Beziehung

Elias Hirschl, Schleifen

h.schoenauer - 30.03.2026

Elias Hirschl, Schleifen„Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder.“ – Ein Start wie die Pest! Elias Hirschl pusht den Roman „Schleifen“ hinein in das Langzeitgedächtnis der Leser, in diesem fulminanten Pest-Satz ist letztlich der ganze Roman angelegt wie eine DNA-Scheibe für das dazugehörende Individuum.

Franziska Denk, nomen est omen, ist die Datenträgerin für einen Denkprozess, der vorgeblich von der Philosophie des Wiener Kreises angeschoben ist, in der literarischen Wirklichkeit aber als grandios-groteskes Gedankenexperiment über die Sprache ankommt.

Hannah K Bründl, schilfern

h.schoenauer - 27.03.2026

Hannah K Bründl, schilfernRare Wörter werden in der Lyrik manchmal aufgegriffen, neu aufgeladen und anschließend wieder ins Sprachgeschehen zurückgeworfen. So können zwischendurch Wörter recycelt und vor dem Aussterben bewahrt werden.

Hannah K Bründl (ohne Punkt im Zwischen-K) rettet mit dem Gedichte-Band „schilfern“ ein intimes Wort vor dem Untergang. Dieser Ausdruck für das „Abschilfern in kleinen Hautschuppen“ ist zudem nur regional im Einsatz, sodass es keine großen Schilfern-Erfahrungen am Kontinent gibt. Das ist aber auch nicht notwendig, denn die Autorin widmet sich jenem Bereich von „Liebe“, welcher für Frauen und weiblich gelesene Personen durchaus in Gewalt und Desaster enden kann.

Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wird

h.schoenauer - 23.03.2026

Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wirdEine Revolution bringt einen nicht weiter, selbst wenn sie gelingt, steht man immer noch am gleichen Fleck und schaut bloß in eine andere Richtung.

Raimund Bahr beginnt seine Eintragung im aktuellen Journal mit einer Überlegung als braver Staatsdiener. Zwar darf er mit Hingabe die revolutionären Schriften Bakunins lesen, aber als staatstreuer Unterrichter ist er verpflichtet, die Jugendlichen System-tauglich in die Zukunft zu führen. Dabei liegt ein großer Widerspruch zwischen dem, was an hehren Zielen in den Lehrplänen steht, und dem, was im Alltag zählt, nämlich die kapitalistische Ordnung mit dem permanenten Geldfluss von unten nach oben nicht zu stören.

Jan David Zimmermann, Das Himmelsnetz

h.schoenauer - 13.03.2026

Jan David Zimmermann, Das HimmelsnetzDas Groteske erscheint einem oft als eine verzerrte Welt, gesehen vielleicht durch eine verkehrt aufgesetzte Lesebrille. Selbst wenn man den irritierten Blick korrigiert, ist es nicht mehr möglich, das Schräg-Gesehene ungeschehen zu machen.

Jan David Zimmermann wirft unter dem Titel „Das Himmelsnetz“ zwölf Geschichten aus, die vorbeikommende Leser rasch umgarnen. Auf Anhieb umarmen uns die Erzählungen mit Themen aus Kindertagen, als wir atemlos Bücher über fragile Schiffe, untergegangene Berufe und Fallstricke des Alltags gelesen haben.

Alfred Paul Schmidt, Diese weite Welt

h.schoenauer - 11.03.2026

Alfred Paul Schmidt, Diese weite WeltWenn man die weite Welt nur eng genug fasst, hat man sie bald vollends im Griff und sie frisst einem aus der Hand. Alfred Paul Schmidt schrumpft in seinem Roman „Diese weite Welt“ das Universum auf die Stadt Graz herunter, der er den wundersamen Namen Schenn gibt, was schnell ausgesprochen etwa „schön“ bedeuten könnte. Und weil es so schön ist, heißt auch der Fluss Schenn, an den die Stadt angedockt hat.

Ich-Erzähler, Protagonist und Antreiber für exzessives Denken ist Christian Leitner, Schriftsteller und siebenundvierzig Jahre alt, was ein gewisser Anachronismus ist, denn üblicherweise sind erzählende Schriftsteller allemal in Ruhestand. Aber das ist der Held vielleicht auch, denn er geht keiner geregelten Arbeit, ja nicht einmal geregeltem Schreiben nach. In der Hauptsache streift er durch die Stadt und bleibt am Lokal Neger hängen, dessen Namen man gerade noch aussprechen darf, weil es sich um einen Traditionsbetrieb handelt, der nichts für Political Correctness kann.

