Ein ermunternder Zuruf an Beamte – was für ein frecher Titel! Christian Steinbachers Quellgebiet sind die Archive, Geheimdepots für Geschichten, Nachlässe von Eremiten und Tiefbohrungen in Wortschutzgebieten. Seine Gedichtbände gleichen Inventarverzeichnissen verschollener Texturen und poetischen Erkundungsstollen, weshalb der Band „Hoch die Ärmel“ auch mit der Genrebezeichnung „Gedichte“ und der Forschungsmethode „Schritte“ bezeichnet ist.
Die Gedichte Christian Steinbachers zeigen sich als Einzeller, bei denen der Kern im Kopf, also in der Überschrift sitzt. Der Untertitel ist mit dem Schwänzchen von Pantoffeltierchen vergleichbar, womit sich diese geschwind im liquiden Medium fortbewegen. Und die eigentliche Masse des Gedichts ist gallertig, amorph und gegenüber dem Umfeld osmotisch, weshalb sie mit allerlei Vers-Tricks und Vers-Maßen in Zaum und Struktur gehalten werden müssen.
Das Vorspiel ähnelt einer theatralischen Inszenierung, nur dass statt des Vorhangs eine Tuchent wirkt, wie sie jeden Tag beim Aufstehen vom Körper des lyrischen Ichs genommen wird.
Die nachfolgenden neun Poesie-Abenteuer treten als Bottiche voller Gedicht-Larven auf, die erst durch Lektüre zum Schlüpfen gebracht werden. Im Anhang sind unter dem vielversprechenden Titel „Baupläne und Notizen“ historische Querverweise sowie Eingrenzungen von falschen Spuren angeführt. In diesem Arbeitskapitel sind auch die beiden Bildbeigaben „glimpflich zurecht“ (63) und „nicht verstimmt vorbei“ (66) als Artefakte beschrieben.
„Im Weiterziehen der Blödigkeit“ nennt sich das Startkapitel und führt in antiken Versmaßen aus, wohin man die Aufmerksamkeit lenken sollte, wie Kapseln der Zeit funktionieren und wie man in den Wald hineinruft. Als Inszenierungsvorschläge sind Spuren aus dem Kelch des Frauenschuhs, Wimpernzuckungen oder simple Erweiterungen des Handlungsspielraums empfohlen. Die Textmasse läuft wie bei einem Daumenkino durch die Finger des Umblätternden und hinterlässt einen mehrschichtigen Textabdruck, der auch bei näherem Heranrücken in Teilen verschlossen bleibt.
Das zweite Kapitel ist ganz im Sinne der Scholastik auf das „Be-Greifen“ aus und geht dem Sinn der Wörter auf den Grund. Die einzelnen Texte sind im Layout eines wuchtigen Blockes gesetzt, der zwar rechts zum Seitenrand hin ausfranst, dennoch aber als schwere Leselast zwischen den Seiten ruht.
Ein weites Feld des Surfens und Tanzens mit Begriffen ergibt sich aus dem Abschnitt „Rudern Tanzen“. Hier kommen sapphische Strophen als Ruderschläge (50) zum Einsatz.
Die sogenannten „Stichwortfreuden“ lassen die Herzen von Archivaren und Bibliothekarinnen höherschlagen. In einem kleinen Vorspann sind sogenannte Stichwörter aufgerufen, die später wie bei einer Tombola diversen Texten zugeteilt werden. Logisch oder assoziativ ergeben sich daraus verlässlich standfeste Bilder.
Im Schlusskapitel geht es dann noch einmal zur Sache: „Hoch die Ärmel“. In der Hauptsache werden hier anarchische Lebensgrundsätze für den Untergrund getestet, wenn es etwa heißt, dass man alte Zeit liegen lassen soll. An anderer Stelle wird eine Schonfrist für Schauläufe gefordert, aber auch Bonmots aus der Lebensberatung treten forsch zu Tage: „An der Stirn nennt mans Runzeln.“ (151) Als Darbietungsform sind Quartette mit Ärmeln empfohlen, aber auch Quartette mit Schal oder Gürtel kommen zum Einsatz. Und die jeweiligen Gedichte sind optisch aufgestellt wie Reifenspuren von Allradgetriebenen Quartett-Fahrzeugen.
So streng die Texte auch komponiert sind, im Idealfall überschreiten sie als Parodien jegliche lyrische Gerüste und enden im grandioses Sinn-Dada:
„Unruhiges Umfeld // Sturmwinde // Schmalbrüste, Knallröte. Prahlhanse. Saalmieten. // Achtbares. Sturmfluten. Höchstmaße. Scheindolden. // Krachleder. Ablöse.“ (137)
Christian Steinbacher, Hoch die Ärmel. Gedichte und Schritte, mit Bildbeigaben von Regina Moritz
Wien: Czernin Verlag 2025, 168 Seiten, 22,00 €, ISBN 978-3-7076-0882-3
Weiteführende Links:
Czernin Verlag: Christian Steinbacher, Hoch die Ärmel
Wikipedia: Christian Steinbacher
Homepage: Regina Moritz
Helmuth Schönauer, 09-01-2026