Roman

Matthias Daxer, Sturmtänzer I

h.schoenauer - 29.05.2026

Matthias Daxer, Sturmtänzer IAuch fürs Lesen gilt: Das Auge isst mit! – In den letzten Jahren ist um diese Erkenntnis herum geradezu ein Hype entstanden. In der wertschätzenden Atmosphäre für das Kulturgut Buch hat sich eine klandestine Form der Literatur entwickelt, nämlich die „haptische Fantasy“.

Matthias Daxer versucht mit seiner mehrteiligen Komposition „Sturmtänzer“ die Kernelemente von Fantasy mit den Mythen der Alpen zu vermischen. Es geht bei ihm nicht um herumschwirrende Fantasie-Ritter, sondern um jene seltsam realistischen Sagen und Mythen, die im Land vorhanden sind und mit etwas Glück auch an die jeweils jüngste Generation weitererzählt werden.

Isabella Breier, Kosmo

h.schoenauer - 22.05.2026

Isabella Breier, KosmoEine Selbstkündigung lässt niemanden kalt. Zumindest die kündigende Person empfindet sich für ein paar Augenblicke als Individuum, das eine Entscheidung vorgenommen hat.

Isabella Breier stellt in Ihrem Roman „Kosmo“ schon im Titel einen vagen Kosmos vor, der thematisch, psychologisch und philosophisch so gut wie alles aufbricht, was wir im klassischen Wissenschaftsbetrieb mühsam in Schubladen und Fächer gepackt haben. Für die erste Beschreibung des Romans wird am Klappentext der Begriff „enzyklopädisches Erinnerungsuniversum“ verwendet.

Gerda Sengstbratl, Ein Ich wächst in mir wie Gras …

h.schoenauer - 11.05.2026

Gerda Sengstbratl, Ein Ich wächst in mir wie Gras …Eine Autobiographie wird in jenem Augenblick zur Literatur, in dem sie für eine größere Gruppe passt, die sich damit identifizieren kann. Im Idealfall passt das vorgestellte Schicksal gar auf eine ganze Generation.

Gerda Sengstbratl nimmt für ihren Roman einen Cartoon-ähnlichen Titel: „Ein Ich wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald.“ Nach dieser Melodie sind oft Bilderbücher gestrickt, wenn sie in griffigen Tafelbildern das anwachsende Ich zu einem einzigartigen Erlebnis-Konglomerat erweitern.

Andreas Pavlic, Selige Unruhe

h.schoenauer - 08.05.2026

Andreas Pavlic, Selige UnruheManche Romane richten sich pädagogisch wohl kalkuliert an eine bestimmte Altersgruppe. Selige Unruhe legt schon im Titel nahe, dass es sich dabei um Ruheständler handelt, die artig gegendert sind.

Tatsächlich scheint sich der Unterhaltungsroman von Andreas Pavlic an die Zielgruppe „ältere Damen“ zu wenden, denn diese spielen die Hauptrolle. Die Kohorte der jetzt Siebzigjährigen hat in ihrer Jugend wie verrückt die Abenteuer-Serie „Fünf Freunde“ der Enid Blyton (1897-1968) gelesen. Was liegt also näher, als im Stile eines Retro-Romans auf die 1960er ein Abenteuer aus der Gegenwart zu erzählen. Der Plot zwingt einen geradezu auf diese Erwartungsschiene, denn vier Freundinnen, die als aktive Berufstätige vor dreißig Jahren einmal eine Bürgerinitiative abgewickelt haben, treffen sich als Betagte zu einem Revival.

Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht

h.schoenauer - 24.04.2026

Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht„Meine Mandantin wird beschuldigt, den Ex-Freund ihrer Schwester getötet zu haben. Tatsächlich wird sie nicht nur beschuldigt, sie war es.“ (46)

Gianrico Carofiglio lässt seine Romane meist aus der Sicht eines grüblerischen Anwalts erzählen, wodurch die Ich-Position fiktional seiner Autobiographie sehr nahekommt, immerhin fußt auch sein literarischer Ruf auf der Tätigkeit eines erfolgreichen Antimafia-Anwalts in der apulischen Hauptstadt Bari.

Norbert Gstrein, Im ersten Licht

h.schoenauer - 13.04.2026

Norbert Gstrein, Im ersten LichtLiebe, Unglück, Krieg und Frieden geschehen fürs erste einmal so vor sich hin und werden erst später benannt und eingeordnet. In der Literatur verwendet man dafür den Ausdruck „im ersten Licht“, worin etwas Frisches liegt wie die Bergkette bei Morgenlicht oder die Veranda im Strahl des Frühstückskusses.