Anna Rottensteiner, Mutterbande

h.schoenauer - 04.03.2026

Anna Rottensteiner, MutterbandeEin vielschichtiger Roman hat den Vorteil, dass man ihn nicht falsch lesen kann. Denn eine Komponente passt immer, und über diesen entgegenkommenden Weg öffnen sich bald auch die Seitenstränge und Querträger der Komposition.

Anna Rottensteiner streut unter dem vielschichtigen Titel „Mutterbande“ verschiedene Zugänge zu einer Geschichte Tirols im letzten Jahrhundert, dabei wird die „Erlebnis-Last“ auf die Schultern einer Handvoll Frauen verteilt. Auf der einen Achse ruhen die historischen Aspekte von Migration in der Monarchie, Weltkriege, Teilung des Landes, Sprachflüsse, Faschismus, Option und Emanzipation, auf der anderen Achse sind familiäre Zusammenhänge, emotionale Knoten, Rollenbilder und unauffällige Frauenbiographien abgelegt.

Elisa Asenbaum (Hg.), nie als allein

h.schoenauer - 23.02.2026

Elisa Asenbaum (Hg.), nie als alleinBücher, die ein extrem peripheres Sachgebiet abdecken, werden durch KI mittlerweile an den Mainstream angedockt, indem sachkundiges Bibliothekspersonal die entsprechenden Schlüsselbegriffe vernetzt. So tauchen scheinbar marginale Thesen eines Buches überraschend als Treffer an ganz anderer Stelle auf, wenn sie von einer Suchfunktion im Netz angesteuert werden.

Elisa Asenbaum kuratiert unter dem Titel „nie als allein“ ein Projekt, worin das Phänomen Dialog im Konnex mit lyrischen Interferenzen poetisch-wissenschaftlich abgehandelt wird. Die Initiatorin des Projekts fragt sich eines Tages, mit wem und womit sie eigentlich während des Tages dienstlich korrespondiert. Dabei stechen ihr zwei Themenbereiche ins Auge:

Julian Sharp, Dahinter

h.schoenauer - 20.02.2026

Julian Sharp, DahinterIm Daumenkino wird mit dem Daumen ein Packen Papier durchgeblättert, auf dem wie durch die Kader eines Filmes minimale Bewegungsabläufe sichtbar werden. Julian Sharp greift für seine Erzählung „Dahinter“ diese Idee auf, nur dass bei ihm die Bewegung existenziell sichtbar wird. Statt der gezeichneten Bilder verwendet er monomane Sätze, die die erzählte Geschichte wie die Spitzen einer Choreographie sichtbar werden lassen.

Als literarisches Ur-Muster dieses knapp siebzig Seiten langen Textes dient Rilkes Klassiker „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, der in das pure Pochen des Blutdrucks mündet: „Reiten reiten reiten“.

Stefan Soder, Schorsch

h.schoenauer - 16.02.2026

Stefan Soder, SchorschWenn die Stimmung im Land wieder einmal bedrückend wird, hilft manchmal ein Roman nach der Vorlage von Kleists Michael Kohlhaas, damit man sich mit dem Helden identifizieren, mit ihm kämpfen und mit ihm in Würde untergehen kann.

Stefan Soder stiftet der Literatur mit dem „Schorsch“ einen sympathischen Helden, der in einer Welt des wirtschaftlichen Umbruchs mit der bewährten Tradition des Bauer-Seins Schiffbruch erleidet. Der Plot ist speedy wie das Netz, ständig zweigen aus dem Hauptstrang elementare Reibereien ab, die den Roman in seiner Dramaturgie bald zu einem gedachten Film werden lassen, den weder Personal noch Regie stoppen können.

Wolfgang Pollanz, Ein durch und durch durchschnittliches Leben

h.schoenauer - 08.02.2026

Wolfgang Pollanz, Ein durch und durch durchschnittliches LebenSobald man das Mittelmaß von etwas zu ermitteln versucht, treten die Extreme und Extravaganzen unkündbar in den Vordergrund. Ein durchschnittliches Leben zu ermitteln, führt in der Literatur verlässlich zu einem Heldenepos, in dem sich die Protagonisten nicht gegen ihre wahrhaftige Bedeutung zur Wehr setzen können.

Wolfgang Pollanz beschreibt im Duktus einer Autobiographie das Leben in Österreich, wie es ein vermeintlich durchschnittlicher Protagonist auf dem steirischen Lande von den 1950er Jahren bis herauf in die Gegenwart geführt haben könnte. Denn obwohl alles mit dem Selbstbewusstsein eines Schelmenromans erzählt ist, wird für den Musiker und Schriftsteller Wolfgang Pollanz das eigene Leben wie von selbst zur eigenständigen Literatur, die sich quasi zu einem individuellen Genre entwickelt hat.