Geschichte | Politik

Jürgen Becker, Jetzt die Gegend damals

h.schoenauer - 25.09.2016

Erinnern entsteht meist durch Straffen und Eindicken des Gesehenen, letztlich sind es Felder und Ränder, die von einem Geschehnis übrigbleiben.

Nicht umsonst heißen die zeitlosen Bücher Jürgen Beckers einfach „Felder“ (1964) und „Ränder“ (1968). Ein Leben lang müht sich der Autor damit ab, Verfahrensweisen zu finden, wie man die Gedächtnisbilder rekonstruieren könnte, worin die Zeiten, Orte und Vorgänge aufgegangen sind. (17) Eine überzeugende Form dafür ist der sogenannte Journalroman.

Rolf Hosfeld, Tod in der Wüste

andreas.markt-huter - 22.09.2016

„Henry Morgenthau, der amerikanische Botschafter in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, telegrafierte am Abend des 31. Juli 1915 an das State Department in Washington: «Dr. Lepsius (…) hat aus verlässlicher Quelle erfahren, dass Armenier, zumeist Frauen und Kinder, deportiert aus dem Erzurum-Gebiet nahe Kemah zwischen Erzincan und Harput massakriert worden sind.»“ (7)

Der Völkermord an den Armeniern, dem der österreichische Schriftsteller mit seinem monumentalen Werk „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ jährt sich bereits zum 100. mal und immer noch sorgt das Verbrechen für diplomatische Spannungen zwischen der Türkei und anderen Ländern. Der Kulturhistoriker Rolf Hosfeld zeichnet in seinem Buch „Tod in der Wüste“ akribisch das Umfeld, die Vorgeschichte und die Umsetzung des Völkermordes zwischen 1915 bis 1916 nach, bei dem mehr als 1,5 Millionen Menschen auf grausame Weise um ihr Leben gekommen sind.

Thomas Weyr, Die ferne Stadt

h.schoenauer - 20.09.2016

Ein Nomadensprichwort sagt, du musst aus der Stadt fortziehen, um sie zu sehen.
Thomas Weyr haben die Nazis zur Emigration gezwungen, sein Blick auf die Heimatstadt Wien ist ein ungewolltes Ergebnis eines zwangsweisen Perspektivenwechsels, die Stadt hat seither immer einen fernen Klang für ihn.

Die ferne Stadt trägt zwar die schlichte Bezeichnung Erinnerungen, sie ist aber durchaus als kunstvoller Roman aufzufassen. Das hat damit zu tun, dass das erzählende Ich als Journalist ständig ein scharfes Auge auf die Dinge wirft, die Vorfälle werden nicht nur beschrieben, sondern auch analysiert. Der Erzähler bedient sich als Ergänzung und Korrektiv der Schriften seines Vaters, der ebenfalls als Journalist die Zeitgeschichte hautnah kommentiert. So wird die persönliche Geschichte in selten öffentlicher Form mit dem allgemeinen Zeitenlauf verstrickt.

Harald Specht. Das Erbe des Heidentums

andreas.markt-huter - 13.09.2016

„Diese Suche auf den Spuren des Heidnischen im abendländischen Christentum hatte mit einem geheimnisvollen Gemälde von Nicolas Poussin begonnen, auf dem eine rätselhafte Begräbnisstätte abgebildet war.“ (11)

Ausgehend von einem berühmten Gemälde des französischen Barockmalers Nicolas Poussin mit dem unscheinbaren Titel „Die Hirten von Arkadien“ und der mysteriösen Grabinschrift „Et in Arcadia ego“ geht der Autor den zahlreichen im Bild versteckten Hinweisen auf eine längst verloren geglaubte antike Glaubens- und Vorstellungswelt nach, die bis in die Welt der griechischen, ägyptischen und mesopotamischen Mythologie und Religion zurückreichen und mit dem Siegeszug des Christentums im Laufe der Jahrhunderte verdrängt, verboten oder assimiliert worden waren.

Willi Pechtl, Im Tal leben

h.schoenauer - 06.09.2016

Für Soziologen und Geografen ist das Tal etwas vom schönsten, was einem als Wissenschaftler passieren kann. Ein Tal ist ordentlich im Gelände eingegraben, es gibt ein Oben und Unten, die Entfernungen sind überschaubar, die Soziotope innig.

