Erzählung

Alois Schöpf, Glücklich durch Gehen

h.schoenauer - 08.09.2013

In der Literatur ist erst dann etwas Realität, wenn es in einem Buche steht, und auch vom Glück weiß man in der Literatur nur, dass es dann eintritt, wenn man es in einem Buch nachlesen kann.

So gesehen ist es nur logisch, dass der Schriftsteller Alois Schöpf sich seine Glückserfahrungen erst glaubt, seit er sie aufgeschrieben hat. Als Tiroler Autor unterliegt er zudem noch der unausgesprochenen Verpflichtung, zumindest ein Werk entweder über Berge, Almen oder eben dem Gehen verfassen zu müssen.

Josef Kleindienst, Freifahrt

h.schoenauer - 26.07.2013

Nichts macht Helden so kaputt wie der Umgang mit sich selbst in einer freien Fläche ohne Zeiteingrenzung.

Josef Kleindienst stellt in seiner Erzählung Freifahrt den arbeitslosen Erwin vor, der gerade vom Dorf in die Stadt gezogen ist, weil er dort dem Arbeitsamt näher ist.

Irgendwie ist er zwar volljährig aber noch nicht selbständig geworden, weshalb ihm der Schwager bei jeder Gelegenheit mit Brachial-Ratschlägen auflauert, die Schwester manchmal für ihn kocht und der Vater ihm eine Netzkarte der ÖBB schenkt, damit er sich in anderen Städten um Arbeit umsehen kann.

Manfred Mixner, Verstrickt in Geschichten

h.schoenauer - 14.07.2013

Im Hotel Ibis Mariahilf in Wien schaute ich vom zwölften Stock aus dem Vorrücken des Tageslichts um Lichtmess zu, während ich mich als Rezensent in Manfred Mixners Geschichten verstricken ließ.

Ungefähr in diesem Stil erzählt Manfred Mixner von den Stricken des Literaturbetriebs, in die er mehr oder weniger freiwillig geraten ist. Der literarische Ort macht die Literatur, heißt seine These, und sowohl für Leser als auch für Autoren ist es entscheidend, wo sie gerade ihrer Tätigkeit nachgehen. Aus diesem Grund betont Mixner auch mehrmals, dass er in einem Blockhaus lebt, was offensichtlich seinen Zugang zur Literatur maßgeblich beeinflusst.

Sven Daubenmerkl, Wandern in Verdun

h.schoenauer - 04.07.2013

„Wir wollen wissen, was Touristen von heute an der Schlacht von Verdun interessiert. Wir wollen wissen, wie Geschichte entsteht.“ (15)

Mit diesem klaren Programm ausgestattet treffen der Erzähler und seine fotografierende Frau in der toten Saison in Verdun ein. Das heißt, sie waten durch dichten Regen, der die historische Sicht vernebelt und aufklart in einem. Gerade sind die letzten Hundertjährigen gestorben, die einst noch am Schlachtfeld Verdun während des Ersten Weltkrieges anwesend waren, jetzt versinkt das teilweise gut erhaltene Gelände endgültig zu einer historischen Stätte.

Bernd Cailloux, german writing

h.schoenauer - 30.06.2013

Geheimcodes haben den Nachteil, dass sie Allgemeingut werden, sobald sie einen allgemein zugängigen Namen haben.

German writing ist natürlich ein Geheim-Code und was für einer. In der Titel gebenden Erzählung wird dem Ich-Erzähler von einer Illustrierten ein unwiderstehliches Angebot gemacht, er soll um ein Schweinegeld einen Essay über das Essen schreiben.

Egon Erwin Kisch, Die drei Kühe

h.schoenauer - 13.06.2013

In der Literatur gibt es immer wieder sogenannte Erzähl-Ikonen, das sind Geschichten, die über ihren Inhalt hinaus eine Geschichte der Rezeption als eigentliche Geschichte erzählen.

Die drei Kühe vom rasenden Reporter Egon Erwin Kisch sind so eine Erzählung. Der Inhalt ist aberwitzig grotesk, ein Tiroler Bauer aus dem Wipptal verkauft das Intimste seiner Identität, nämlich seine drei Kühe, um sich die Reise nach Spanien leisten zu können, wo er auf Seiten der Internationalen Brigaden am Spanischen Bürgerkrieg teilnimmt.

Giwi Margwelaschwili, Fluchtästhetische Novelle

h.schoenauer - 23.05.2013

„Wie komme ich jemals von hier weg, wenn kein Leser mich begleitet?“ (62)
Wakusch, der Held der fluchtästhetischen Novelle, hat tatsächlich seltsame Sorgen.

Er ist entführt worden oder vom Geheimdienst verhaftet, sitzt als Nachkriegsgefangener am Flughafen Berlin Schönefeld in einer Douglas mit sowjetischen Hoheitszeichen und sieht, wie die Maschine propellert, aber nichts geschieht. Als Buchstabenheld unterliegt er den Gesetzen der Buchstabenwelt: Buchpersonen sterben durch das Nicht-gelesen-Werden.

Markus Koschuh, Voulez-vous Koschuh avec moi?

h.schoenauer - 25.04.2013

Seit Markus Koschuh ein abendfüllendes und staatstragendes Stück über das Unwesen der Tiroler Agrargemeinschaften geschrieben hat, wirken auch seinen kürzeren Texte aus der Tiefe des Alltags wie verbotene Spikes in einem scharf gewuchteten Reifen.

Markus Koschuh nimmt für seine literarischen Piecen immer ein Stück Wirklichkeit, klaubt diese vom sumpfigen Boden der Medien auf und wirft sie wie ein Hölzchen durch die Luft. Manchmal saust diesem Stück Wirklichkeit das Publikum wie ein Hund auf der Wahrheitssuche hinterher, manchmal fällt so ein Stück Literatur einfach wieder zurück in den Morast des Alltags und versinkt.

Hannes Hofinger, Erdbeere mit Flieder

h.schoenauer - 23.04.2013

An der Schwelle zum Herbst des Lebens reißen sich in der Literatur die Helden oft noch alle Abenteuer vom Leib und versuchen kontemplativ auf den unsterblichen Sinn des Daseins zu stoßen.

Hannes Hofinger nimmt mit dem fruchtigen Titel „Erdbeere mit Flieder“ den Helden Daniel Hiob ins Visier, der schon allein durch seinen Namen ein Programm zwischen Kampf und Niederschlag mit sich durchzieht.

Thomas Schafferer / Johanna Maria Egger / Daniel Furxer, Pitsch, Patsch, Putsch

h.schoenauer - 11.04.2013

Was wie ein politischer Auszählreim klingt, ist ein poetisch-journalistisches Schreibprogramm der literarischen Connection „Die Schreibmaschinen“, die ihrerseits im Dachverband der Innsbrucker Literaturzeitschrift „Cognac und Biskotten“ untergebracht sind.

Die Schreibmaschinen treten lose in stets veränderter Form in den diversen Literaturzentren auf oder machen wie im Falle Budapest eine unscheinbare Stadt durch ihren Aufenthalt zu einem literarischen Ereignis.