Erzählung

Kei Kimura / Maketa Smith-Groves, Once Upon a Time. Es war einmal Fukushima

h.schoenauer - 25.03.2013

„Vor die Wahl gestellt zwischen Kummer und Nichts, nehme ich den Kummer.“ (116)

Was mit der Märchen-Formel „Es war einmal“ beginnt, ist der alptraumhafte Versuch, mit den Mitteln der Poesie und der archaischen Gedichtform das Unheimliche zu beschreiben, nämlich die Auswirkungen des implodierten Reaktors Fukushima.

Dietmar Dath, Kleine Polizei im Schnee

andreas.markt-huter - 13.03.2013

„Wie ist das mit Klima, Demographie, Islam und alles? - Ja.“ (55)
Etwa nach dieser skurrilen Fragestellung des so genannten Qualitätsjournalismus funktionieren viele der über vierzig Erzählungen, die Dietmar Daths unter dem ziemlich weltverlorenen Titel „Kleine Polizei im Schnee“ versammelt hat.

In der Hauptsache setzen sich diese Erzählungen aus essayistischen Kurzdialogen, spontanen Übermüdungen der Helden, glossistischen Aufarbeitungen von Headlines sowie utopischen Identitätsverlusten zusammen.

Musa Beksultanow, Ferne Gestade des Lebens

h.schoenauer - 08.03.2013

Von manchen Ländern ist in unseren Gestaden fast nichts bekannt und schon gar nicht deren Literatur. Von Tschetschenien wissen wir höchstens, dass dort Ausnahmezustand herrscht und viele Menschen das Land verlassen haben.

Musa Beksultanow, im Exil in Kasachstan geboren, lebt in Grosny, seine Erzählungen handeln immer wieder von Tschetschenien, das er mit den Mitteln der Trance, der Mythologie und der Erzählkraft der Vorfahren darzustellen versucht.

Thomas J. Hauck, Berlin, Moabit-Blues

h.schoenauer - 15.02.2013

Am besten lässt sich der sogenannte Sinn des Lebens beschreiben, wenn man alte, gut abgehangene Lebensentwürfe abtastet und mit dem Glanz der öffentlichen Gegenwart vergleicht.

Im „Moabit-Blues“ von Thomas J. Hauck gehen am Rande eines vollen Lebens zwei Figuren auf einander zu, aber es kommt nur zu einer flüchtigen Begegnung, wie sie Fahrgäste beim Warten erleben, wenn sich ihre Transfers in entgegengesetzte Richtungen verlaufen.

Ulrich Ladurner, Küss die Hand, die du nicht brechen kannst

h.schoenauer - 11.02.2013

In allen Kulturen gibt es sagenhafte Sprichwörter des Überlebens. Was im österreichischen Operetten-Sound heißt, „vergiss, was nicht zu ändern ist“, heißt in der Hauptstadtkultur des Iran „Küss die Hand, die du nicht brechen kannst.“

Ulrich Ladurner hat aus seinen Einsätzen als Korrespondent in Krisengebieten eine eigene literarische Form entwickelt, die man vielleicht als Überlebensroman bezeichnen könnte. Dabei wird die Faktenlage, die üblicherweise über die Medien gesendet wird, mit handfesten Schicksalen und Figuren unterlegt. Diese Figuren sind natürlich typisiert und anonymisiert, aber sie tragen im Kern jeweils echte Sätze von echten Interviews in sich.

Jürgen-Thomas Ernst, Levada

h.schoenauer - 04.02.2013

Manchmal müssen in der Literatur die Figuren durch die Hölle und versuchen dabei den Leser in den Strudel ihres Schicksals zu ziehen.

Jürgen-Thomas Ernst lässt in seiner Erzählung „Levada“ den Überlebenden einer Höllen-Ehe darüber räsonieren, wie ein Zusammenleben zwar ständig an der Kippe steht, aber wie in einer geheimen Mission über die Bühne und durch das Leben gebracht werden muss.

Rita Egger, Auf der Bozner Wassermauer

h.schoenauer - 01.02.2013

In der Literatur gibt es vom Klang der Namen her gesehen Orte der Konfrontation und Orte der Versöhnung.

Rita Egger sucht in ihren dreizehn Sommergeschichten wohlwollend gesonnene Orte auf, an denen sie ihre Figuren räsonieren, lustwandeln und mit Gelassenheit das eigene Leben überblicken lässt.

Angelika Rainer, Odradek

h.schoenauer - 28.01.2013

In der idealen Erzählung wird der Leser zu einem Kokon versponnen und somit ein Teil der Erzählung.

Der rätselhafte Begriff Odradek geht auf eine Erzählung Franz Kafkas zurück, worin eine gesichtslose Zwirnspule mit dem Hausvater in ein Gespräch tritt und ihm rätselhafte Zusammenhänge aus dem Untergrund des Hauses offenbart.

Wolfgang Hermann: Abschied ohne Ende

h.schoenauer - 14.01.2013

„Wenn das Sommerlicht einmal gebrochen war, kehrte es nie mehr zurück.“ (9) Wolfgang Hermann gilt als der Magier des Selbstverständlichen, oft sind es Lichtverhältnisse, der Wechsel einer Jahreszeit, der Verlauf eines Straßenzuges oder biographische Krümmungen zwischen Liebe und Tod, denen er mit frisch kalibrierten Sätzen zu Leibe rückt.

In der poetischen Dokumentation „Abschied ohne Ende“ findet ein Vater seinen siebzehnjährigen Sohn Fabius tot im Bett seines Zimmers auf. Dieser Tod kommt so unerwartet, dass es allen die Sprache verschlägt. Einzig der Körper des Vaters scheint eine Botschaft ausdrücken zu können, indem er eine Herzattacke auslöst.

Ingrid Windisch, Die Nächste, bitte!

h.schoenauer - 21.12.2012

Selten eine Ermunterung löst Schrecken und Erlösung gleichzeitig aus wie jenes berüchtigte „Die nächste bitte!“

Ingrid Windisch nimmt diese Floskel zum Anlass für Geschichten, die hinter den Krankengeschichten ihrer Patientinnen stehen. Als Hausärztin muss sie zuerst einmal mit dem männlichen Befehl aufräumen, denn noch immer sprechen auch Ärztinnen mit ihren Patientinnen in der männlichen Form „der nächste“.