Sophie Reyer, Tausendundein Tag
Geschichten sind oft Destillate aus einem gewissen Zeitabschnitt, die Märchen hingegen mischen mit ihrer Zeitlosigkeit die jeweilige Epoche auf. Wenn man nun die Geschichten in die Zeit streut, kann man vielleicht sogar die Zeit verändern.
Sophie Reyer nennt ihre Sammlung ganz nach Märchentradition Tausendundein Tag, dabei verlieren die Erzählungen offensichtlich das Magisch-Erotische der Nacht und durchsetzen das Tagwerk mit einer Überlebensmagie. Der Ausgangspunkt für diese Märchen-Geschichten ist nämlich ein Bunker, in den sich Menschen zum Überleben geflüchtet haben. In diesem Bunker werden aber auch die Geschichten der Überlebenden erzählt, vielleicht werden Teile davon sogar wie aus einem Untergrund-Sender in die Umgebungen gestrahlt.
Wenn es tausend Gründe gibt, weshalb man einen Roman lesen kann, dann wird wohl auch einer dabei sein für den Roman „Die Kapitel meines Herzens“, der sehr stromlinienförmig daherkommt. Wie alle Produkte aus der Welt des „Kreative Writing“ ist der Roman ein Produkt und kein Kunstwerk. Als Produkt macht er vieles richtig.
Graffitis und Wandmarkierungen lassen bei Tageslicht nur dämmrig erahnen, was sich vielleicht in den Nächten davor abgespielt hat. Der Kampfruf, „All Cops Are Bastards“, bringt die Wut auf den Staat zum Ausdruck, wenn man die entsprechenden Geschichten hört und die einschlägigen Protokolle liest.
„Dem Roman wird folglich als historische Darstellung ein großes Verstehens- und Erklärungspotential zu geschrieben. Auch die geschichtsdidaktische Beschäftigung mit dem historischen Jugendroman betont seit einiger Zeit das didaktische Potential der Gattung nicht nur für den nachhaltigen Aufbau von Sachwissen.“ (S. 11)
Tollkühn lässt sich der Zustand „interfer“ als „ungefähr“ übersetzen. Interfer ist ein Zustand, welcher Interferenzen auslöst oder umgibt, und Interferenzen sind je nach Fachgebiet Überlagerungen von Schwingungen, Übertragungen zwischen zwei Sprachen oder Wechselwirkungen von Medikamenten. Jeder Mensch hat also die Gnade, in den Sog von Interferenzen zu kommen und dabei selbst interfer zu werden.
„Sir Arthur Conan Doyles Krimiklassiker bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine motivierende und fächerübergreifende Auseinandersetzung im Unterricht, die das Begleitmaterial auf vielfältige Weise aufgreift.“ (S. 4)
Einem Weltroman gelingt es mit ein paar Anstichen, Atmosphäre, Zeitgeist und politischen Status einer Jahresgegenwart darzustellen. So ein Roman wird dann zu einem Referenztext, der wie ein Ohrwurm der Beatles eine Gefühlslage flächendeckend beschreiben kann.
In den 1970er Jahren hat der Referent bei Bibliotheksseminaren immer auf den feinen Unterschied hingewiesen: Es gibt den Heimat-Ernst und den Wilden-Ernst! Mittlerweile ist der massenhaft verbreitete Hans Ernst aus den Regalen ausgeschieden worden, während der unverwüstliche Gustav Ernst hoffentlich in jeder Bücherei steht.
Als das Reisen noch nicht mit der Maus geplant werden musste, bestellte man für besonders intensive Ausfahrten das Ticket „einmal einfach“. Darin war immer eine makabre Anmerkung für den Tod versteckt, dass man vielleicht nicht mehr zurückkommen wolle.
„Als Folge der neoliberalen (Regierungs-)Politik fast aller Parteien zeigen sich gesellschaftliche Spaltungen und ein Vertrauensverlust in den demokratischen Staat.“ (S. 7)