hallie rubenhold, the five„Meine Absicht beim Schreiben dieses Buches war es nicht, den Mörder zu jagen und zu benennen. Mein Wunsch ist es stattdessen, den Wegen der fünf Frauen nachzuspüren, ihre Erfahrungen im Kontext ihrer Zeit aufzuzeigen und ihre Leben durch Düsternis und Licht gleichermaßen zu verfolgen.“ (S. 30)

Heute noch steht der Name Jack the Ripper als Synonym eines bestialischen Massenmörders, der die Gesellschaft seine Zeit in Atem hielt und Furcht und Schrecken verbreitet hat. Während dieser in die Geschichte eingegangen ist, sind seine Opfer – fünf Frauen – in Vergessenheit geraten. Ihnen und ihren persönlichen und sozialen Lebensumständen ist dieses Buch gewidmet.

valerian, mourir dantzigSoll ich heute überhaupt was erleben? - Diese Frage der Spätromantik gilt heute als schwer überholt, besteht der Sinn des Lebens doch darin, möglichst viel zu erleben. Im Alter freilich kommt immer öfter die Frage auf, was tue ich mit dem Erlebten?

Für H. W. Valerian stellt eine Busreise durch das gegenwärtige Polen so ein Erlebnis dar, das irgendwie unbeabsichtigt aufgetaucht ist wie so viele Aktivitäten, die jemand im Ruhestand vollbringt. Nun ist diese Polenreise also einmal geschehen und für den belesenen und historisch interessierten Autor geht es darum, damit etwas anzufangen. In erster Linie heißt das für seine Generation: Aufschreiben.

peter steiner, das schweigen des meeresDie Konstellation fiktionaler Figuren kann man als Leser auswendig lernen oder vergessen, beides hat auf den Fortgang eines Romans keine Auswirkung. Wir kennen es ja von den russischen Realisten, wo man entweder ein Lexikon skurriler Figuren neben dem Buch liegen hat oder einfach alle Figuren mit einem „ow“ hinten dran als Helden deutet.

Peter Steiner rückt im Roman „Das Schweigen der Meere“ einen achtzigjährigen Ich-Erzähler in den Mittelpunkt, der in einem längeren Vorspiel scheinbar sinnlos Konstellationen und Figuren kundtut. Teilweise stellt sich der Erzähler selbst die Figuren auf, teils räsoniert er, teils spekuliert er. Dieses Vorspiel ist das Ausbrüten längst vergangener Ereignisse, die niemanden mehr interessieren, weil die Zeitgenossen schon alle gestorben sind und die Nachfahren andere Interessen haben.

gabriele petricek, innsbruckZu einem funktionierenden Programm gehört auch immer eine pragmatische Einschätzung, was möglich ist und was nicht. Dabei kann es sich um ein Ausbildungsprogramm, Lebensprogramm oder Sommerprogramm handeln, wichtig ist stets die Frage, was geht sich noch aus und was nicht.

Gabriele Petricek schickt ihre Heldin durch diverse Waschstraßen der Erzähltheorie, installiert sie wie eine Avatarin in verschiedenen Kulturkreisen und entwickelt sie nach dem Motto künstlicher Intelligenz im Literaturbetrieb. Der Kompositionsvorgang wird „Verfolgungsrituale“ genannt, dabei verfolgen einander die Figuren als beiläufige Verwandte oder Liebespartner, andererseits verfolgen die Figuren einfach diverse Ziele, die sie während der Verfolgung oft aus dem Auge verlieren.

gertraud klemm, hippocampusJeder Mensch trägt ein Seepferdchen im Hirn spazieren, im Gehirn liegt nämlich der sogenannte Hippocampus. In diesem Denklappen in Gestalt eines Seepferdchens werden Daten verknüpft und zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis hin und her geschaltet. Wer den Hippocampus klug zu verwalten vermag, kann mit Denkgewinn Zeitloses als aktuelle Gegenwart ausgeben und umgekehrt.

