gerald murnane, die ebenenAls die Erde noch eine Scheibe ist, ist die Ebene so etwas wie die ganze plane Welt, die man sich vorstellen kann. Später wird aus den Ebenen etwas Geographisches, worin sich vorzüglich Schlachten abwickeln lassen, das Kind spielt mit der Ebene, worin es diverse Figuren aufstellt und schließlich sind wir Literaturmenschen immer hingerissen von den Ebenen. Spielebene, Sprachebene, Metaebene, an manchen Tagen verlieren wir uns beim Lesen darin.

Gerald Murnane wohnt in einem Land, das aus einer einzigen Ebene besteht und laut Lebenslauf hat er diese Fläche nie verlassen, sondern alles, was er braucht, in sie hineinprojiziert. „Die Ebenen“ sind ein rätselhafter Roman, der viel mehr Fragen offen lässt, als er zu Lebzeiten der Lektüre zu beantworten gewillt ist. Der Roman ist eine Kulturgeschichte, ein Schöpfungsbericht, ein Abenteuerroman über die Verteidigung von Besitzständen und ein dramatisch-inniger Versuch, der inneren Peripherie Australiens eine Identität zu geben.

judith gruber-rizy, eines tages verschwand karolaDie höchste Erzählkunst muss immer dann aufgebracht werden, wenn es um das Verschwinden geht. Dabei handelt es sich um ein Paradoxon. Je mehr etwas verschwinden soll, umso höher ist der Aufwand an konkreten Sätzen, der das Verschwinden besiegeln soll.

Judith Gruber-Rizy verwendet die Vorgänge rund ums Verschwinden, um dadurch eine halbwegs plastische Biographie in die Gänge zu bekommen. In der Germanistik steht die Verschwindens-Theorie hoch im Kurs, man denke etwa an Alfred Anderschs „Mein Verschwinden in Providence“ oder Gerhard Amanshausers unermüdliche Versuche, das Ich durch Erzählen mundtot und zum Verschwinden zu kriegen.

andrej platonow, tschewengurBin ich vielleicht Schriftsteller oder was? - Ein Funktionär mitten in der Steppe Russlands ist ganz verzweifelt, dass er den Sozialismus nicht nur organisieren, sondern auch noch erklären soll. (270)

Andrej Platonow stellt dem Funktionär den Schriftsteller nicht als Genossen an die Seite, sondern dieser hat mit der Beschreibung die Politik zu kontrollieren und voranzutreiben, wenn nicht gar alle in eine bessere Zukunft zu hetzen.

thoger jensen, ludwigZwischen Musikalität und Logik entstehen oft beinahe soziologische Kräfte, welche die Helden herumstoßen wie Billardkugeln oder Noten von Johann Sebastian Bach.

Thoger Jensen hat mit „Ludwig“ einen knappen Roman komponiert, der die inneren Kräfte der Bachschen Inventionen freilegt und worin die Helden in großer Gelassenheit letztlich das Glück an sich gewähren lassen.

daniela emminger, kafka mit flügelnIn der Literatur tauchen manchmal Länder auf wie bei einem Quiz. Dabei wird der Leser gefragt, was er schon weiß, ehe ihm der Roman dann eine neue Nuance des Länderwissens verschafft. Von Kirgisien kennt man in der Lese-Szene vielleicht Tschingis Aitmatow, und die User der Standard-Presse wissen am ehesten, dass dorthin die in Deutschland geklauten Autos verschoben werden, dass eine verdeckte Diktatur herrscht und unter den international tätigen Terroristen immer auch Kirgisen dabei sind.

Daniela Emmingers „Kafka mit Flügeln“ ist auf der ersten Ebene ein vollendeter Kirgisien-Roman mit Stoff, heldenhaften Figuren und elementaren Fragestellungen zu Kultur, Psyche und Wissenschaft. Auf der zweiten Ebene handelt es sich um eine Auseinandersetzung zwischen fiktionalem Experiment und experimenteller Fiktion. Und drittens ist erzähltechnisch gesehen der Roman so etwas wie die Schilderung einer heroischen Metamorphose vom Ei über Raupe und Puppe hin zum Schmetterling.

dasa drndic, belladonnaDann kam sie. Die Rente. (366) - In einem echten Rentnerroman wird das Leben ordentlich umgekrempelt, und das Eintreffen der ersten greifbaren Rente in Scheinen und Münzen ist erotisch wie das erste Liebesabenteuer, und tiefgehend, wie das Probe-Liegen am Sterbebett.

