Gesellschaft | Kultur

Norman T. Grant, Das Loch in der Wand

h.schoenauer - 20.10.2013

Spätestens seit der Geschichte mit dem tragbaren Loch von Paulchen Panther wissen wir, dass ein Loch in der Wand immer Ungemach bedeutet.

In Norman T. Grants Erzählung fängt es dann auch recht unauffällig an, obwohl immer etwas Seltsames in der Luft liegt, wenn sich ein Schriftsteller in einem Häuschen einrichtet, um darin zu schreiben. Schriftsteller Thimm hat sich allerhand Macken zugelegt, damit er das Schreiben aushält, andererseits ist er dadurch sozial ziemlich unverträglich geworden.

Franzobel, Der junge Hitler

h.schoenauer - 17.10.2013

Wenn sich etwas spielen lässt, gilt es als bewältigt, sagt man in der Psychoanalyse.

Im Stück „Der junge Hitler, eine Therapie“ stellt Franzobel die Frage, ob sich der Hitler-Spuk schon spielen lässt oder ob er immer noch brandgefährlich ist. Die Groteske ist bei ihm nicht immer Herr der historischen Lage und macht sich phasenweise aus dem eigenen Stück davon.

Christoph W. Bauer, Die zweite Fremde

h.schoenauer - 10.10.2013

Wer die Heimat verliert, tauscht dafür zwei Fremden ein. - Nicht nur das neue Leben wird fremd, auch das bisherige verabschiedet sich von einem.

Christoph W. Bauer stellt in seinem Erinnerungsbuch aus der Gegenwart zehn jüdische Innsbruckerinnen und Innsbrucker vor, die alle nach dem Anschluss mehr oder weniger gerade noch ins Ausland fliehen konnten. Oft sind alle Spuren ausgelöscht, die Wohnungen okkupiert und nie mehr zurückgegeben worden.

Wilhelm Genazino, Tarzan am Main

h.schoenauer - 06.10.2013

Während Tarzan wie selbstverständlich zur Liane greift, um von einem Hot-Spot des Dschungels zum nächsten zu schwingen, greift ein Autor zum essayistischen Erlebnisbericht, wenn er sich durch den Dschungel einer Stadt zu schwingen hat.

Wilhelm Genazino schwingt sich in seinem Beobachtungsessay durch alle Stadtteile Frankfurts, dabei beschreibt er triviale Sehenswürdigkeiten und Alltagspersönlichkeiten genauso wie seinen literarischen Weg durch die Stadt und das eigene Schreiben.

Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

h.schoenauer - 01.10.2013

Wenn die allgemeine Literatur schon Maßstäbe für etwas Groteskes, Verrücktes und Schizophrenes zu setzen imstande ist, so lautet die Steigerung all dessen wahrscheinlich nordkoreanische Literatur.

Adam Johnson hat für Recherchen zu seinem dystopischen Mega-Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ einige Zeit in Nordkorea zugebracht, weshalb für uns Leser jeder Satz, so verrückt er auch klingen mag, authentisch wirkt.

Herbert Rosendorfer, Finsternis

h.schoenauer - 24.09.2013

Das bäuerliche Volksstück funktioniert in der Hauptsache als Karikatur und Groteske, obwohl es an manchen Bühnen im Glauben an die Renaissance des Genres durch Felix Mitterer immer noch ernst aufgeführt wird.

Herbert Rosendorfer lässt keinen Zweifel, wie er das Stück von der Finsternis in alpinen Landen haben möchte: als Karikatur zum bürgerlichen Trauerspiel, nennt er sein dunkles Erleuchtungsstück „bäuerliches Trauerspiel“. Gleichzeitig ist das Stück durchaus als Lesestück geplant, der Autor misstraut dezidiert dem Aufführungs-Getue, indem er etwa in der Regieanweisung schreibt: „bin neugierig, ob sich der Bühnenbildner daran hält.“ (9)

Ulrich Ladurner, Solferino

h.schoenauer - 19.09.2013

Manche Orte können es sich nicht aussuchen, ob sie von der Geschichte beglückt oder heimgesucht werden.

Der kleine Ort Solferino im Süden des Gardasees mit aktuell gerade mal 2.500 Einwohnern ist so ein geschichtlicher Ort, worin sich 1859 drei Weltereignisse verdichtet haben: in der Schlacht von Solferino verliert Österreich die Lombardei, Solferino wird zu einem Meilenstein in der Einigung Italiens zu einem Nationalstaat, in Solferino gründet ein geschockter Henry Dunant das Rote Kreuz.

Martin Kolozs, Zweite Liebe

h.schoenauer - 17.09.2013

Damit du deine Muttersprache verstehst, brauchst du eine andere Sprache, die dich dabei beobachtet. Kann diese Glücksmethode aus der Welt der Sprache auch für die Liebe gelten?

Martin Kolozs erzählt das unauffällige Leben einer Frau, die der Liebe zwischendurch in den Lauf rennt. Denn eigentlich ist die Bühnentänzerin Lena nach einem Arbeitsunfall ziemlich ängstlich und abgeschottet. Die Liebe kommt ihr zufällig ins Haus, nicht umsonst heißt das erste Kapitel: „Ich fand dich, ohne dich gesucht zu haben.“ (7)

Arno Heinz, Und eine Nacht

h.schoenauer - 15.09.2013

Spielt das Alter des Erzählers eine Rolle für den Stoff des Erzählten? – Normalerweise ja, weil der Erzähler jeweils in einer gewissen Zeit verankert ist. Wenn der Erzähler freilich uralt ist, wird auch der Stoff zeitlos.

Arno Heinz spannt seine beiden Protagonisten eine Nacht lang auf die Folter, indem er sie zusammen mit einem Trupp Reisender auf einem vergessenen Flugsteig aussetzt. Auf dem Weg zwischen Check-In und Passagierkabine ist der Flug verloren gegangen, die Passagiere sitzen ohne Kommunikationsmittel mit der Außenwelt in diesem seltsamen Stück Realität in Warteposition, sinnieren vor sich hin, versuchen zu schlafen oder sonst wie geduldig zu sein.

Franz Tumler, Aufschreibung aus Trient

h.schoenauer - 12.09.2013

Es gibt Romane, die sind aus einem unerfindlichen Grund öfter vergriffen als zugänglich, obwohl sie die erzählten Meilensteine eines gewissen Landstücks sind. Andererseits fordert diese Vergriffenheit die Leser heraus, die aktuelle Ausgabe neu zu lesen und zu würdigen.

Franz Tumlers Roman „Aufschreibung aus Trient“ aus dem Jahre 1965 gilt neben Joseph Zoderers Roman „Die Walsche“ (1982) als eine der literarischen Gesetzestafeln Südtirols. Im Rahmen der Werkausgabe ist Tumlers Meisterwerk jetzt wieder zugänglich, aufgeschlossen durch ein Nachwort von Sieglinde Klettenhammer, in dem sie vor allem das politische Engagement des ansonsten in politischer Hinsicht vorsichtig gewordenen Franz Tumler hervorhebt.