Eleonore Weber, Und wir sind sie. And us are them

h.schoenauer - 23.10.2026

Eleonore Weber, Und wir sind sie. And us are themEine erregende Form von Lyrik befasst sich mit dem Verdichten von Philosophie, wobei die Fußnoten und Metaebenen zu dieser Theorie selbst zu Gedichten werden. Beim Projekt „Wüten im Symbolischen“, wie der Arbeitstitel des Unterfangens lautet, handelt es sich um eine deklariert künstlerische Arbeit mit Text, Bild und Form. Das Symbolische bedeutet jenen Raum, in dem wir zum Subjekt werden. „Es ist kein neutraler Raum, sondern ein Feld, in dem Macht, Begehren und Identität ständig verhandelt werden.“ (3)

Eleonore Weber beruft sich in dieser raffinierten Arbeit „Und wir sind sie“ häufig auf Lacan, der als Quelle, Zitat und sogar Gott überraschend auftauchen darf. Der Titel lässt sich prima vista als Anwendungsformel deuten: Wir Subjekte sind das, was in der Sprachbeschreibung als „sie“ einen Platzhalter gefunden hat.

Leser ohne Lacan-Hintergrund kommen vielleicht eher in den Genuss einer lyrischen Wolke, die durch die Ritzen der Spracherfassung und Sprachbeschreibung weht, wohl die wenigsten werden ein Studium der Lacan-Philosophie aufnehmen, um die verborgenen Primärtexte der Autorin restlos auszukosten. Die unbedarften Lesenden werden wahrscheinlich die philosophischen Hüllen als Jausenpapier nehmen, um daraus die Kunstwerke zu entwickeln wie die Semmel zur Pausenzeit.

Ein Überfliegen der Kapitelüberschriften ermöglicht ausreichend Halt, um die Methoden zu erkennen, nach denen Zeichnungen, Gedichte und dramaturgische Prompts gestaltet sind.

  • Metamorphose 
  • Wir sind, was folgt
  • Creatures
  • Copy Earthquake, Paste Moon
  • Coda
  • Analyse und Kritik

Die Texte, egal ob auf der Meta-, Sub- oder Prompt-Ebene konzipiert, sind englisch und deutsch gehalten, in Zeiten der Übersetzerapps ein scheinbarer Bonus-Track, der aber zeigt, dass man die Texte nach der klassischen Methode der Buchkultur zumindest layouten muss, um ihren Sinn zu erfassen.

Kleinere Stationen in der Chronik der Gegenwart lassen sich im lyrischen Kontext neu entdecken. So spielt das Motiv der Metamorphose eine tragende Rolle bei der Beschreibung von Veränderungen.

In der Sequenz „Das Tier / das Kleid / das Begehren“ kommt etwa ein Strang von Libido zum Zug, wenn durch Metamorphose das Animalische, die Verkleidung und die triebgesteuerte Aktion in Einklang gebracht werden sollen.

Die Ergebnisse dieser Konstellation sind frappant, so entpuppt sich die Rolle der Mutter plötzlich als pure Verkleidung. (28)

In der recht kriegerischen Sequenz „Drohnen über dem Ballhausplatz“ (48) wird darauf verwiesen, dass die einzige relevante Perspektive der Gegenwart jene der Drohne ist. Von oben aus wird die Welt vermessen, gescannt und anschließend vernichtet. Geradezu romantisch nimmt sich im Kontrast dazu der Krieg aus der Perspektive eines im Krieg verlorengegangenen Vaters aus.

„Mein Vater sprach nicht viel über den Krieg, / nur in Bruchstücken, / wie zum Beispiel, als er in ein / offenes Grab in Cottbus sprang / um sich vor fallenden Bomben zu schützen. / er war Horch-Funker bei der deutschen / Wehrmacht - […]“ (41)

Selbstverständlich muss auch ein Vogel auftreten, immerhin handelt es sich um ein lyrisches Projekt. In der Ausformung als Krähen unterwandern Vögel „als Text jede klare Semantik von Tier, Natur, Vogel – und zeigen ein System der Verwerfung.“ (63)

In einer fiktiven Analyse wird das Projekt zu einem Abspann zusammengepresst und mit der Paraphe Petra Panther unterzeichnet. Diese Signatur diente unter anderem der Künstlerin Petra Gall (1955-2018) als Branding für ihren Lesbenkalender. Jetzt gereicht die Analyse ihrem Werk zur Würdigung.

In einem Glossar sind die wichtigsten Gedankenströme Lacans aufgeführt, dabei stechen sicher der Diskurs des Hysterikers, der Diskurs des Kapitalisten und die Theorie des Spiegelstadiums hervor, bei letzterem handelt es sich um einen entscheidenden Moment der Ich-Bildung.

Die Zusammenfassung der Texte endet in einer eleganten Verknüpfung von allem, was im Generaltext angeführt worden ist: „So wird ‚Und wir sind sie‘ zu einem Labor des Gemeinsamen – einer Schreibbewegung, die Gemeinschaft nicht behauptet, sondern hervorbringt, indem sie spricht, fragt und reflektiert.“ (119)

Eleonore Weber, Und wir sind sie. And us are them
Wien: edition fabrik.transit 2026, 136 Seiten, 24,00 €, ISBN 978-3-903267-98-5

 

Weiterführende Links:
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Edtion Fabrik transit: Eleonore Weber
Homepage: Eleonore Weber

 

Helmuth Schönauer, 22-06-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Eleonore Weber
Buchtitel:
Und wir sind sie. And us are them
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
edition fabrik.transit
Seitenzahl:
136
Preis in EUR:
24,00
ISBN:
978-3-903267-98-5
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Eleonore Weber, geb. 1966 in Wien, lebt in Wien.