Roman

Johannes J. Voskuil, Das Büro. Direktor Beerta

h.schoenauer - 30.04.2013

Manche Bücher begleiten einen ein Leben lang, religiös veranlagte Menschen sagen Bibel dazu, Menschen, die in der Bürokratie arbeiten, sagen Büro dazu.

Johannes J. Voskuil hat ein Leben lang in einem Amsterdamer Institut für Volkskunde an der Erstellung eines gigantischen Zettelkatalogs gearbeitet. Nach seiner Pensionierung hat er sich auf knapp fünftausend Seiten die erlebte Welt von der Seele geschrieben, sein Roman „Das Büro“ hat in den Niederlanden zu einer Welle geistigen und emotionalen Aufruhrs geführt. Der erste Band, Direktor Beerta, ist 2012 auf Deutsch erschienen.

Peter J. Gnad, Kreiss' Lauf

h.schoenauer - 18.04.2013

Ein Spießrutenlauf wird meist vom Publikum mit entsprechendem Kreischen begleitet und jeder Läufer tut gut daran, in solchen Situationen auf sein eigenes Inneres zu hören.

Peter J. Gnad stellt den Helden Kreiss als geschundenen, getriebenen und ausgestoßenen Helden vor, der es fallweise mit sich selbst sehr laut und heftig angeht. Sein Lebenslauf knirscht praktisch von Kindheitstagen an.

Marion Schiffler, Ich war das Jadekind

h.schoenauer - 14.04.2013

Wenn in einem Landstrich wie Südtirol ein besonderer patriotischer Mythos gepflegt wird, so wird oft darauf vergessen, dass viele kreative Seelen ausgewandert sind, andere haben schon die Welt gesehen und sind dann wieder ins Gebirge heimgekehrt.

Marion Schiffler berichtet in ihrer autobiographischen Erzählung von ihrer Kindheit zwischen 1924 und 1938 in Kanton und Hongkong. Ihr Vater ist als Vertreter des deutschen Konzerns IG Farben in China stationiert, so dass es dem Kind an Wohlstand nicht mangelt.

Silvia Flür-Vonstadl, Mörderisches Tirol

h.schoenauer - 22.03.2013

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1486


Im allgemeinen Gebrauch bedeutet „mörderisch“ neben dem tödlichen Aspekt auch eine zustimmende Übertreibung eines Sachverhaltes. So kann etwa ein Menü mörderisch gut sein, ein Politiker eine mörderische Aussage hinlegen oder ein Rennläufer eine mörderische Abfahrt hinunter flitzen.

Für Silvia Flür-Vonstadl ist das mörderische Tirol beides, ein Land, in dem sich gut Morde platzieren lassen und ein Land, das irgendwie mörderisch aufregend ist. Der Krimi-Band wird von einer langen Stammgeschichte dominiert, der sieben kleinere Erzählungen beigestellt sind.

Wolfgang Pollanz, Felden

andreas.markt-huter - 15.03.2013

Nichts ist wahrscheinlich so schwer zu erzählen wie eine Geschichte ohne Handlung eingebettet in einer Gegend ohne Schwerpunkt mit Helden ohne Sinn.
Wolfgang Pollanz macht sich mit Hingabe an die Aufgabe, aus der fiktiven Stadt „Felden“ den ultimativen Charme herauszupressen.

Das Leitmotiv, das dabei alle Figuren zumindest einmal aussprechen müssen, lautet ganz lethargisch: „Keiner weiß, was wirklich los ist!“

Boika Asiowa, Die unfruchtbare Witwe

h.schoenauer - 04.03.2013

Damit eine Gesellschaft funktioniert, muss jeder und jede seine und ihre Rolle perfekt spielen. Multikulturelle Gesellschaften überleben überhaupt nur wegen dieser Verlässlichkeit.

In Boika Asiowas Roman „Die unfruchtbare Witwe“ taucht gleich zu Beginn eine Zeremonien-Meisterin als sogenanntes Kirchenweib auf. Diese Frau wacht einerseits darüber, dass die diversen Rituale in der bulgarischen Kleinstadt eingehalten werden, andererseits streut sie Gerüchte und liefert den Nullparameter für Nachrichten.

René Sydow, Der Reiher

h.schoenauer - 01.03.2013

Oft ist die Situation, in der man eine Todesnachricht erhält, beeindruckender, als die Todesnachricht selbst, vor allem, wenn man den Verstorbenen erst in der eigenen Biographie aufstöbern muss.

In René Sydows Roman „Der Reiher“ geht es um das Abrunden eines Lebens, um den Frieden mit den Verstorbenen, Überlebenden und sich selbst. Zu diesem Zweck macht der vierundsiebzigjährige Richard eine Reise zu sich selbst durch.

Peter Landerl, Die eine Art zu sein

h.schoenauer - 25.02.2013

„Der Österreicher wartet darauf, vom Denken befreit und erlöst zu werden, die Arbeit tut er gerne und gewissenhaft, aber denken will er nicht.“ (182)

Was hier im Stile Thomas Bernhards über die Österreicher philosophiert wird, stammt aus den Notizen eines Aussteigers, der durch eine Erbschaft aufs Land in die Nähe von Thomas Bernhard gespült wird. Peter Landerl stellt in seinem Roman nämlich den Helden schnörkellos einsam, österreichisch und belesen dar.

Rainer Juriatti, Lachdiebe

h.schoenauer - 18.02.2013

Üblicherweise leiden in der Literatur die Helden unter der Zeit, sie werden von ihr aufgefressen, verstoßen oder zur Strecke gebracht.

In Rainer Juriattis Roman „Lachdiebe“ freilich ist es umgekehrt. Da geht der Held so forsch mit seiner Umgebung um, dass sogar die Zeit abhaut. „So floh die Zeit“ heißt jeweils der letzte Satz eines Kapitels.

Gabriele Bösch, Schattenfuge

h.schoenauer - 13.02.2013

In der Literatur gibt es das pathetische Motto: Wenn du eine Nacht extrem hingekriegt hast, hast du vielleicht das ganze Leben hingekriegt.

An dieses Motto halten sich im Roman Schattenfuge von Gabriele Bösch die beiden Helden, sie, eine kreative Malerin, er ein kaputter Architekt. Für eine Nacht haben die beiden offensichtlich eine Vereinbarung getroffen: Er erzählt sein verpfuschtes Leben, sie malt ihn dabei, was das Zeug hält.