Erzählung

Martin Kolozs, Der Ruf. Der Fall. Der Ekel

h.schoenauer - 31.03.2015

Der literaturgeschliffene Blick wird hinter der Begriffskette „Ruf-Fall-Ekel“ gleich ein Stück Literaturgeschichte aus den 1940er und 1950er Jahren erkennen. Die kulturpolitische Zeitschrift „Der Ruf“ versammelte rund um Alfred Andersch die verstümmelten Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg, „Der Fall“ (1956) von Albert Camus zeigt anhand eines Absturzes des Helden die Zerbrechlichkeit einer Utopie, und Jean-Paul Sartres „Der Ekel“ (1938) gilt überhaupt als das Hauptwerk des Existentialismus.

Martin Kolozs baut in seinen Erzählungen immer darauf, dass der Leser schon einmal längs und quer durch die Literaturgeschichte geritten ist, um die Anspielungen, Verwerfungen und Korrekturen in den Mustern der Helden erschließen zu können. Seine Erzählungen sind oft Folien, die leicht versetzt auf angelesene Vorlagen gesetzt sind, um einen gewissen literarischen 3-D-Effekt zu erreichen.

Evelyn Grill, Fünf Witwen

h.schoenauer - 30.03.2015

Wenn man Familienverhältnisse von der romantischen Verbrämung befreit, bleibt meist ein skurriles Skelett abgemagerter Beziehungen übrig.

Evelyn Grill platziert in ihren neun Erzählungen die diversen Heldinnen und Helden in einer grotesken Form der Familienaufstellung. Entweder die Protagonisten wollen etwas besonders gut machen oder sie haben schon ein Desaster hinter sich und versuchen, die letzten Reste der Individualität zusammenzukehren. Jedenfalls ist kein Drehbuch so lähmend und aufwändig wie jenes, das durch Ehen, Erbschaften und Erziehungsmaßnahmen führen soll.

Monika Helfer, Diesmal geht es gut aus

h.schoenauer - 23.03.2015

Den Wert einer Gesellschaft kann man an ihren Geschichten ablesen. Solange noch neue Geschichten erzählt werden, ist sie nicht gestorben. Monika Helfer erzählt als aufmerksame Alltagshistorikerin dutzende dieser Geschichten, die wie ein Lied noch Tagelang als Ohrwurm hängenbleiben.

Tatsächlich gleichen diese Geschichten jenen eindringlichen Balladen, die von den Missverständnissen zwischen den Generationen, den Abwehrmechanismen der Kulturen, der Geduld des Erforschens und dem Traum von einem geglückten Leben erzählen.

Alexa Wild, Schwarze Nebel, weiße Hände

h.schoenauer - 18.03.2015

Die Geschichte ist insgesamt ein grobmaschiges System, durch das letztlich mehr Menschen unbehelligt bleiben als von ihr wahrgenommen werden. Vielleicht ist es der geheime Sinn von Menschen in Randlage, dass sie ihre Geschichte individuell verwalten und sie nicht als Baustein irgendeines Gefüges ausgenutzt werden.

Die Journalistin Alexa Wild hat sich auf die Spur eines unbekannten „Geschichts-Helden“ gesetzt und ist auf Lukas Sekolovnik gestoßen, der in der Umgebung der Soboth jenseits aller Staatsgrenzen unauffällig sein Leben verbracht hat.

Ingram Hartinger, Das verschmutzte Denken

h.schoenauer - 06.03.2015

Das Saxophon lässt auch bei offenen Augen alles in ein blaues Licht verschwinden, der Blues legt sich auf die Seele, die Landschaft schliert sich ein in herbstliche Töne, das Denken befreit sich von den irdischen Klammern angesichts der Saxophonie.

Ingram Hartinger nennt seinen „Roman“ von einem mühsam abgearbeiteten Leben als Psychomaschinist eine Saxophonie. Sein Held Joris Ebner will auf keinen Fall einen Roman und schon gar nicht sogenannte Memoiren schreiben, „indem er Unwichtiges nicht ausließ, gelang es ihm, keine Autobiographie zu schreiben.“ (247)

Egyd Gstättner, Am Fuß des Wörthersees

h.schoenauer - 04.03.2015

Wenn der semantische Blödsinn schroff genug ist, wird es als etwas Selbstverständliches empfunden. Floskel-reiche Lokalgrößen in Kärnten sprechen seit Jahrzehnten vom Fuße des Wörthersees, wenn sie an seinem Ufer stehen, so dass diese Fügung mittlerweile für besonders authentisches Kärntnerisch gehalten wird.

Egyd Gstättner nennt seine Essays, Reportagen und Analysen schlicht Nachrichten aus der Provinz. Dabei muss er immer Zweifaches erzählen, nämlich den sogenannten trostlosen Inhalt eines stumpfen Ereignisses und zusätzlich den selbst-legitimierenden Erzähl-Standpunkt als Antwort auf den Vorwurf, dass er ja nie aus Klagenfurt weggegangen ist.

Marie-Thérèse Kerschbaumer, Res publica

h.schoenauer - 20.02.2015

Ab und zu tauchen sie jäh auf, diese Bücher, die aus der Zeit gefallen sind. Sie lösen ungeheure Überraschung aus in einer genormten Bücherwelt und zeigen, wie sich der sogenannte Zeitgeist letztlich in einer riesigen Gedankan-Flaute selbst still legt.

Marie-Thérèse Kerschbaumer eröffnet mit ihrer „Res publica“ gar eine eigene Reihe, die Ultramarin-Reihe im Wieser Verlag. Als Vorspann erklärt sie, wie es zu diesem edlen Namen gekommen ist.

Simon Konttas, Die Verdunkelung

h.schoenauer - 13.02.2015

Empfindsame Seelen müssen geschützt in abgedunkelter Atmosphäre gehalten werden, nur im Schutz der eigenen Umhüllung können sie manche Tage überstehen.

Simon Konttas zeigt in seinen beiden Novellen das Phänomen fragiler Psychen einmal als dunkle Variante am Rand der Gewöhnlichkeit und einmal als überhitzte Lichtflamme bei einem Gartenfest.

Susanne Schaber, Lesereise Island

h.schoenauer - 02.02.2015

Island gilt allenthalben als dermaßen einmalig, dass es davon nicht einmal ein Kitsch-Fassung gibt. Was immer man auch über Island sagt, es stimmt, denn es ist an manchen Tagen nicht von dieser Welt.

Susanne Schaber streift in ihrer Lesereise gleich einmal diesen Aggregatzustand zwischen Feuer und Eis, der die groteskesten Farbspiele auslost.

Daniela Böhle / Paul Bokowski (Hg.), Die Letzten werden die Ärzte sein

h.schoenauer - 30.01.2015

Wenn ein Thema ein Leben lang tierisch ernst behandelt wird wie der Kosmos Krankheit, löst schon die Aussicht, dass darüber Satiren und Grotesken verfasst werden, erwartungsvolles Gelächter aus.

Daniela Böhle und Paul Bokowski haben gut dreißig Satirikerinnen und Schreibhypochonder eingeladen, um dem Unwesen Arzt – Krankheit – Patient mit kurzen Erzählungen eine neue Sichtweise abzuluchsen.