Christoph W. Bauer, Aufstummen

Buch-Cover

Am besten schmeckt die Erotik, wenn man dabei die Gosche hält.

So trocken kommentiert der Volksmund die Tatsache, dass in den intimsten Gefühlsbereichen die Sprache nichts verloren hat.

Christoph W. Bauer umgeht dieses Dilemma, dass man mit nichts etwas sagen soll mit dem bemerkenswerten Kunstbegriff ?aufstummen?. Hier klingen jede Menge Auf-Zeitwörter mit, vom Aufbegehren bis zum Aufbocken der Seele.

Die Eingangs- und Schlusssequenzen des Romans haben mit diesem Phänomen zu tun, dass ein lange an sich selbst abgehangenes Beziehungspaar zwar noch Sätze von sich gibt, in Wirklichkeit jedoch wie zwei Würste in der Selchkammer des Daseins sein Paar-Leben herunterhängt.

Irgendwie muss die Woche angeworfen werden, er hat noch das Fußballspiel vom Wochenende im Kopf und versucht mit diesen Sportpartikeln zu sagen, dass er jetzt mit seinem eigenen Match in die Woche startet, sie stummt herum wie im Struwwelpeter, wo es ja die klassische Fügung gibt: ?Und die Mutter blicket stumm, auf dem ganzen Tisch herum!?

Das wichtigste Erzählmittel ist der Schnitt. Im Roman enden immer wieder Kapitel mit diesem Schnitt. Schnitt und aus. So lässt sich oft nicht auseinander halten, was nun im Film der Erinnerung, in Echtzeit oder in einem echten Film stattfindet, die Wahrnehmungspfützen rinnen in einander über. Manchmal surrt eine Filmspule, Bilder klicksen offensichtlich von einem Selbstauslöser initiiert, und als einzige Orientierung leuchtet das Exit-Schild im dunklen Erlebnisraum.

So wird auch das Wohnzimmer zu einem Original-Tatort, wenn ein Kommissar seine  Sätze aus dem Fernseher schleudert und die Sachverhalte im Leben draußen in Sätze kleidet. Die Frau sitzt mitten im sprachlichen Tatort, und wenn der Mann die Szene betritt, hat er jeglichen Zugang verloren. ?

Zugetextet, so kam sie sich vor, wenn der letzte Satz an seinen Lippen abriss wie ein Twist oder wenn er schlicht den Faden verlor, kurz innehielt, zugetextet und der ganze Raum gleich mit, Wände wie Säume, druckergeschwärzt, wischte er sich eine Strähne aus dem Gesicht, schwieg und wollte es anders, aber wie, nur es sagen.? (98)

Um diese Schnitte herum krebst ein Ich-Erzähler, der Kontakt zum Leser aufnehmen möchte. Freilich ist auch er zuweilen sehr verstört, seine Welt sind die Bücher, oft schweift das Auge ein Regal entlang und verliert sich in den Innenwelten, sprachlos. Als Leser muss man mit der eigenen Lektüre kontern und die selbst angelesenen Welten mit jenen des Erzählers zur Deckung bringen. So gibt es ab und zu sogar Schlupflöcher, diesem Aufstummen zu entkommen.

 ?Die Sprache ist das Schweigen, und ich bräuchte nur den Spiess umzudrehen, sagst du?? (129)

Christoph W. Bauers Roman ist eine ernste, tiefgehende Auseinandersetzung mit der Sprache, folglich auch ein auffrisierter Prüfstand für das Schweigen und die Dichtung. Die Ernsthaftigkeit schärft den Blick für die ordinäre Erlebniswelt und ist keusch genug, in Leichtigkeit umzuschwappen, ehe alles in Schwermut versinkt.

Christoph W. Bauer, Aufstummen. Roman.
Innsbruck: Haymon 2004. 143 Seiten. EUR 15,90. ISBN 3-85218-460-6.

 

Helmuth Schönauer, 18-10-2004

Bibliographie

AutorIn

Christoph W. Bauer

Buchtitel

Aufstummen

Erscheinungsort

Innsbruck

Erscheinungsjahr

2004

Verlag

Haymon

Seitenzahl

143

Preis in EUR

EUR 15,90

ISBN

3-85218-460-6

Kurzbiographie AutorIn

Christoph W. Bauer, geb. 1968 in Kärnten, lebt in Innsbruck.