl, Frische Appelle & andere Sprechtexte

h.schoenauer - 16.01.2026

Natascha Gangl, Frische Appelle & andere SprechtexteManche Bücher verhexen das Fachpublikum mit ihren schlauen neuen Erzählstrategien, andere wirken auf das alltägliche Sprechgeschehen ein wie der sprichwörtliche Gassenhauer für einfache Handgriffe.

Natascha Gangl verzaubert mit ihrem Konzeptbuch „Frische Appelle & andere Sprechtexte“ sämtliche Sorten von Publikum. Ihren großen Auftritt hat die Autorin beim Bachmann-Preis 2025, als man an ihrem Werk hervorhebt, dass es an der Schnittstelle mündlich/schriftlich und Umgangssprache/Dialekt angesiedelt ist. Gegen ihre Art des Arbeitens hat die KI noch kein Kraut gefunden, die Texte Natascha Gangls sind also garantiert original und originell.

Ewald Baringer, Stunde der Wintervögel

h.schoenauer - 09.01.2026

Ewald Baringer, Stunde der WintervögelDas Unerfüllbare / fülle ich / mit Unerfüllbarem. (16) ‒ Selten ist die Absicht der Lyrik so klar formuliert wie in der „Stunde der Wintervögel“. Dieser magische Titel kreist scheinbar um das gängige Hauptmotiv der Gegenwartslyrik, den Vögeln, in Wirklichkeit aber ist ein poetischer Teppich über das Land gelegt, aus dem wie in alten Zeiten des Teppich-Klopfens Gebrauchspartikel der unmittelbaren Gegenwart geschüttelt werden.

Ewald Baringer spannt zu Beginn mit seinem Text über die kunstsinnige Stadt Soltau seinen lyrischen Kosmos aus, worin die einzelnen Bilder als individuelle Puzzleteile ineinander gesteckt sind und am Ende ein beiläufig episch breites Bild ergeben.

Richard Wall, Die nahrhafte Verzweiflung des Wirklichen

h.schoenauer - 29.12.2025

Richard Wall, Die nahrhafte Verzweiflung des WirklichenWenn man über etwas trauert, das man vage als schön empfindet, gerade weil es vergangen ist, beschleicht einen manchmal das Gefühl von Melancholie. Diese kann sich als künstlerische Haltung bis hin zum Genre ausbilden, man denke etwa an Joseph Roth und seinen Abgesang auf die Monarchie, an Gerhard Fritschs Roman „Moos auf den Steinen“, oder Franz Tumlers „Der Schritt hinüber“.

Richard Walls Grundbefinden als Bildender Künstler und Schriftsteller ist eine individuelle Nuance dieser Melancholie. Gespeist wird sie aus dem Erwachen der Sinne in den 1950er Jahren im Mühlviertel, als es noch eine Landschaft gibt und die Dinge und Gerätschaften einen Sinn haben, wenn man sie für die tägliche Lebensgestaltung in die Hand nimmt.

Ludwig Roman Fleischer, Pandeminium oder In letzter Zeit

h.schoenauer - 17.12.2025

Ludwig Roman Fleischer, Pandeminium oder In letzter ZeitDie wahren Helden der Zeitgeschichte sind oft Medien, die sich mit einem kleinen Taschenmesser einen Weg durch den Dschungel der Meinungen schlagen. Dabei liegt die wahre Regierung über den kleinteiligen Zeitgeist meist als Impressum einer unscheinbaren Kleinzeitung auf.

Ludwig Roman Fleischer geht gegen das Zeitgeschehen literarisch mit zwei verschränkten Romanen vor. Der Buchtitel „Pandeminium“ ist eine wundersame Verquickung von Pandemie und Minimum, die Fragestellung lautet in etwa: Was passiert, wenn Weltthemen in einer mit Geist dünn besiedelten Provinz diskutiert werden?