catherine lowell, die kapitel meines HerzensWenn es tausend Gründe gibt, weshalb man einen Roman lesen kann, dann wird wohl auch einer dabei sein für den Roman „Die Kapitel meines Herzens“, der sehr stromlinienförmig daherkommt. Wie alle Produkte aus der Welt des „Kreative Writing“ ist der Roman ein Produkt und kein Kunstwerk. Als Produkt macht er vieles richtig.

Catherine Lowell hat diesen Roman quasi als Masterarbeit für Fiktion geschrieben. Der Stoff ist höchst anspruchsvoll, es handelt sich wieder einmal um die Geschwister Bronte, die die literarische Welt seit den 1840er Jahren aufmischen. Das Schicksal der Heldin Samantha ist ein sehr hohes und gebildetes, sie ist nämlich die letzte Nachfahrin der Bronte-Dynastie.

monika rox-helmer, der historische jugendroman„Dem Roman wird folglich als historische Darstellung ein großes Verstehens- und Erklärungspotential zu geschrieben. Auch die geschichtsdidaktische Beschäftigung mit dem historischen Jugendroman betont seit einiger Zeit das didaktische Potential der Gattung nicht nur für den nachhaltigen Aufbau von Sachwissen.“ (S. 11)

Gleich in der Einleitung erzählt ein Jugendlicher von seiner Erfahrung mit einem Jugendroman über die Novemberrevolution, von der er im Geschichtsunterricht nicht behalten habe, während ihm der Geschichtsroman die Augen für die geschichtlichen Ereignisse eröffnet habe. Rox-Helmer geht in ihrem Sachbuch den Möglichkeiten historischer Jugendromane für das Verständnis historischer Perspektiven nach.

christian somnitz, materialien„Sir Arthur Conan Doyles Krimiklassiker bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine motivierende und fächerübergreifende Auseinandersetzung im Unterricht, die das Begleitmaterial auf vielfältige Weise aufgreift.“ (S. 4)

Arbeitsmaterialien für Klassenlektüren bieten eine interessante Möglichkeit, auf spielerische Weise Hintergrundwissen zum Buch zu vermitteln, den Inhalt zu vertiefen und in Form von unterhaltsamen und spannende Arbeitsaufträgen zu verarbeiten.

thomas ballhausen, gustav ernstIn den 1970er Jahren hat der Referent bei Bibliotheksseminaren immer auf den feinen Unterschied hingewiesen: Es gibt den Heimat-Ernst und den Wilden-Ernst! Mittlerweile ist der massenhaft verbreitete Hans Ernst aus den Regalen ausgeschieden worden, während der unverwüstliche Gustav Ernst hoffentlich in jeder Bücherei steht.

Für die halbwegs gültige Einschätzung eines Literaturwerkes ist es immer günstig, wenn Angehörige der nächsten Generation die Würdigung übernehmen, bei der durchaus auch Zeitgenossen zu Wort kommen können. Thomas Ballhausen, Jahrgang 1975, hat knapp ein Dutzend Kolleginnen und Fans aufgeboten, um den Meister, Jahrgang 1944, in groben Zügen aufzubereiten. Das ist auch notwendig, denn allein das Schriftenverzeichnis der Gustav Ernst umfasst beinahe dreißig Seiten.

ferdinand sauter, durchgefühlt und ausgesagtDie Literaturwissenschaft hat neben dem Hauptzweck, das eigene Personal hermetisch abgeschlossen gegenüber der Welt zu halten und darin Karrieren zu ermöglichen, auch einen Nebenzweck für das gemeine Volk, nämlich Texte aus vergangenen Epochen so aufzubereiten, dass sie die Wissens-entwöhnte Krimi-Dauerleserschaft der Gegenwart auch verstehen könnte.

