stefan kutzenberger, friedingerDie Fiktion ist ja per se etwas Farbloses und Diffuses, das erst beim Lesen Konsistenz erlangt. Im Falle von schwerer Fiktion entsteht daraus ein Kosmos, der sich zu einer handfesten Figur verdichtet.

Stefan Kutzenberger hat einen raffinierten Erzählplan. Er geht scheinbar autofiktional in die Figur des Stefan Kutzenberger über, der eine schwere Schreibkrise durchmachen muss, weil er eigentlich bloß Vater in einer glücklichen Familie sein will. Stark lastet die Sendung auf ihm, ein Schriftsteller sein zu müssen, seine Frau hat Mitleid und schenkt ihm eine Auszeit, er darf in Kreta befreit von der Familie einen Schreiburlaub zelebrieren.

josef oberhollenzer, süratherNichts macht die Menschen so hellhörig und aufmerksam wie ein Gerücht über einen Menschen, den es vielleicht gar nicht gegeben hat.

Josef Oberhollenzer stellt mit Sültzrather den idealen Aufmerksamkeitshelden vor. Sültzrather ist Zimmermann in Aibeln in Südtirol, er stürzt vom Baugerüst und ist querschnittgelähmt. Im Rollstuhl entdeckt er das Schreiben und schreibt sich ein Leben voller Dynamik unter die Schuhe. Später misstraut er seinen eigenen Phantasien und vernichtet alles. Was bleibt, ist ein Gerücht und ein hervorragender Roman.

andreas maier, die universitätAm klügsten sind immer jene Romane, wo sich ein Held aufmacht nach Tirol, durch gute Fügung aber von diesem Wahnsinn abgehalten wird.

Andreas Maier hat seine ersten Romane in Brixen geschrieben, ein Highlight ist dabei der Gerüchte-Roman über die mauschelnde Stadt Klausen. Mittlerweile arbeitet er beharrlich an einer Autofiktion, wo ein ziemlich autobiographischer Held sein bisheriges Leben in genießbare Portionen zerlegt. Dabei unterstützen persönliche Erfahrungen den allgemeinen Sound oder ergänzen diesen, wenn es sich um eine besonders individuelle Erfahrung handelt.

christoph linher, ungemachAlte Bernhard-Leser verlesen sich natürlich, wenn ihnen plötzlich der schroffe Titel „Ungemach“ entgegenfliegt, das hat doch bei Bernhard 1968 Ungenach geheißen?

Christoph Linher kennt natürlich aus der Innsbrucker Germanisten-Zeit seinen Bernhard, und als Sprachmeister weiß er, dass Ungemach eine Literatursorte ist, die in jeder Epoche neu geschrieben werden muss. Der Ich-Erzähler Maurig aus dem Jahre 2017 fliegt auf der ersten Seite aus dem Rechtswesen, als man ihm seine Anwaltslizenz entzieht.

niko hofinger, maneks listenElementare Romane dringen wie eine Naturgewalt in die Kunstbauten des Lesers ein und durchpflügen sein Weltbild und machen ganze Leseflächen instabil.

Niko Hofinger legt mit seinem Roman „Maneks Listen“ alles um, was sich der Leser als stabile Wahrheitspfosten ins Erdreich geschlagen hat. „Maneks Listen“ ist ein Roman der Irritation und der wahren Geschichtsschreibung. Schon der Vorsatz von Mark Twain sagt eigentlich alles: Die Wahrheit ist verrückter als die Fiktion, aber das ist so, weil die Fiktion verpflichtet ist, sich an Möglichkeiten zu halten; die Wahrheit aber nicht.

serhij zhadan, internatDie Dramaturgie der Hölle besteht darin, dass es keine Handlung gibt, nur flächendeckendes Kriegsfeuer, das jederzeit an allen Stellen der Stadt ausbrechen kann.

Serhij Zhadan versetzt seinen Helden Pascha in eine ostukrainische Stadt, die halb verwüstet im Not-Modus mehr vegetiert als funktioniert. Geschildert werden drei Tage, die aber eher als symbolische Zeitangabe zu sehen sind. Die Schöpfung wurde ja seinerzeit in sieben Tagen aufgebaut und zerfällt apokalyptisch in drei Tagen.

mario wurmitzer, im inneren des klaviersWas geschieht, wenn jemand im Märchenton „steckenbleibt“ und die kaputte Welt nur mit märchenhaften Satzformeln zusammenzukleben vermag?

Mario Wurmitzer erzählt einen politischen Thriller als skurriles Märchen. „Im Innern des Klaviers“ zeigt eine Königstochter und einen Lebenskünstler auf der Flucht vor einem repressiven System. Nach außen hin mag das Staats-Klavier vielleicht staatstragende Töne ausspucken, wer im Innern dieses Machtinstruments sitzen muss, ist zum Auswandern genötigt.

stanislav struhar, die gabe der hoffnungEs gibt Wörter, die sind frühlingshaft hell und zuversichtlich, Gabe und Hoffnung gehören dazu, und wenn der Name Stanislav Struhar fällt, löst sich jede Düsternis aus der Literaturgeschichte und es wird plötzlich Licht.

Stanislav Struhar stellt seine Romanfiguren gerne in ein unauffälliges Ambiente, worin die Mehrsprachigkeit gang und gäbe ist. Seine Helden haben keine Zeit, sich mit Sprachproblemen lange aufzuhalten, weil sie miteinander reden wollen und deshalb auf Anhieb in eine herzliche Universalsprache finden.

thomas stangl, fremde verwandtschaftFür das Ausräumen einer Schatztruhe gibt es keine verlässlichen Richtlinien. Genauso wenig ist geregelt, wie man einen Roman voller Schätze ausräumen und im Kopf installieren soll.

Thomas Stangl stellt für „Fremde Verwandtschaften“ ein Roman-taugliches Gerüst auf, um seine Hundertschaften von Kleinessays zur Lage der Dinge und Verhältnisse in der Welt überschaubar zu installieren.

blasse heldenJe heftiger ein Rohr ums Eck gebogen wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es leckt und eine gigantische Gaswolke austritt. Wenn die Geschichte ums Eck biegt und einen Systemwechsel vorschlägt, entstehen in der Begleitliteratur die wildesten Helden und Geschichten.

Arthur Isarin gibt seinem Anton aus Deutschland die Chance, im Russland des Systemwechsels in den 1990er Jahren jede Menge Oligarchen, Putsch, Gewalt und Geschäfte zu erleben. Und der romantische Held darf sogar überleben und und am Schluss sagen, es waren die besten Jahre seines Lebens.