Dasa Drndic ist während der Auslieferung der deutschen Übersetzung ihres Romans Belladonna verstorben. Das gibt diesem Roman, der ohnehin von Aufhören, Abklingen und Aussetzen berichtet, einen zusätzlichen Abschieds-Drive. Und wenn ein Leser dann noch zeitgleich mit der Hauptfigur die erste Rente erwartet, ist die Authentizität des ganzen Falles nicht mehr zu toppen.

mark z. danielewski, das hausKultbücher haben den Vorteil, dass man sie nicht zu lesen braucht. Es genügt meist ein leichtes Nicken und das Thema geht vorbei. Anders ist es hingegen mit Pionierbüchern, diese muss man fast lesen, wenn man die Entwicklung der Literatur verstehen will. Und dann weiß man bei diesen entscheidenden Scharnier-Büchern nie, wie man sie lesen soll, mit der Erfahrung der Vergangenheit oder dem Geist der Zukunft?

Mark Z. Danielewskis „Das Haus“ ist beides, Kult- und Pionierbuch, weshalb man es lesen muss, denn auch hier sticht der Ober (Pionier) den Unter (Kult).

liam callanan, ich erfinde parisLängst ist Literatur ein globalisiertes Geschäftsmodell geworden, in dem Autoren ähnlich einem Spielerfinder mit allen Tricks versuchen, den Leser zu fesseln und für ein paar Stunden von dessen Realität abzuschnüren. Der moderne Roman gleicht oft eher einer Spielkonsole, mit der man sich wegzappt, als einer Anleitung, wie man die weggezappte Welt aushalten könnte.

Eine ganze Industrie von Creative Writing wirbt quer über den amerikanischen Kontinent jedes Semester um neue Schüler, und die Professoren verfassen dabei Romane, worin sie ihre Writing-Thesen ausprobieren. Zumindest die Schüler müssen das alles lesen, womit sich eine satte Buch-Auflage verkaufen lässt.

markus ramseier, in einer unmöblierten nachtEin Land ist immer so interessant wie es einen passenden Erzählmythos für sich selber hat. Das Beste an der Schweiz ist, was das Erzählerische betrifft, Heidi. Da wird nämlich das Mädchen unter dem sonnenbraunen Augenglanz des Großvaters durch ausgewählte Natur geführt, und auch soziale Komponenten bis hin zum sexuellen Übergriff werden nach dieser Lesart als etwas Natürliches gesehen.

Markus Ramseier ist sorgfältiger Heimatforscher im besten Sinne des Wortes. Als solcher ist er durchaus arglistig unterwegs, wenn er den Heidi-Mythos für seinen Zustandsroman über die Schweiz verwendet. Seine Heidi ist die ukrainische Übersetzerin Yana, sein Großvater ist Viktor, der einen impotenten Endspross einer emsigen Familie gibt. Beide lernen sich im Moskauer Puschkin-Museum kennen, wo Victor als Kunsthändler gerade einen großen Coup gelandet hat.

konrad rabensteiner, der geköpfte adlerEine Chronik der Kindheit ist meist wie eine windstille Hängematte zwischen zwei Bäumen der Gelassenheit aufgeknüpft, einmal ist es der Stamm der Altersmilde, der jede Kindheit abgerundet erscheinen lässt, zum anderen der Pfosten der Kindheit selbst, die ja mangels an Vergleichen immer als die beste der Welt empfunden wird.

Konrad Rabensteiner schreibt im Roman „Der geköpfte Adler“ eine Kindheit im Villanders der frühen 1950er Jahre auf, gleich zu Beginn fällt die magische Zeitangabe „sieben Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg“. Der Ich-Erzähler hat die Reife und Lebenserfahrung eines Erwachsenen, denn die Ereignisse werden zwar in einer zeitgenössischen Ergriffenheit geschildert, in Auswahl und Beurteilung aber aus der Sicht eines Alten.