Petra Ganglbauer, Mit allen Sinnen
In der Literatur sind alle Zeiten gleichzeitig vorhanden, wenn wir uns auf den Weg machen, eine Erinnerung, eine Stadt oder eine Freundschaft abzurufen.
Petra Ganglbauer hat vor gut dreißig Jahren Graz verlassen und ist nach Wien gezogen, aber deshalb hat die Stadt noch lange nicht ihre Bindungen und Emotionen gekappt. Im Gegenteil, wenn jemand nach so langer Zeit einen intensiven Erkundungsaufenthalt angeht, springen plötzlich alle Sinne an. Deshalb ist dieses literarische Begegnungsbuch auch ein Rundum-Erlebnis, worin sich Kindheit, Spaziergänge, Plätze und Freunde auf dem Pflaster der Zeit wiedereinfinden.
„Es ist eine Schwelle, die die wenigsten Deutschen überschreiten: die in eine der zahlreichen Moscheen in unserem Land. Wir wissen sehr wenig über das, was sich in diesen Moscheen wirklich abspielt, und spekulieren doch so häufig darüber – etwa dann, wenn verstörende Videos und Predigten uns aufschrecken.“ (S. 11)
„Manchmal erweisen sich Spielereien, die man als Fingerübung begonnen hat, später als lebenswichtig. Natürlich tut es mir leid, dass ich Unbeteiligte in unsere Angelegenheiten hineinziehen muss, denn ich werde die Folgen nicht mehr in der Hand haben. Ich lasse eine wilde Bestie von der Leine und muss hoffen, dass sie ihre Opfer nur erschreckt, nicht zerfleischt.“ (S. 7)
„Schlaf jetzt, Häschen. Bist du dir sicher, dass der Wolf nicht kommt? Ganz sicher. Warum? Es gibt keine Wölfe mehr. Die Jäger haben sie verjagt. Gibt es gar keine Wölfe mehr? Doch, ein paar sind noch übrig aber nicht sehr viele.“
Die größte Integrationskunst ist dann gefragt, wenn es ein Mensch aus den Bundesländern in der Wiener Bobo-Szene mit anderen Bundesländer-Menschen zu tun kriegt.
„Sie stand auf, ging zu ihrem Schreibtisch und nahm das neue Notizbuch. Dann schrieb sie mit einem Bleistift den Wunsch, den sie in sich so deutlich hören konnte wie den Donner, auf die erste Seite. Ich wünsche mir, dass meine Eltern nur noch mich und nicht mehr Maya gehören.“ (S. 15)
Die beunruhigenden Romane setzen oft mit einem Kontrollverlust des Erzählers ein, mal erwacht einer als Käfer, dann wird er auf einem Boulevard erstochen oder jemand tritt auf einen zu und es ist dunkel.
„Als Beatrixd Gainsborough ihren letzten Enkel zur Welt kommen sah, war sie verrückt vor Freude. »Er soll heißen wie sein Großvater«, erklärte sie. »Ist dieser Name nicht ein bisschen lang für so einen Winzling?«, fragte die Mama.“
Wenn man sogenannte Helden aus ihrer angestammten Zeit nimmt, werden sie oft milde bis lächerlich. Auf jeden Fall aber halten sie der jeweiligen Gegenwart einen trüben Spiegel vors zeitgenössische Antlitz.
„Der Tag, an dem Betty Widdershins von dem Familienfluch erfuhr, war ihr Geburtstag. Es war ihr dreizehnter, für manche eine Unglückszahl, aber Betty war zu vernünftig veranlagt, um an solchen abergläubischen Unsinn zu glauben, auch wenn sie damit aufgewachsen war. (S. 17)