Willi Pechtl rückt dieser scheinbaren Ordnung des Pitztals mit einer kreativen Chaos-Methode zu Leibe, er nennt es längs und quer, wie sonst die Muskelfasern bei Säugetieren und Menschen bezeichnet werden. Die Hauptquellen für das „Porträt“ des Tales als Lebensraum sind Erzählungen und Bilder.

Susann Sitzler, Total alles über die Schweiz

h.schoenauer - 07.08.2016

Damit ein Staat einen Namen hat und weltweit anerkannt ist, muss er in Werbung, Mythen und Skurrilitäten investieren. Die Schweiz ist wahrscheinlich das ironischste und kreativste Mythengebilde unter dem globalen Staatenhaufen.

Susann Sitzler rollt in bewährter „folio-Manier“ die Schweiz mit Fakten, Graphiken und Analysen vor dem Leserauge aus. Begriffe wie Kantönligeist, Schweizerkäse oder Schweizermesser beschreiben die Schweizer Seele in Wort und Ding als Unikat.

Andrej Kurkow, Die Kugel auf dem Weg zum Helden

h.schoenauer - 28.07.2016

In diversen Heldenbiographien inklusive jener von Andreas Hofer wird immer zu wenig die Kugel gewürdigt, die aus einem normalen Menschen einen Helden macht.

Andrej Kurkow lässt es sich in seiner Trilogie „Geographie eines einzelnen Schusses“ nicht nehmen, etwas logisch Groteskes wie die Sowjetunion durch grotesk-logisch Helden darzustellen. Nach einem Volkskommissar, der ein Leben lang das Volk inspizieren muss, und einem Papagei, der politische Sprüche in krächzende Epen zu verwandeln hat, macht sich jetzt eine Kugel auf den Weg, einen Gerechten zu finden. Der Kugel beigesellt ist ein Engel, der den Helden immateriell retten kann, wenn er von der Kugel zerfetzt sein sollte.

Liliana Corobca, Der erste Horizont meines Lebens

h.schoenauer - 19.06.2016

Oft ist es ein einziges Bild, das den Zustand eines Landes nach außen trägt. Im Falle Moldawiens ist es meist ein leer gefegtes Dorf, aus dem Väter und Mütter wegen der Arbeit ausgezogen sind und worin sich die Kinder mit den Alten die Welt selbst einrichten müssen.

Liliana Corobca zeigt eine Welt mit allem Drum und Dran, freilich agieren darin in der Hauptsache Kinder, während die Erwachsenen zu Komparsen einer eigenartigen Dorfidylle werden. Die Erzählerin Christina muss nicht nur auf ihre beiden Brüder aufpassen, sie muss auch den Haushalt schaukeln und ist zwischendurch für einen Teil des Dorflebens in ihrer Gasse verantwortlich.

Martin Amanshauser, Der Fisch in der Streichholzschachtel

h.schoenauer - 09.06.2016

Um eine Gesellschaft so halbwegs allumfassend und gerecht beschreiben zu können, bedarf es eines außenliegenden Erzählstandpunktes, der ein Minimum an Überblick verspricht.

Martin Amanshauser verwendet für seine epochale Piraten-Saga „Der Fisch in der Streichholzschachtel“ gleich zwei erzählende Ausgucke. Zum einen lässt er den Ich-Erzähler Fred aus der Sicht einer desaströsen Karibikfahrt in der Gegenwart erzählen, zum anderen schickt er den italienischen Chronisten Salvino als zweiten Ich-Erzähler an Bord eines Piratenschiffes in einen Zeitflash dreihundert Jahre zurück.

Dietmar Pieper / Johannes Saltzwedel (Hg.), Rom. Aufstieg einer antiken Weltmacht

andreas.markt-huter - 07.06.2016

„Wo liegen die Ursprünge unseres Abendlandes? Kulturell gewiss zum größten Teil im antiken Griechenland – aber politisch und sprachlich lassen sich die entscheidenden Denkformen, öffentlichen Einrichtungen und Traditionen des Kontinents auf das alte Rom zurückführen.“ (11)

„Rom. Aufstieg einer antiken Weltmacht“ bietet eine historische Reise von den Anfängen der Stadt am Tiber bis zum Aufstieg Roms zur beherrschenden Großmacht am Mittelmeer und dem Zerfall der Republik. Dabei werden die wichtigsten Stationen des Aufstiegs Rom zur antiken Weltmacht sowie das gesellschaftlichen und kulturelle Leben in jeweils eigenen Kapiteln von verschiedenen Autorinnen und Autoren chronologisch und thematisch strukturiert vorgestellt.