Norbert Gstrein erzählt „Im ersten Licht“ vom vergangenen Jahrhundert, als erzählenden Lichtstrahl verwendet er einen gewissen Adrian, der pünktlich 1901 für das damals noch frische Jahrhundert geboren ist, und dem bald einmal der Erste Weltkrieg in die Biographie pfuscht. Um nicht einrücken zu müssen, schlägt ihm sein Vater, ein Sozialdemokrat und Briefträger, mit der Axt einen Hinkefuß mit der Bemerkung, „die da oben sollen sich im Krieg gefälligst selbst ausrotten“.

Elias Hirschl, Schleifen

h.schoenauer - 30.03.2026

Elias Hirschl, Schleifen„Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder.“ – Ein Start wie die Pest! Elias Hirschl pusht den Roman „Schleifen“ hinein in das Langzeitgedächtnis der Leser, in diesem fulminanten Pest-Satz ist letztlich der ganze Roman angelegt wie eine DNA-Scheibe für das dazugehörende Individuum.

Franziska Denk, nomen est omen, ist die Datenträgerin für einen Denkprozess, der vorgeblich von der Philosophie des Wiener Kreises angeschoben ist, in der literarischen Wirklichkeit aber als grandios-groteskes Gedankenexperiment über die Sprache ankommt.

Alfred Paul Schmidt, Diese weite Welt

h.schoenauer - 11.03.2026

Alfred Paul Schmidt, Diese weite WeltWenn man die weite Welt nur eng genug fasst, hat man sie bald vollends im Griff und sie frisst einem aus der Hand. Alfred Paul Schmidt schrumpft in seinem Roman „Diese weite Welt“ das Universum auf die Stadt Graz herunter, der er den wundersamen Namen Schenn gibt, was schnell ausgesprochen etwa „schön“ bedeuten könnte. Und weil es so schön ist, heißt auch der Fluss Schenn, an den die Stadt angedockt hat.

Ich-Erzähler, Protagonist und Antreiber für exzessives Denken ist Christian Leitner, Schriftsteller und siebenundvierzig Jahre alt, was ein gewisser Anachronismus ist, denn üblicherweise sind erzählende Schriftsteller allemal in Ruhestand. Aber das ist der Held vielleicht auch, denn er geht keiner geregelten Arbeit, ja nicht einmal geregeltem Schreiben nach. In der Hauptsache streift er durch die Stadt und bleibt am Lokal Neger hängen, dessen Namen man gerade noch aussprechen darf, weil es sich um einen Traditionsbetrieb handelt, der nichts für Political Correctness kann.

Anna Rottensteiner, Mutterbande

h.schoenauer - 04.03.2026

Anna Rottensteiner, MutterbandeEin vielschichtiger Roman hat den Vorteil, dass man ihn nicht falsch lesen kann. Denn eine Komponente passt immer, und über diesen entgegenkommenden Weg öffnen sich bald auch die Seitenstränge und Querträger der Komposition.

Anna Rottensteiner streut unter dem vielschichtigen Titel „Mutterbande“ verschiedene Zugänge zu einer Geschichte Tirols im letzten Jahrhundert, dabei wird die „Erlebnis-Last“ auf die Schultern einer Handvoll Frauen verteilt. Auf der einen Achse ruhen die historischen Aspekte von Migration in der Monarchie, Weltkriege, Teilung des Landes, Sprachflüsse, Faschismus, Option und Emanzipation, auf der anderen Achse sind familiäre Zusammenhänge, emotionale Knoten, Rollenbilder und unauffällige Frauenbiographien abgelegt.

Stefan Soder, Schorsch

h.schoenauer - 16.02.2026

Stefan Soder, SchorschWenn die Stimmung im Land wieder einmal bedrückend wird, hilft manchmal ein Roman nach der Vorlage von Kleists Michael Kohlhaas, damit man sich mit dem Helden identifizieren, mit ihm kämpfen und mit ihm in Würde untergehen kann.

Stefan Soder stiftet der Literatur mit dem „Schorsch“ einen sympathischen Helden, der in einer Welt des wirtschaftlichen Umbruchs mit der bewährten Tradition des Bauer-Seins Schiffbruch erleidet. Der Plot ist speedy wie das Netz, ständig zweigen aus dem Hauptstrang elementare Reibereien ab, die den Roman in seiner Dramaturgie bald zu einem gedachten Film werden lassen, den weder Personal noch Regie stoppen können.