Erzählung

Ada Zapperi Zucker, Über Frauen und andere Geschöpfe

h.schoenauer - 17.04.2016

Über Frauen und andere Geschöpfe lässt es sich nicht in einem Plot erzählen, sondern der Sound dieser Themen muss erarbeitet werden wie in einer Oper.

Ada Zapperi Zucker ist es als Opernsängerin gewöhnt, die Botschaft in zwei, drei Atemzügen auf die Bühne zu stellen. Im Falle der sieben Erzählungen über die „Frauen und andere Geschöpfe“, die naturgemäß erotisch und ironisch eingefärbt sind, gelingt dieser subtile semantische Hauch durch die Zwei-Achsigkeit der Sprache. Die Erzählungen sind links auf Italienisch geschrieben und sorgfältig übersetzt rechts auf Deutsch zu lesen, das Geheimnis der Stimmung besteht aber im Hin- und Herwechseln der Sprache. Denn die Kernbegriffe werden mit Umkreisungen herausgearbeitet, die Bedeutung ist nie fertig, manches lässt sich nur in einer Bewegung übersetzen und nicht als straffe Denotation.

Hilde Schmölzer, A schöne Leich

h.schoenauer - 22.02.2016

Seltsam verstreut tauchen am Globus die Hotspots des Totenkultes auf. Der skurrile Berufsfriedhof an der ukrainisch-rumänischen Grenze, die Toten-Gassen in Samarkand, die Blasmusikumzüge in New Orleans: der Wiener Zentralfriedhof ist eine ideale Bereicherung auf der Route der Jenseits-Versteher.

Hilde Schmölzer startet ihren Trip durch die Welt der schönen Leich am Eingang des Zentralfriedhofs, wo es an manchen Tagen ein Treiben wie auf einem Flughafen gibt. Touristen stellen sich die interessantesten Routen durch die Totenstadt zusammen, Kellnerinnen servieren um ihr Leben, ab und zu versammeln sich dunkle Kleidergruppen offensichtlich für eine Live-Bestattung.

Markus Bundi, Vom Verschwinden des Erzählers

h.schoenauer - 10.02.2016

Von Zeit zu Zeit sollte man als neugierig gebliebener Leser Texte von geschätzten Autoren mit etwas Meta-Stoff hinterlegen. Solche Bücher über Bücher sind durchaus unterhaltsam, fordern die Intelligenz heraus und stellen ein Instrumentarium zur Verfügung, das so etwas wie „lege artis“ in der Medizin entspricht.

Markus Bundi hat während seiner Alois Hotschnig Lektüre festgestellt, dass die meisten Begriffe bei diesem Autor nicht weiterhelfen, weil er offensichtlich etwas Neues erfunden hat. Ausdrücke wie Erzählperspektive und Erzählinstanz helfen nur bedingt weiter, weil Alois Hotschnig letztlich alles daran setzt, jeglichen Erzähler zum Verschwinden zu bringen. Das wertet den Leser auf, weil er letztlich zwar von allen Hilfsmitteln verlassen wird, dadurch aber auch Souveränität gewinnt.

Bernhard Strobel, Ein dünner Faden

h.schoenauer - 03.02.2016

Erzählungen verhalten sich oft wie ein feines Netzwerk, die einzelnen Stationen sind lose und mit hauchdünnen Kontakten unter einander verbunden. Und auch die diversen Figuren hängen zwar angeschlagen in den Seilen ihres eigenen Schicksals, halten aber ab und zu noch Ausschau, wie es den Partnern so geht.

Bernhard Strobel hat um die namensgebende Zentral-Erzählung „Ein dünner Faden“ neun Erzählungen ausgelegt. Seine Thujen-Episoden sind meist in einem Einfamilienhaus angesiedelt, wo sich die Protagonisten abgeschottet von der Umwelt im vorderen oder hinteren Gartenteil oder gar im Haus aufhalten. Meist sind es ausgelaugte Paare, die sich argwöhnisch beobachten, möglichst aus dem Weg gehen, um dann bei erster Gelegenheit einen Streit um nichts anzufangen.

