ruth bernardi, totgeschwiegene lebenDas ist der Traum jeder Sprachforscherin: Wenn das Gebiet klein genug ist, und die Sprache überschaubar groß, kann alles rund um diese Sprache von einer einzigen Person entdeckt, gepflegt und für die Zukunft fit gemacht werden.

Rut Bernardi hat die ladinische Sprache rund ums Grödnertal mit Lexika, Essays, Tondokumenten und Romanen ins Bewusstsein der Zeitgenossen gerückt. In ihrer jüngsten Arbeit lässt sie „totgeschwiegene Leben“ aus diesem Rayon wieder auferstehen und gibt ihnen zum ersten Mal eine Sprache.

philipp s. katz, du, forscher, du!Was waren das noch für Zeiten, als Forschern nicht nur geglaubt wurde, was sie erforschten, sondern als man sie auch noch unterstützte und als fröhliche Wissenskumpane begrüßte.

Philipp S. Katz ist nach fünfzig Jahren noch selbst ganz hingerissen von der Begrüßung, die ihm das Bergdorf Stuls bereitet hat anlässlich seiner anthropologischen Studien über Leben, Wandel und Lebenswandel in den 1970er Jahren. Die Formel „Du, Forscher, du! Kimm do auer!“ ist mittlerweile legendär.

constantin schwab, das journal der valerie voglerBald wird die Erde so vermüllt sein, dass es keinen Flecken mehr gibt, auf dem man ein Selfie mit unberührter Natur machen kann. Auch die Literatur leidet schon unter dem Mangel an unberührten Plätzen, worin sich die Seele in sich selbst austoben kann. Als letzte Refugien für kranke Psychen gelten Patagonien und Spitzbergen. Das früher weit verbreitete Sibirien ist ja momentan sanktioniert.

Constantin Schwab nennt seinen Roman „Das Journal der Valerie Vogler“. Mit diesem Genre versucht er einen halbwegs realistischen Rahmen für etwas abzustecken, was gerade dabei ist, jeglichen Rahmen abzuwerfen: Die absolute Kunst.

judith w. taschler, über carl reden wir morgenJe katastrophaler die Gegenwart empfunden wird, umso mehr weichen Romane in die Vergangenheit aus. Eine Familiengeschichte, die kurz nach dem ersten Weltkrieg aufhört, beruhigt aufgewühlte Pandemie- und Kriegsseelen gleichermaßen.

Judith W. Taschler erklärt in einem Begleitinterview zur Präsentation ihres Romans „Über Carl reden wir morgen“, dass sie sich aus dem frustrierenden Pandemiegeschehen ausklinken wolle, weshalb sie einen Stoff recherchiert habe, den eine Mühlviertler Familie so in etwa vielleicht im 19. Jahrhundert erlebt hat. Historie dient also zur Entspannung, weil man immerhin weiß, wie die Geschichte zu einem gewissen Zeitpunkt ausgegangen ist. In diesem Falle endet der Roman gegen 1920 und lässt genug Spielraum, ihn vielleicht bis in die Gegenwart heraufzuführen, wenn diese später einmal weiß, was sie will.

ada zapperi zucker, in südtirol und anderswoWenn einmal das große Wirtschaften die Macht übernommen hat, wird davon auch die Literatur eines Landes berührt. Bei Büchern über Südtirol denkt man meist an Krimis, Hotelprospekte und Sommerfrische-Storys. Kaum jemand kommt auf Anhieb auf die Idee, dass sich unter dem Label Südtirol auch Schicksale, Erzählungen und Lebensgeschichten verbergen könnten.

Ada Zapperi Zucker überrascht Land und Leser mit einer alten Weisheit: Wenn du die Geschichte eines Landes verstehen willst, musst du dir von den Alten erzählen lassen, wie es aus ihrer Sicht gewesen ist. Aus den oft vertrockneten Mündern lassen sich manchmal alte Plots heraushören, sie sind aus klaren Farben wie eine Grundierung von Himmel, wenn die Wolken der Zeitgeschichte aufgerissen haben.

elias schneitter, civettaDas Kind kommt zum ersten Mal in die Provinzstadt und ist erschlagen von der Weite und Undurchdringlichkeit der Stadt. Es kann nur einzelne Wörter lesen und merkt sich den Straßennamen Resselstraße, sollte es verlorengehen. Dort nämlich wohnen Bekannte. Aber o Wunder, der Name Ressel geht ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf, er steht für Abenteuer, Sicherheit und Orientierung. Diese drei Dinge verspricht auch die Literatur, weshalb ein Leser immer Züge des Josef Ressel an sich hat, wie das erwachsene Kind eines Tages bemerkt.

