Christian Kössler, Ein Tor ist, wer im Tor isst
Die Literatur hat ganz schön Mühe, mit dem Anwachsen der Mediensorten mitzuhalten und dabei vielleicht sogar mit eigenen Genres zu kontern. Allen Anstrengungen gemein ist freilich die Aufgabenstellung, die der Germanist Stefan Neuhaus der Gegenwartsliteratur zugeschrieben hat: „Literatur ist Vermittlung.“
Christian Kössler ist als Bibliothekar von Natur aus Literaturvermittler. Die Betreuung der Klientel besteht im Kern darin, Literatur aus dem Regal zu nehmen und zumindest für Augenblicke zum Leben zu erwecken. Für diese Inszenierungen von Buchinhalten gilt es mindestens so viele Register zu ziehen, wie beim Spiel einer Orgel. „Mit Hand und Fuß musst du vorlesen“, heißt es im Bonmot.
Ich bin ein Zeitreisender mit einer besonderen Fähigkeit: Ich kann die Zukunft vorhersagen. Na ja, eigentlich kann ich es jetzt gerade nicht mehr. Aber der Reihe nach: Wie es dazu kam, ist eine ziemlich verrückte Geschichte. Eigentlich völlig unglaublich. Auch du wirst es nicht glauben. Deswegen habe ich bisher auch niemandem davon erzählt.“ (S. 5)
Das Genre Verwicklungsroman behandelt mehrere Handlungsstränge, die an sogenannten Umsteigeknoten einen Wechsel in eine neue Erzählung ermöglichen. Der österreichische Verwicklungsroman gleicht ziemlich genau dem Netz der österreichischen Bundesbahnen, das heißt, er kann von einer Person mit einem einzigen Ticket innerhalb von ein paar Halbtagen abgefahren werden.
„Es war einmal – welcher Autor darf es jetzt wohl noch wagen, sein Geschichtlein also zu beginnen. »Veraltet! – Langweilig!« – so ruft der geneigte oder vielmehr ungeneigte Leser, der nach des alten römischen Dichters weisem Rat gleich medias in res versetzt sein will.“ (S. 9)
„An die Stelle des feministischen Subjekts ist heute die »Performität« aller möglichen Identitäten getreten, mit denen herzhaft gespielt und en passant um die vielfältigsten Geschlechterpronomen gewetteifert wird. In Zeiten des flexibilisierten Spätkapitalismus ist die vereinzelte Identität – ganz im Gegensatz zur Individualität – die schlechterdings gefragte Bastion.“ (S. 10 f)
„Kinder sind Lernwunder und neugierig auf fast alles – besonders in den ersten Lebensjahren. Kathrin Schärer feiert in 30 eindrucksvollen Tierbildern kindliche Entdeckungsreisen und zeigt, was schon die Kleinsten alles können, wenn man ihnen Anregung bietet und etwas zutraut.“
Seit ewigen Zeiten bevölkern Krähen den Kontinent und werden im Frühjahr mit Geräuschen und Fetzen vom Saatgut verscheucht, im Herbst sind dann sie es, die die Menschen in die Häuser verscheuchen, indem sie ihnen vormachen, im Nebel sei der Tod nahe.
„Der Drache kauerte verängstigt am Boden. Einer seiner Flügel war nach unten verdreht. Verzweifelt fauchend versuchte er, mit den Flügeln zu schlagen. Doch er schien verletzt zu sein, den jetzt war sein Aufschrei noch lauter. »Ist schon gut Kleiner. Ich tue dir nichts«, sagte Rowan zu ihm. Drachen gab es also wirklich!“ (S. 35)
Ein gutes Lesebändchen ist stets aufgeregt, wenn es wo eingelegt wird. Es kommuniziert mit den Lesern und fragt stumm, warum es in welcher Reihenfolge wo eingelegt wird.
„Eine Passantin entdecket ein kleines Mädchen, das auf dem eisigen Betonboden einer Gasse hockte und mit dem Deckel einer Katzenfutterdose spielte. Als sie endlich ins Krankenhaus gebracht wurde, war sie blau gefroren. Sie war ein hutzeliges Dingelchen, zu dünn, mager wie ein Stöckchen. Sie kannte ein einziges Wort, ihren Namen: Wren.“ (S. 11)