Rainald Goetz, Johann Holtrop
Eine Hauptaufgabe der Literatur ist es, die Zeitgeschichte in diskussionswürdige Geschichten zu verpacken, um dann die Geschichtsforschung auf den Plan zu rufen.
Rainald Goetz nennt dieses Unterfangen in seinem Roman über den Wirtschaftsboss Johann Holtrop einen Abriss der Gesellschaft, was durchaus doppelsinnig zu verstehen ist als Dekonstruktion und Überblick.
Im aktuellen Literaturbetrieb benützen immer öfter dreißigjährige Autorinnen alte Protagonisten mit der Diagnose Krebs, um jenen Stoff zu erzählen, der ihnen als Dreißigjährige sonst nicht als glaubwürdig abgenommen würde.
In kaum einer europäischen Gegend machen sich die Menschen das Leben so schwer, wie in Albanien. Als Verschärfung des politischen Regulativs kommt oft noch die Sippschaft hinzu, der niemand entrinnt. Die Sippe nämlich weiß immer, was der oder die Einzelne tut, im Familiengroßverband gibt es kein Individuum.
Letztlich gibt es für die Darstellung des undurchschaubaren Lebens in der Provinz zwei brauchbare Erzählrezepturen, zum einen braucht es grob aus dem sozialen Teig herausgestochene Kleinfamilien, zum anderen braucht es Kochrezepte, die zu allen Anlässen die entsprechenden Kaubewegungen auslösen.
In guten Krimis ist zwar der jeweilige Fall aufregend und stechfrisch wie junges Gemüse, getragen werden diese Fälle aber von der Verlässlichkeit der aufklärenden Persönlichkeiten, die mit ihrer Individualität jedes noch so freche Verbrechen in die Schranken verweisen.
Manche Bücher begleiten einen ein Leben lang, religiös veranlagte Menschen sagen Bibel dazu, Menschen, die in der Bürokratie arbeiten, sagen Büro dazu.
Ein Spießrutenlauf wird meist vom Publikum mit entsprechendem Kreischen begleitet und jeder Läufer tut gut daran, in solchen Situationen auf sein eigenes Inneres zu hören.
Wenn in einem Landstrich wie Südtirol ein besonderer patriotischer Mythos gepflegt wird, so wird oft darauf vergessen, dass viele kreative Seelen ausgewandert sind, andere haben schon die Welt gesehen und sind dann wieder ins Gebirge heimgekehrt.
Im allgemeinen Gebrauch bedeutet „mörderisch“ neben dem tödlichen Aspekt auch eine zustimmende Übertreibung eines Sachverhaltes. So kann etwa ein Menü mörderisch gut sein, ein Politiker eine mörderische Aussage hinlegen oder ein Rennläufer eine mörderische Abfahrt hinunter flitzen.
Nichts ist wahrscheinlich so schwer zu erzählen wie eine Geschichte ohne Handlung eingebettet in einer Gegend ohne Schwerpunkt mit Helden ohne Sinn.