Bettina Obrecht, Opferland
„Nein! Ich werde diese Rolle nicht spielen, niemals! Warum denn ich? Ausgerechnet ich? Hört bloß auf, das kann doch kein Zufall sein. Ihr macht mir nichts vor. Geht das denn immer weiter?“ (5)
Der 15-jährige Cedric rastet aus, als seine Theatergruppe an der Schule ein Stück über Mobbing aufführten möchte und ausgerechnet er das Mobbingopfer spielen soll. Er fühlt sich von seiner Vergangenheit eingeholt, in der er vor seinem Schulwechsel jahrelang durch Mobbing gequält worden war. Als ihn auch noch Lars, der beliebteste Schüler der Theatergruppe, anpöbelt: „Na, Opfer? Wie fühlt man sich als Loser?“ (14) rastet Cedric aus und schlägt ihn nieder.
„Es gab nur eine Sache, vor der Delia Angst hatte. »Das hätte sie niemals getan«, sage ich. Und in diesem Augenblick weiß ich, dass es die Wahrheit ist. Jeremiah nickt. Er dreht sich zu mir um. »Dann verstehst du also, weshalb ich deine Hilfe brauche.« (52)
„Sie drückt auf Senden und richtet die Augen wieder auf die Straße. Sie erblickt ein Objekt, das rasend schnell größer wird. Sie umklammert das Lenkrad und tritt auf die Bremse. Ein plötzlicher Schlag, das Auto gerät ins Schleudern. Im Scheinwerferlicht fliegen Baumstämme, Asphalt, ein heller Fleck, noch einmal Baumstämme vorbei. Mit einem Ruck bleibt das Auto stehen.“ (67)
„Dieses Buch würdigt eine Auswahl an Filmen, die die Faszination des Kinos am deutlichsten auf den Punkt bringen. Es sind die Werke, die in den Augen der Autoren den nachhaltigsten Einfluss erzielten, sowohl auf das Kino wie auf die Welt …“ (12)
„ … ich werde meine Tiere verlieren. Alle. Mein Bruder wird sich meinen Keller unter den Nagel reißen. Drei Jahre lang habe ich an meinem Insektenlabor herumgewerkelt und es aufgebaut. Drei Jahre lang habe ich Insekten gesammelt und gepflegt. Und plötzlich sollen sie alle verschwinden?“ (6)
„Alle Städte sind Geister. Neue Gebäude entstehen, über den Gebeinen der alten, sodass jeder glänzende Stahlträger, jedes Backsteinhochhaus die Erinnerung an das, was nicht mehr da ist, in sich trägt – ein architektonischer Spuk.“ (11)
„Es ist wichtig, dass du weißt, warum und genau wie alles passiert ist. Irgendjemand muss es wissen – irgendwem könnten die Informationen nützen, damit er nicht dieselben Fehler macht. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Hör dir meine Geschichte an.“ (14)
„Die Kunst der Verwandlung – also eine menschliche Form anzunehmen – war inzwischen so verbreitet, dass jeder Drache sie beherrschte. Und wer es nicht konnte, bekam eiligst einen Crashkurs verpasst oder wurde vom Orden des Heiligen Georg erlegt, jenem grauenvollen Drachenschlächterkult, dessen einziges Ziel unsere Vernichtung war.“ (32)
Erzählungen, die in einem Projektunterricht entstehen, haben oft den Charme großer Unverfrorenheit. Die jungen Autorinnen und Autoren können sich alles vom Leib schreiben, was sie gelesen und gehört haben, und müssen auf keinen Markt Rücksicht nehmen.
„Irgendetwas stimmte nicht. Alles war auf einmal so still. Das Rauschen der Blätter an den Bäumen draußen im Hof war verstummt. Ebenso das Stimmengemurmel hinter der Tür der Buchhandlung. Selbst die Uhr an der Wand tickte nicht mehr.“ (7)