Rare Wörter werden in der Lyrik manchmal aufgegriffen, neu aufgeladen und anschließend wieder ins Sprachgeschehen zurückgeworfen. So können zwischendurch Wörter recycelt und vor dem Aussterben bewahrt werden.
Hannah K Bründl (ohne Punkt im Zwischen-K) rettet mit dem Gedichte-Band „schilfern“ ein intimes Wort vor dem Untergang. Dieser Ausdruck für das „Abschilfern in kleinen Hautschuppen“ ist zudem nur regional im Einsatz, sodass es keine großen Schilfern-Erfahrungen am Kontinent gibt. Das ist aber auch nicht notwendig, denn die Autorin widmet sich jenem Bereich von „Liebe“, welcher für Frauen und weiblich gelesene Personen durchaus in Gewalt und Desaster enden kann.
Die Begleitinformationen zu den Gedichten sind notwendig, damit die Leser den Strahl der Aufmerksamkeit auf den richtigen Akzent legen können. Als Themenschwerpunkt bietet sich spektakulär eine lyrische Biographie an, die sich an die vier Jahreszeiten zu halten scheint, aber keinen Frühling hat.
Das soziale Umfeld dieser lyrischen Person lässt sich mit einem lakonischen „Poesie-Kommentar“ aus dem Frauenhaus dokumentieren: „In Österreich ist beinahe jede dritte Frau / ab dem Alter von 15 Jahren / von körperlicher und / oder sexualisierter Gewalt betroffen / sowohl innerhalb als auch außerhalb von intimen Beziehungen“.
Die Gedichte folgen also einem amputierten Jahreslauf Sommer / Herbst / Winter, wobei zu vermuten ist, dass im nicht ausgesprochenen Frühling die Maßnahmen der Gewalt unauslöschliche Spuren hinterlassen. Das Individuum wird zwar in dieser Vorzeit der Liebe als Kind mit Bildern, Geschichten und Mythen ausgestattet, die aber alle nicht tragfähig sind und brechen, sobald jemand das Erwachsenenalter erreicht.
Die einzelnen Texte sind eher als Schautafeln angelegt, denn als innige Nachrichten, dazu ist den drei Saison-Kapiteln jeweils ein Spiegel vorgesetzt, der schmeichelnd, eingetrübt oder schmutzig auf jenen zurückschaut, der einen Blick hineinwagt. Zur Einordnung gibt an der oberen Außenkante statt der Seitenzahlen eine große Nummerierung der Gedichte (1 bis 61).
Sommer (Gedichte 1-21)
Das lyrische Ich versucht mit dem jäh angebrochenen Sommer des Lebens zurechtzukommen, schon der erste Satz weist auf erhebliche Schwierigkeiten hin „es sind die pupillen verbraucht / es haben die väter versagt / es gingen die fahrten mir vorbei“ (1). Im Ton eines griechischen Chores ist viel von zersprungenen Bildern und zerbrochenem Glas die Rede, eine erstes Zeichen für Gewalt, wenn das Gefäß zerbricht, aus dem der Alkohol genommen wird. Tätowierungen der Worte (15), Briefe, falsche Einschmeicheleien und ernüchternde Behauptungen begleiten den Sommer. „wie alle männer / sagt mein vater mir / beeindruckend bist du“ (10)
Herbst (Gedichte 22-48)
Das große Wort Sehnsucht wird als Zitat dem Leib eingeschrieben, bald darauf bricht das Ungemach los: zu aller erst verroht das sprechen / mittags schneide ich dem fisch stumpf den gaumen auf / seine verblutenden kiemen, wassernackte augen und fleisch / fleisch, das plötzlich aufklafft, es soll zäher sein als meines“ (23). In der Landschaft wird nach Jägern gerufen, denn die Ratten sind plötzlich schneeweiß geworden, während jemand zum Kadaver Liebesgedicht sagt. Den Herbst beschließt ein Vogel, der ja in der Gegenwartslyrik zwingend vorgeschrieben ist. „spuren / die abkehr der vögel / was gibt es über sie zu sagen“ (46).
Winter (Gedichte 49-61)
Das erstarrte Licht bricht sich in einem See, es gibt im Winter immer einen See. Jemand fragt nach dem Recht, einen anderen Körper zu unterwerfen. Und die Tochter antwortet dem Vater: jetzt bin ich deine Tochter, dein Anlass, deine Abwechslung, dein Makel! Das vorletzte Gedicht, sechzig genannt, zergliedert das Leben in Zwanziger-Einheiten, wie es auch das Jahr mit seinen Monaten macht.
„lass wenn du sprichst, meinen körper aus dem spiel, der nächste sommer wird kalt werden“ (61).
In einem eng gesetzten Zitat-Verzeichnis sind abschließend jene Sätze mit Quellen untermauert, die für die Gedichte oft Anlass, Orientierung und Ablehnung sind. Viele Zitate sind männliche Sätze, wundersam in Poesie verkleidet wie die Sprüche am Anfang und am Ende:
- „Ich erinnerte mich an nichts.“ (Helmut Heißenbüttel)
- „Liebesgedichte waren immer schon engagiert.“ (Erich Fried)
Hannah K Bründl, schilfern. Gedichte
Klagenfurt: Ritter Verlag 2025, 88 Seiten, 19,00 €, ISBN 978-3-85415-694-9
Weiterführende Links:
Ritter Verlag: Hannah K Bründl, schilfern
Wikipedia: Hannah K Bründl
Helmuth Schönauer, 12-02-2026