Ludwig Laher verwendet für dieses Unterfangen den schönen Begriff „besorgt“. Damit besorgt er es einmal den Flachlesern, andererseits drückt es seine Besorgnis aus, ob sein Thema wohl auch nicht verschollen bleibt. Sein Thema ist der Schriftsteller Ferdinand Sauter, der, 1804 in Werfen geboren, zum fünfzigsten Geburtstag an der Cholera in Hernals gestorben ist. Zu Lebzeiten ist kein Buch von ihm erschienen, seine Gedichte sind dann freilich lieblos bis schlampig immer wieder ediert worden, manchmal hat man sogar den Reim zerlegt, um sich einen jeweils zeitgenössischen Reim machen zu können.

giwi margelaschwili, bedeutungsweltenDie Heftigkeit eines Lebens lässt sich unter anderem daran messen, wie lange ein Interviewer braucht, um das Wesentliche einer Lebenskarriere darzustellen.

Bei Giwi Margwelaschwili dauert es fünf Tage im Frühjahr 2016, bis der Verleger des Verbrecherverlages Jörg Sundermeier mit den wichtigsten Fragen durch ist. Es kommt aber auch alles zusammen, was ein unglaubliches Leben ausmachen kann. Und wo die Fakten durch bloße Anrufung nicht ausreichen, werden manche Lebensstationen geschönt und zur allgemeinen Nachahmung aufbereitet.

christine zucchelli, wie tut ein wildes wandern wohlDer Tourismus benötigt jeweils hundert Prozent der Fläche eines Landes. Es gibt keine Ritze und keine Kluse, worin nicht im Verlaufe eines Jahres ein Tourist stecken würde. Tirol ist mittlerweile so erschlossen und touristisch bombardiert, dass man selbst die Literatur nur mehr dann an das Publikum bringt, wenn sie nach touristischen Grundsätzen produziert und aufbereitet ist.

Christine Zucchelli erschließt mit ihrem Wanderführer Landschaft und Literatur gleichsam. Im Gehen lässt es sich am besten denken, wissen wir seit Thomas Bernhard, und über den Gipfeln ist Ruh‘, wenn man Goethe Glauben schenkt. Wenn man zweihundert Jahre im Gebirge zurückblättert, so gibt es keinen Stein, keinen Pfad und keine Kapelle, die nicht von irgendeinem Dichter im Gebirge besungen worden wäre.

bild antonic felsbilderFür einen Leser, den wir sehen, stehen hundert unsichtbare Leser. Für eine Sprache, die wir sprechen, stehen hundert ungehörte Sprachen.

Thomas Antonic ist in vielen Kunstformen zu Hause, er wechselt laufend die Disziplinen, und auch die jeweils aufgegriffene Sprache ist nur eine Momentaufnahme. In Wirklichkeit schwingen alle denkbaren Sprachen mit, wenn etwa ein Text auf Deutsch erscheint. Diese Mannigfaltigkeit wird durch die Ästhetik des Spiegelbuches verstärkt, vorne oder hinten ist der Text einmal auf Englisch, einmal auf Deutsch abgedruckt. In der Mitte laufen die beiden Textstränge in einem Graphik-Block zusammen, der die strahlenden Textelemente wie in einem Atommeiler zu trennen versucht, ehe alles kritisch wird.

nils röller, bittermeerIn der Chemie und in der Literatur geht es vor allem darum, intelligente Verbindungen zu finden. Die Verbindung Kunst, Sex und Mathematik klingt so logisch, dass man nie einen Zweifel hegt, sie könnten nicht zusammengehören.

Nils Röller ist Mitherausgeber des online-Journals „Kunst, Sex und Mathematik“. Damit werden einerseits alle wichtigen Felder der Gesellschaft abgedeckt, andererseits zeigt die Verbindung dieser Komponenten Zusammenhänge, die man auf den ersten Blick nicht vermuten würde.

henry hitchings, die welt in seitenOb man ein Leser mit Tiefgang ist, lässt sich durch eine einzige Frage beantworten: Hast du neben der Bibliothek eine Buchhandlung, in der du persönlich angesprochen wirst?

Jeder anerkannte Leser wird auf Anhieb seine Lieblingsbuchhandlung beschreiben können, voller Anekdoten und kauzigem Inventar. Der Unterschied zu seiner Lieblingsbibliothek besteht vielleicht in der Ordnung der Bücher. Nach einem Diktum von Virginia Woolf „gibt es gebrauchte Bücher, die wilde Bücher sind, heimaltlose Bücher. Sie bilden gewaltige Herden mit buntem Gefieder und besitzen einen Charme, der den domestizierten Bibliotheksbänden fehlt.“ (17)