Dieter Lenzen, Geliebt

h.schoenauer - 11.01.2016

Die statische und wie eine Wurstware gut abgehangene Form der Liebe ist das „geliebt“, das wie „geselcht“ klingt.

Und tatsächlich haben die Figuren in Dieter Lenzens Erzählband „Geliebt“ das meiste im Liebeswesen schon hinter sich. Manche sortieren noch, andere überlegen, wie sie die Sache beenden könnten, die dritte Gruppe schaut sich selber beim Zuschauen zu.

Benjamin Stein, Ein anderes Blau

h.schoenauer - 06.01.2016

Die Absichten der Literatur sind mannigfaltig, eine Besonderheit ist freilich, dass sie sich stets selbst analysiert und überprüft, ob die angestrebten Absichten auch erreicht werden. Die Literatur funktioniert dabei wie eine sich selbst reinigende Pfanne.

Benjamin Stein liegt viel daran, nicht nur eine ungewöhnliche Prosa zu erzählen sondern auch deren Entstehungs- und Wirkungsgeschichte. Die Lektüre von „Ein anderes Blau“ sollte man daher wie alle Bücher, die eines haben, mit dem Nachwort beginnen. Der Plan nach einem Erzählen der individuellen Wahrheit geht auf die Erfahrung in der DDR zurück, wo die Wahrnehmung und Wahrheit öffentlich genormt stattfindet.

Thomas Losch, Der neiche Frisör hat ihr die letzten Hoa ausgrissen

h.schoenauer - 18.12.2015

Spätestens nach dem Zusammenbau eines Fertigteilmöbels weiß jeder, wie wichtig diese Schrauben und ihre bildhafte Gebrauchsanleitung sind.

Thomas Losch behandelt mit seinen Geschichten, Miniaturaufnahmen und grenzwertigen Dialogen jene Schrauben, mit denen das große Geräusch der Alltagskommunikation zusammengehalten wird. Unter dem sagenhaft grotesken Aufreger, der neue Friseur hat ihr die letzten Haare ausgerissen, tummeln sich Klagen, Beileidsbezeugungen und abgebrühte Kommentare.

Andrzej Stasiuk, Der Stich im Herzen

h.schoenauer - 30.11.2015

Manche Gegenden sind so zerfleddert und zerlegt, dass sie nur mit einer Naht quer durch das Herz zu einem Bild zusammengeflickt werden können.

Andrzej Stasiuk schreibt vornehmlich über Grenzen, entkoppelte Gebiete, aus der Gravitation gefallene Gesellschaften. Der aktuellen Sammlung von knapp fünfzig Fernweh-Geschichten sind sechs Richtschnüre vorgespannt, wie man sich diesen Emotionen nähern könnte.

Jürgen Genthner, Therapienovelle

h.schoenauer - 23.11.2015

Eine Altherrenrunde, die sich regelmäßig dem Canasta hingibt, ist wahrscheinlich das Stabilste und Staatstragendste, was einem Staat wie Österreich passieren kann.

In Jürgen Genthners „Therapienovelle“ versammeln sich regelmäßig vier Typen Marke Hofrat um den Canasta-Tisch, alle haben es in jene Sphären der Macht geschafft, wo einem nichts mehr passieren kann und wo dann auch nichts mehr passiert.

Günther Oberhollenzer, Von der Liebe zur Kunst

h.schoenauer - 06.09.2015

In einer Gesellschaft, in der an manchen Tagen ausschließlich Börsen-orientierte Kalkulationen als Gedankengänge zulässig sind, haben es Diskurse über alles, wo keine Zahlen vorkommen, ziemlich schwer.

Günther Oberhollenzer legt sich die Latte gleich doppelt hoch, verwendet er doch Begriffe wie Liebe und Kunst, die mit Zahlenmaterial natürlich nicht zu bewältigen sind. Seine drei Grunderfahrungen zum Thema stammen aus einem aufwühlenden Studium der Kunstgeschichte in Innsbruck, aus seinen kuratierenden Tätigkeiten unter anderem in Südtirol und seiner „Hausaufgabe“ am Essl Museum.