Alfred Paul Schmidt, Diese weite Welt
Wenn man die weite Welt nur eng genug fasst, hat man sie bald vollends im Griff und sie frisst einem aus der Hand. Alfred Paul Schmidt schrumpft in seinem Roman „Diese weite Welt“ das Universum auf die Stadt Graz herunter, der er den wundersamen Namen Schenn gibt, was schnell ausgesprochen etwa „schön“ bedeuten könnte. Und weil es so schön ist, heißt auch der Fluss Schenn, an den die Stadt angedockt hat.
Ich-Erzähler, Protagonist und Antreiber für exzessives Denken ist Christian Leitner, Schriftsteller und siebenundvierzig Jahre alt, was ein gewisser Anachronismus ist, denn üblicherweise sind erzählende Schriftsteller allemal in Ruhestand. Aber das ist der Held vielleicht auch, denn er geht keiner geregelten Arbeit, ja nicht einmal geregeltem Schreiben nach. In der Hauptsache streift er durch die Stadt und bleibt am Lokal Neger hängen, dessen Namen man gerade noch aussprechen darf, weil es sich um einen Traditionsbetrieb handelt, der nichts für Political Correctness kann.
Ein vielschichtiger Roman hat den Vorteil, dass man ihn nicht falsch lesen kann. Denn eine Komponente passt immer, und über diesen entgegenkommenden Weg öffnen sich bald auch die Seitenstränge und Querträger der Komposition.
Wenn die Stimmung im Land wieder einmal bedrückend wird, hilft manchmal ein Roman nach der Vorlage von Kleists Michael Kohlhaas, damit man sich mit dem Helden identifizieren, mit ihm kämpfen und mit ihm in Würde untergehen kann.
Sobald man das Mittelmaß von etwas zu ermitteln versucht, treten die Extreme und Extravaganzen unkündbar in den Vordergrund. Ein durchschnittliches Leben zu ermitteln, führt in der Literatur verlässlich zu einem Heldenepos, in dem sich die Protagonisten nicht gegen ihre wahrhaftige Bedeutung zur Wehr setzen können.
Ein echter Zirkus verwandelt jene Glücksvorstellungen, die im Laufe einer Kindheit aufgekeimt sind, in raren Fällen bei Erwachsenen zu einem realen Paradies. Der Weg zum Zirkus ist jedenfalls wie die meisten Bildungswege holprig und absonderlich.
Gegen Jahresende greift man die Bücher mit besonderer Ehrfurcht an, allzu oft überfällt einen dabei das letzte Aufzucken einer Epoche, von der man noch einen Zipfel Aktualität ergattert.
Bilder als Titel lösen spontan Sehnsüchte aus, die sich aus Musik und Literatur zu einem bestimmten Thema aufgestaut haben. Sobald „Nebel auf den Feldern“ als Cover vor den Leseaugen auftaucht, beginnt eine Musik nach finnischer Art zu erklingen, die Landschaft wird weit und „finnisch“, und wenn sich dann noch der Nebel auf die Felder legt, beginnen die Seelen der Bewohner zu flirren, deren Schicksale von einem wechselnden Schleier an Stimmung zusammengehalten werden.
Widerstand, Eigenart und Selbstbewusstsein der Südtiroler resultieren aus dem täglichen Überlebenskampf des Individuums inmitten der Massen. Josef Oberhollenzer zeigt in seinen Romanen immer wieder, dass es sich lohnt, ein Individuum zu sein. Denn es sind immer die Massen, die einsam sind, ‒ die Einzelgänger sind nämlich umkost von Kunst und Literatur.
Wer das erste Mal durch Zufall oder als Geheimtipp in das Darknet geraten ist, wird hinterher nur schwer beschreiben können, was er darin gesehen hat. Martin Mader entführt mit dem Roman „Am Anfang wieder die Nacht“ die Leser in ein Darknet, worin alles vorkommt, was man sich in einer Gegenwelt erwarten möchte: Dunkelheit, Exzesse, Geld, Drogen, Waffen, Verschwörungen, Geschäfte.
Die wahren Helden der Zeitgeschichte sind oft Medien, die sich mit einem kleinen Taschenmesser einen Weg durch den Dschungel der Meinungen schlagen. Dabei liegt die wahre Regierung über den kleinteiligen Zeitgeist meist als Impressum einer unscheinbaren Kleinzeitung auf.