Elias Schneitter trägt schon ein Leben lang die Geschichte des Josef Ressel ungelöst und voller Bewunderung mit sich herum. Lange sind seine Fragmente in diversen Schatullen und Kisten zur Ruhe gebettet gewesen, aber jetzt hat er seine gesammelten Alterskräfte aufgeboten, ist ins Technische Museum in Wien zu den Originalschriften gefahren, und hat eine wundersame Erzählung geschrieben. Diese berichtet in der Verkleidung des Erfinders der Schiffsschraube letztlich davon, wie es einem in Österreich ergeht, wenn man seine privaten Erfindungen dem öffentlichen Geist, dem Kaiser, den Volksvertretern und der Beamtenschaft aussetzt.

ana schnabl, meisterwerkZwischen Literatur und Geschichte herrscht immer ein unausgesprochenes Wechselspiel. Zum einen vermag die Literatur gesellschaftliche Umbrüche voranzutreiben oder zu verhindern, zum anderen werden in Zeiten des Umbruchs selbst intime Liebesgeschichten zu einem Politikum.

Ana Schnabl verwendet für ihren Roman „Meisterwerk“ die Witterung des untergehenden Jugoslawiens und stellt den einzelnen Kapiteln immer eine Stadtlandschaft voller Pfützen voran, worin Helden in ihren nassen Kleidern herumtapsen. Und schon beim ersten absichtslosen Betreten eines Treppenhauses merkt jeder, dass hier ein Staat am Ende ist, und es setzt bedrückende Stimmung ein.

fiston mwanza mujila, tanz der teufelManchmal erzählt sich ein Roman von selbst, indem er sich zu Beginn als Stück Landkarte zeigt, worin alles eine Stimme hat. Schon das erste Abtasten dieser Karte mit einem kalten Lesefinger lässt den Text aufwallen: Hier erzählen Hitze, aufsteigende Blasen, wabernde Lava, einstürzende Minen und aufgewühlte Menschen von der Geschichte der Kolonialisierung und um ihr Leben.

Fiston Mwanza Mujila, der schon lange in Graz lebt, ist etwas verrückt Schönes gelungen. Er hat mit „Tanz der Teufel“ einen österreichischen „Zaire“-Roman geschrieben. Der brodelnde Kessel ist auf zwei Herdplatten in Angola und der Demokratischen Republik Kongo aufgestellt und heiß gemacht. Die einzige Information die der europäische Leser aus dieser Konstellation ins Bewusstsein überleitet, ist ein Gefühl für unermessliche Größe, entkoppelte Peripherie, Dschungel und Bergbau und für ein eigenes Gesetz, das vielleicht über Musik verlautbart wird. Zaire ist dabei als kultureller Überbegriff zu verstehen.

helga pregesbauer, coronaBei der Stofflektüre aus dem Ersten Weltkrieg ist es nach hundert Jahren egal, ob jemand in den ersten Wochen gestorben ist, wie Georg Trakl 1914 in Grodek, oder im zweiten Jahr der Katastrophe, wie August Stramm 1915 am Dnjepr-Bug-Kanal.

Corona wird vielleicht in hundert Jahren ähnlich abgekühlt betrachtet werden, noch ist offen, welche Schriftsteller dann literarisch noch am Leben sein werden.

alexander kluge, zirkus - kommentarEin Künstler wird, solange er aktiv in der Kunst tätig ist, seine Biographie mit jedem Kunstwerk nachjustieren, wenn nicht gar neu schreiben, weil ja so viel Stoff da ist.

Alexander Kluge ist in mehreren Sparten unterwegs, seine Kunst ist es vielleicht, dass er zwischen den Sparten eine eigene poly-artistische Arena aufgemacht hat. Bei einem Kluge-Statement handelt es sich meist um ein Konglomerat aus Film, Bild, Text und Biographie. Seine Fans sind jedes Jahr überrascht, wie er Kunstwerk und Leben in permanenter Reprise neu gestaltet. Heuer hat er als dramaturgisches Leitmotiv den Zirkus gewählt, der ihn schon seit Kindertagen begleitet. Was um diesen Schlüsselbergriff herum geschieht, wird trocken Kommentar genannt.