Das LESEMONSTER

Lesemonster.jpgViele Schülerinnen und Schüler, die vor Herausforderungen beim Lesen und auch Schreiben stehen, sind bis zur Einschulung in ihrer Entwicklung vollkommen unauffällig. Umso größer sind die Enttäuschung und schließlich auch die Verzweiflung, wenn dies alles nicht gelingt. Ein Schüler mit Lese- Rechtschreibschwierigkeiten drückte seine Erfahrungen mit diesem Satz aus: „Über Jahre bin ich jeden Tag für Fehler bestraft worden, die ich nicht sehen kann.“

Schülerinnen und Schüler mit Problemen im Lesen und Schreiben berichten oftmals von massivem Leidensdruck, wenn alles Bemühen nicht hilft, sie schlechte Noten trotz viel Üben bekommen und sich auch durch manche Hänseleien gedemütigt fühlen. Lesen und Schreiben kann zu einem „Monster“ werden, mit dem die Kinder und Jugendlichen jeden Tag und in den verschiedensten Unterrichtsgegenständen konfrontiert sind – und das ohne Ausweg. Schlimmstenfalls kann dies zu allgemeinen schulischen Nachteilen und sogar psychischen Auffälligkeiten führen: Lernunlust, Schulangst und Versagensangst können Folge von nicht erkannten bzw. nicht ernst genommenen Lese- und Rechtschreibproblemen sein. Dies äußert sich zum Teil über körperliche Beschwerden, aber auch durch Verweigerungshaltungen. Massive Hausaufgabenkonflikte können auftreten, im schlimmsten Fall wird der Schulbesuch verweigert.

Durchschnittlich arbeiten Schülerinnen und Schüler mit Lese- Rechtschreibproblemen bereits im Grundschulalter zweieinhalb Stunden täglich an den Hausübungen – oft kommt es dabei zu Streit und Tränen. Ebenso können Schwierigkeiten in der Konzentration und motorische Unruhe Folge von Lese- und Rechtschreibproblemen sein. Kinder und Jugendliche mit Schwierigkeiten in diesen Bereichen, die einem Großteil des Unterrichts nur schwer folgen können, weil sie mit dem Lesen nicht nachkommen oder bei Schreibarbeiten zurückbleiben, sind nicht nur in Deutsch, sondern in allen Unterrichtsgegenständen überfordert, in denen Lesen und Schreiben eine Rolle spielt.

 

Alle genannten Herausforderungen sollten niemals Anlass sein, eine Schuldfrage zu stellen: An den erzieherischen Fähigkeiten der Eltern, den Qualitäten des Unterrichts und am wenigsten am guten Willen und Fleiß der Kinder und Jugendlichen. Der pädagogisch wertschätzende Blick, die Zusammenarbeit mit den Eltern und das Einbeziehen von Expertinnen und Experten sind Hilfestellungen für die uns anvertrauten Schülerinnen und Schüler, damit diese über die Schullaufbahn hinweg ihre Potenziale entwickeln können und nicht an dem gemessen werden, was ihnen schwerfällt.

 

 

Literatur: Warnke, A., Hemminger, U., Roth, E. & Schneck, S. (2002). Legasthenie – Leitfaden für die Praxis. Begriffe – Erklärungen – Diagnose – Behandlung – Begutachtung. Göttingen: Hogrefe Verlag.

 

Text: Sabine Lang, 01.03.2022

Bild: Tanja Unterweger