peter giacomuzzi asyl asylKaum ein Begriff der jüngeren Sprachgeschichte hat es so markant geschafft, vom Liebkind zum Bösewicht und retour zu mutieren, wie dieses in allen Tonlagen beeindruckende Wort Asyl.

Peter Giacomuzzi verwendet Asyl gleich als Doppelgarnitur, um die Wichtigkeit zu betonen und andererseits die semantische Transportkapazität zu erhöhen wie sonst im öffentlichen Personenverkehr üblich. Die knapp hundert Gedichte laufen wie ein lyrisches Tagebuch über den Bildschirm, der womöglich die üblichen Ereignisse zeigt, die Texte freilich handeln alle von diesem entgleisten Planeten, der vielleicht als Ganzes auf der Flucht ist.

jeannine meighörner, das fliende herzIm historischen Roman lässt es sich mit Fakten durchspielen, was ein anderer Verlauf der Geschichte hätte bewirken können, es lassen sich auch Träume der Gegenwart in das historische Ambiente zurückflashen, und schließlich können im historischen Roman Provinzereignisse zu Weltereignissen aufgeblasen werden.

Jeannine Meighörner hat längst herausgefunden, dass die Tiroler nur daran interessiert sind, ob auch alle historische Größen einmal in Tirol gewesen sind, um das Land für gut zu befinden. Da wir im 19. Jahrhundert nur Zeugnisse des durchreisenden Goethe und Heine haben, müssen die beiden eben ununterbrochen herhalten, um die Größe des Transitlandes Tirol zu dokumentieren.

sniadanko_leidenschaft.jpgLeidenschaften sind meist zeitlich begrenzte Gefühlsaufwallungen, die jenseits der Logik einer Person oder einem Thema umgehängt werden.

Natalka Sniadanko stellt eine Sammlung dieser Leidenschaften vor, die über die Ich-Erzählerin Oljessa im Laufe des Lebens hereinbrechen. Nicht immer nämlich sucht die Protagonistin diese Leidenschaften auf, manchmal wird sie von diesen auch heimgesucht. Während der Ausbildung zu einem „galizischen“ Lebensgefühl muss die Heldin gut acht Leidenschaftsbündel über sich ergehen lassen. Dieses heftige Reißen an der Psyche setzt in der Kindheit ein, erstreckt sich über ein philologisches Ukraine-Studium und führt nach Deutschland, wo je nach Konstitution der Männer deutsche, italienische oder aristokratische Leidenschaften ausbrechen.

bernhard setzwein, der böhmische samuraiDas größte Kapital, das neben der sprichwörtlichen Kohle mit den Mächtigen mitmarschiert, ist jener Schatz an Geschichten, den zu heben und zu erleben nur Eliten imstande sind. Den Adel hat seinerzeit nicht so sehr die Aberkennung von Titeln und Gütern geschmerzt als vielmehr das Ausbleiben von Geschichten, worunter die auf ein normales Leben Zurückgestutzen fortan zu leiden hätten.

Bernhard Setzwein, der großartige Chronist des Bayrischen und Böhmischen Waldes, erzählt am Beispiel des „böhmischen Samurai“, wie das Leben plötzlich den Teppich unter den Füßen der Helden einrollt und anderen ausrollt. Die an den roten Teppich gewöhnten Adeligen stehen plötzlich im Letten eines Anhaltelagers und verstehen die Welt nicht mehr, wo sie doch ein Leben lang nur Gutes getan haben.

Stanislav struhar, die verlassenenWenn ein Autor einmal seine Erzählmelodie gefunden hat, braucht er nur zwei drei Fügungen anklingen zu lassen, und schon geht es für den Leser in voller Stimmung weiter, wo er vielleicht im letzten Sommer aufgehört hat.

Stanislav Struhar schickt seine Helden, die er dieses Mal „Die Verlassenen“ nennt, wieder auf die Hügel rund um das Sprachengemisch von Ventimiglia. Im Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich ist jeder irgendwie heimisch, egal welche Sprache er spricht.

Thomas sautner, Das mädchen an der grenzeKaum ein Begriff bedroht die Menschen so sehr wie eine Grenze. Ob im physischen Abwehrkampf gegen einen Maschenzaun oder in der psychischen Faszination eines Grenzgängers, immer reizt es die Menschen, diese Grenzen zu überschreiten.

Thomas Sautner stellt in seinem Roman vom „Mädchen an der Grenze“ eine zwie-sichtige, mehrschichtige Heldin vor. Malina ist ein höchst sensibles Mädchen, das schon beim ersten Ertasten der Welt auf ungewöhnliche Vorgänge stößt.

andreas tiefenbacher, der liebesdilettantEin Dilettant hat für die Umstehenden immer etwas Komisches an sich, während er selbst im Innern vor Tragik zerbirst. Je höher das Thema, das von einem Dilettanten bestritten wird, desto witziger fällt das Scheitern aus.

Andreas Tiefenbacher lässt seinen Liebesdilettanten nach den Sternen des Scheiterns greifen, was zumindest das irdische Leben beschleunigt und eine auf gewöhnlich angelegte Biographie fallweise herausfordert.

Kurt palm, strandbadrevolutionHätte er sich 1972 nicht umgebracht, hätte er 2022 eines natürlichen Todes sterben können.

Kurt Palm schenkt seinen Helden aus dem Jahre 1972 nichts. Dieses Jahr ist für eine ganze Generation ein gewisser Höhepunkt, was Musik, Literatur und politische Kampfkultur gegen den Vietnamkrieg betrifft. Wer damals den Absprung nicht schafft, muss seither ein Leben lang in Verdruss, Mittelmaß und dem Nachweinen alter Zeiten verbringen.

birgit müller-wieland, flugschneeDiese weiße Masse, die ständig in der Luft die Richtung wechselt, in alle Ritzen dringt und im Wind die unmöglichsten Skulpturen aufhäuft, ist auch für Psychologen ein metaphorisch höchst aufgeladener Stoff.

Birgit Müller-Wieland setzt gleich zu Beginn die Heldin Lucy dieser Flugschnee-Masse aus. In einem Berliner Garten spielt das Wetter im Dezember verrückt, in der amorphen Wetter-Masse geht jegliche Sicht verloren, und Lucy ist in einen Erinnerungssturm eingetaucht, zumal sie unter Schock steht, weil ihr Bruder Simon verschwunden ist.

thomas ballhausen, mit verstellter stimmeWenn in der Lyrik ein Titel scheinbar klar ist, ist Vorsicht geboten, diese Klarheit ist bloß ein erster Schutzschild, mit dem sich die Poesie gegen zu schnelle Vereinnahmung durch die Leser wehrt.

Thomas Ballhausen bietet seine Lyrik „mit verstellter Stimme“ an, aber schon im Untertitel warnt er, dass es sich dabei um halb kriminelles, verschollenes und mystisch-forensisches Material handeln könnte. So lassen sich die Gedichte auch aus verschiedenen Blickwinkeln lesen, mal als Protokoll zu einem Naturereignis, als Mitschrift einer psychiatrischen Behandlung oder als verschlüsselte Tagbuchnotizen eines lyrischen Ichs.