Ein Gedicht versammelt tausend Weisen und auf tausend Weisen gelangt man zum Gedicht. Nach dieser großzügig formulierten Definition ist es ein nützlicher Vorgang, den Titel auf sich wirken zu lassen, damit man durch ihn in das Innere des Buches gezogen wird.
Ulrike Titelbach gibt ihren Kurzgedichten in zwei Klangfarben den Titel „augen im hoiz“. Diese drei Wörter sind bereits in mehrfacher Hinsicht Programm. Die Gedichte sind nämlich zu einem Dreiklang aufgebaut: Titel, Haiku in leicht abgeschrägtem Dialekt, Haiku in verschriftlichter Gebrauchssprache. Alles ist in Kleinbuchstaben gesetzt, der Mundart-teil in der Mitte tritt in einem helleren Grauton auf, Titel und Schlusszeile erstrahlen in voller Druckkraft aus dem Layout.
Die Überschriften tasten sich jeweils an den Seitenrand heran, die Mundart hält sich linksbündig oder mittig, die Schlusszeilen sind nach rechts ausgerichtet.
Diese recht mechanisch-bibliothekarische Beschreibung von Lyrik ist letztlich nur ein vager Versuch, sich an die Klangfarbe heranzutasten. Mit einem Bonmot könnte man sagen, Lyrik wird zum Klingen gebracht als Stimmgabel.
Die Leser schlagen kurz an und der Ton kann lange währen, im Idealfall ein Leben lang.
Das Titelgebende Gedicht ist folglich aufgebaut wie ein japanisches Haiku, wobei daran erinnert werden muss, dass europäische Haikus ähnlich wirken wie nachgekochte japanische Speisen: Sie wollen das Original nicht nachahmen, sondern sich nur daran herantasten.
„augen im hoiz // ostlecha, augen im hoiz / und mid de fingaspitzn / in round nochi foan // astlöcher / augen im holz / und mit den fingerspitzen / den rand berühren“ (15)
Die einzelnen Gedichte sprechen untereinander und reichen sich über das Umblättern hinweg oft die Hände, wie ja auch Wolken oft über den Horizont zuckeln, als wären sie untereinander angekettet.
Aus diesen „Kettengedichten“ entstehen dann jeweils Motiv-Wolken, die sich um das Meer kümmern, die Witterung, den Jahreskreis oder Vater und Mutter.
Allein aus der Häufigkeit angespielter Themen ergibt sich die eine oder andere gesellschaftliche Aussage. So wird die Mutter fünfmal hintereinander zum Klingen gebracht, ehe dann einmal der Vater auftaucht und als Lügner enttarnt wird. (28)
Selbstverständlich ist der Vorgang des Schreibens ständig zwischen die Verse geklemmt, eine Fensterbank erweist sich als ideale Stütze für die Arme, während das lyrische Ich hinausschaut auf das poetische Treiben der Klänge. Auch das Titelgedicht lässt sich als methodischer Zugang zur Lyrik lesen. Die Wahrnehmung geschieht mit Augen, die in das Holz eingebettet sind als interne Wahrnehmung. Von außen tritt eine lyrische Beobachterin hinzu und scannt das Bild aus Holz zuerst mit eigenen Augen, ehe der Wunsch entsteht, das Beobachtete zu berühren und bis an seinen Rand zu gestalten.
Der Musik ist eine Serie von Zuwendungen gewidmet, ein Kontrabass schwingt hinüber zu einer Sequenz vom falschen Ton, aber auch Hunger kann musikalisch werden, wenn das Knurren des Magens „stimmig“ wird.
Ein Blick auf das angefügte Inhaltsverzeichnis mit den Überschriften, lässt Zusammenhänge entstehen, die ähnlich komponiert sind wie mehrstimmige Musikstücke.
Die Musik der „Kurzgedichte in zwei Klangfarben“ folgt dem Lauf des Jahres und wendet sich dem verfallenden Laub, den Holzfarben des Herbstes oder einer flüchtigen Hasenspur zu. Nach dem Neujahrskonzert voller Klang ist es plötzlich still. Im Schlussgedicht hat die Schneeflocke ihren diskreten Auftritt.
„leise bewegt / die schneeflocke / das stille wasser“ (98)
Die Anmerkungen vor dem Gedichtsüberblick sind zu einer Würdigungstabelle ausgebaut, viele Gedichte sind jemandem aus der literarischen Szene gewidmet, was wiederum die nächsten Assoziationen auslöst, aus denen vielleicht die nächsten Gedichte entstehen aus Augen im Holz und der Lust, sie zu einem tastbaren Mund zu formen.
Ulrike Titelbach, augen im hoiz. Gedichte, Kurzgedichte in zwei Klangfarben
Wien: Edition Melos 2025, 101 Seiten, 28,00 €, ISBN 978-3-9505758-2-8
Weiterführende Links:
Edition Melos: Ulrike Titelbach, augen im hoiz
AG literatur: Ulrike Titelbach
Helmuth Schönauer, 09-12-2025