Johannes Gelich, Chlor

Buch-CoverManchmal bestehen Romane aus einem signifikanten Stoff, der sich penetrant auf den Leser überträgt. In Norbert Gstreins Roman „O2“ etwa zischt der pure Sauerstoff der Ballonfahrt quer über den Text, in Kurt Leutgebs Roman „K2“ wird der undefinierbare Müll zu einem Megagebirge, das sich im Kopf des Lesers ablegt.

Johannes Gelich lässt in seinem Roman durchgehend Chlor austreten. Als Leser ist man schon bei der Nennung dieses Mediums geistig in einem Hallenbad und denkt an Chlorgasaustritte, Chlorgasvergiftungen und Chlorakne.

Ähnlich mies geht es auch dem Protagonisten des Buches, der Ich-Erzähler ist freigesetzt worden, ein doppeldeutiges Wort, setzt man doch Chlor frei wie einen Arbeitnehmer.

Jetzt flutscht das Leben völlig aus allen Fugen, wird amorph, wässrig chlorhältig. Der Held geht immer öfter ins Hallenbad, schwimmt, schaut, richt und versucht den Chlorgeruch zu hause zu verheimlichen.

Die Ehe hat zunehmend Aussetzer, nicht einmal ein simples Huhn kann der wässrige Held braten, wenn seine Frau Vivien von einer langen Dienstreise aus Zürich zurückkommt, und Sex ist ohnehin unmöglich, wenn der Geschlechtspartner gerade aus der Schweiz kommt, wo alles pingelig verklemmt abläuft.

Allmählich verbreitet sich jene wohlige Urgelassenheit die entsteht, wenn wir vom Fruchtwasser des Urozeans träumen mit idealer Körpertemperatur knapp über siebenunddreißig Grad.

Man braucht weniger Kraft als man glaubt! (138)

Alle Tätigkeiten werden zu einem Plätschern, Verwerfungen werden zu Wellen, das Leben wird weich und hygienisch einwandfrei, Chlor erweist sich als Aphrodisiakum. Der Sinn des Lebens ist nah! Loser und Gewinner haben im Wasser den gleichen Auftrieb.

Johannes Gelich erzählt von der Härte der Wirtschaftswelt in einlullend weicher Wellnessform. Der freigesetzte Held scheißt sich tatsächlich nichts und lässt sich treiben wie ein Fisch im Wasser. Die wilden Wellen sind gezähmt durch die Einfriedung des Hallenbades und das Chlor macht das Leben wirklich erstrebenswert sauber.

Andersrum betrachtet ist Chlor ein Roman aus der Wirtschaftswelt, der zeigt, was passiert, wenn die Menschen aus der Wirtschaft aussteigen.

Johannes Gelich, Chlor. Roman.
Graz: Droschl 2006, 211 Seiten, EUR 19,-. ISBN 978-3-85420-699-6

Weiterführende Links:
Literaturverlag Droschl: Johannes Gelich, Chlor
Wikipedia: Biographie Johannes Gelich

 

Helmuth Schönauer, 19-07-2006

Bibliographie

AutorIn

Johannes Gelich

Buchtitel

Chlor

Erscheinungsort

Graz

Erscheinungsjahr

2006

Verlag

Droschl

Seitenzahl

211

Preis in EUR

19,00

ISBN

978-3-85420-699-6

Kurzbiographie AutorIn

Johannes Gelich, geb. 1969 in Salzburg, lebt in Wien.