Gertraud Klemm versteckt in ihrem grotesken Roman Hippocampus allerhand Literaturtheorien und kleidet sie mit vulgärem Schamott aus. Im Roman rasen Held und Heldin physisch durch den Kunstbetrieb und markieren an vorgeblich wichtigen Schnittstellen zwischen Kunst und Kritik wie wild gewordene Hunde, indem sie Installationen aus Fäkalien und Imitationen von Genitalien hinterlegen.

elias schneitter, ein gutes pferd zieht noch einmalDie Erinnerung ist ein Pferd, das morgens auf den Acker geht und abends als Salami nach Hause kommt. Aber auch der Acker erlebt sein Asphalt-blaues Wunder und verwandelt sich innerhalb von Stunden in eine Schnellstraße.

Elias Schneitter ist der Spezialist für außerordentliche Helden vom Rand der Gesellschaft. Wenn seine Sprache oft grotesk unterkühlt wird, so huldigt er damit dem puren Realismus. In seinen Erzählungen ist nichts aufgeputzt oder abgeschliffen, die Sätze liegen unbehauen herum wie jenes seltene Brachland, auf dem die Figuren ihre Wunschträume mit morschem Holz und Bruchziegel errichten.

markus lindner, nachtschneeDer Klimawandel bedingt, dass die jüngeren Generationen immer öfter Sachen nachschlagen müssen, die für frühere Generationen selbstverständlich gewesen sind. So stellt das schöne Bild vom Nachtschnee die wenigsten von uns vor Imaginationsprobleme, seit der Schnee aber aus den Kanonen kommt, die nächtens surren, muss man die neue Bedeutung von Nachtschnee vielleicht schon googeln. Und den Begriff Steganographie muss man sich ohnehin erarbeiten, er bedeutet so viel wie geheime Nachricht auf einem unerwarteten Datenträger.

Markus Lindner nimmt beispielsweise diesen hybriden Begriff des Nachtschnees als Datenträger auf, um ihm allerhand Informationen einzuspeisen. Vom Layout her gesehen sind die ersten knapp sechzig Gedichte in konventioneller Form als Tageslicht-Texte ausgeführt, das letzte Drittel erstrahlt als Mond-Textur, auf schwarzem Untergrund sind in weißer Schrift die Informationen herausgestochen, typische Nacht-Gedichte eben.

horst moser, kleinstadtidyllDas Wesen einer Kleinstadt ist es, dass Geschäfte, Gerüchte und Gefühle ganz eng beieinander liegen und oft sogar ausgetauscht und verwechselt werden.

Horst Moser nimmt mit seinem Roman „Kleinstadtidylle“ die Entgleisungen des Zusammenlebens unter die Lupe, wie sie täglich unter den Teppich gekehrt werden. Als Hauptthema kristallisiert sich dabei die sub-kuttane Sexualität heraus, die gerade in kleinen Gemeinwesen seit Generationen blüht und emsig vertuscht wird. So können die nächsten Generationen sich wieder in voller Unschuld dem schändlichen Treiben widmen, wenn die Alten sich ins Grab geschwiegen haben.

friedrich hahn, sonja und die weißen schattenSchade, dass es im echten Leben keinen schnellen Vorlauf gibt! - Erwachsenwerden besteht vielleicht darin, die richtige Geschwindigkeit für das eigene Lebensvideo zu finden.

Friedrich Hahn führt seine Protagonisten meist an diese dünne Sollbruchstelle heran, die reißen muss, will man etwas vom Wirklichen erfahren. Erzähltechnisch nimmt er es mit dem Trash des Alltags auf und baut dabei therapeutische Sätze ein, die sowohl den Helden als auch dem Leser an entscheidender Stelle weiterhelfen.

peter henisch, siebeneinhalb lebenDer Rentner-Roman ist zwar weit verbreitet, wird aber kaum als solcher kaum mit dem Mund ausgesprochen. Denn in der Literatur geht es oft um beratende Geschäfte, und wer will schon einem Kunden zumuten, dass er einen Rentner-Roman lesen soll. In der Literatur nämlich gibt es keine Rentner, da alle entweder schreiben, lesen oder was verkaufen.

Peter Henisch quälen solche Gattungs-Diskurse nicht, er nennt seinen Roman Siebeneinhalb Leben, und wenn man das Komma dabei richtig setzt, kommt ein Geburtstagsroman zum Fünfundsiebzigsten heraus. Und seine Romane sind immer deshalb aufregend, weil auf der Oberfläche fast nichts passiert, außer dass jemand sein Gesicht in die Gegend hält, aus dem Fenster schaut, eine Katze streichelt oder ein altes Bild updatet.