Angelika Reitzer, Blauzeug

h.schoenauer - 26.01.2026

Angelika Reitzer, BlauzeugWie Sand im Stundenglas pendelt jedes Gedicht zwischen Theorie und Anwendung hin und her und häuft dabei Zeit als Gutschrift für die Ewigkeit an.

Angelika Reitzer spielt in ihren Gedichten stets mit offenen Karten, indem sie die Kompositionstheorie permanent durchschimmern lässt. Man nehme eine durchschlagende Farbstimmung und bearbeite sie mit dem passenden Werkzeug. „Blauzeug“ entwickelt sich dabei als durchschlagendes Motiv, das sich durch Tage, Jahreszeiten oder Lebensabschnitte ziehen kann.

Gleich zu Beginn flaniert das lyrische Ich durch Rom und arbeitet sich im permanenten Blauzeug in die Stadt ein, wie es Hundertschaften von Frauen tun, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen. Und nur die wenigsten sind im Blauzeug sofort sichtbar als ikonenhafte Arbeiterinnen. Im Langgedicht über zwanzig Seiten kommen die verschiedenen Berufe zum Vorschein, die vage an die blaue Stimmung andocken, in die erschöpfte Arbeitende gerne versinken, ehe die Nacht kommt. Der Blues der Nacht lässt sich als verlässliches Blauzeug besingen, und letztlich ist des der Begriff „blau machen“, der diesem Spiel um die blaue Stadt Rom den letzten Schliff gibt.

Zwischen den Zeilen des Arbeitsberichtes einer Lyrikerin in der ewigen Stadt sind die Theorien eingelagert als Palimpseste eines künstlerischen Auftrags. „Endlich, alle essen und ich: die die Solidarität verweigert / ich liefere keinen Tagesbericht ab, lege keine Zeilen vor / warte nicht auf den Nachtisch / und die säuerlichen Zeugnisse des KÜNSTLERS“ (18)

Die artifiziell verschlüsselten Zitate von ausgesprochenen Rom-Künstlern werden im Anhang des Langgedichtes pompös offengelegt: „Zitate stammen aus Ingeborg Bachmann, Wolfgang Koeppen, Paul Nizon.“ (24)

Angelika Reitzer spielt offen mit den Elementen der Stipendiumslyrik, wie sie an markanten Orten ausgelobt ist wie Tiktok-Streifen in diversen Spezialkulturen. Rom wird zum Arbeitsort von Stipendiaten, das Montieren der Texte wird als Arbeitsbericht veredelt, anschließend wird alles mit exquisiten Zitaten eingefleischter Rom-Dichter bestreut wie der Streuselkuchen aus der Küchenlyrik. – Blauzeug dient als raffiniertes Ablenkungsmotiv, um einen Ausweg aus der hermetischen Rom-Literatur zu finden.

Die obligaten Vögel, die in jedem Gedichtband der Gegenwart vorkommen müssen, werden tapfer im ersten Drittel des Bands abgearbeitet. Sie sind dieses Mal als Enten verkleidet und tauchen in einem kaiserlichen Kontext mit Schönbrunn auf. „In Schönbrunn stehen wieder die Enten Spalier / deutlich hör ich sie im Vorbeigehen / Schau, sie nicken uns zu, meinen: / Habe die Ehre. / Dieser Winter war lang / aber jetzt seid ihr da.“ (28)

Das Blauzeug lässt sich mit Raffinement aus diversen Habitaten herausfischen, wobei Konsistenz, Funktion und Gestalt des Blauzeugs sich ständig anpassen an die Umgebung, die poetisch beschrieben ist. Schönbrunn, Leere Stellen, rare Fenster, Landschaften immer heute, Sogenannte Bilderbuchtexte sind allseits vertraute Lebensräume für Gedichte, in ihnen lohnt es sich, nach Blauzeug zu suchen.

Die mittlere Abteilung des Gedichtbandes widmet sich dem lyrischen Ich, wie es sich ständig überprüft und beobachtet, während es Vorbereitung für eine jähe Metamorphose trifft.

Über den Dächern die Segel, Aussichten, Motorest, heute zwanzig Minuten nach vier, Mit Spechten gelaufen, Wahrnehmung, Anschauung, relative Dauer. Mit diesen Sensorien sind die kleinen Veränderungen vermessen, die manchmal aus einem Zeitpunkt, einer verzwergten Ortsangabe oder dem Bruchteil eines Gefühls entwachsen.

Der Anhang schließlich ist als lyrisches Experiment ausgeführt, als pure Anwendung von Indizes. In vier Grund-Indizes sind sie angesprochen als Kindheit, Wohnen, Arbeiten, Demokratie oder die Finsternis aufhalten.

Diese vier Felder lassen sich als die vier Windrichtungen der Lyrik lesen. Sätze aus diesem Wintervorrat für rettende Gedanken werden an Ort und Stelle ausprobiert.

  • Ich fange an, schön zu sprechen. [Kindheit] (69)
  • Wie kann man in einer Stadt wohnen, in der Menschen auf dem Gehsteig sitzen und betteln müssen? [Wohnen] (75)
  • Bis ich mein Stipendium bekomme, fange ich in der zweiten Woche meines Studiums bei McDrive an. [Arbeiten] (83)
  • Ach, sie hätten sich Kunst gewünscht? / Es wird alles, alles mit eigenen Augen besehen. [Demokratie oder die Finsternis aufhalten] (95)

Die Kunst der Angelika Reitzer ist oft dokumentarisch und essayistisch. Die Sätze aus den Indizes lassen sich als Mitschnitte von Dokus lesen, womöglich in einem intimen Ton vorgetragen. Die Blauzeug-Gedichte werden an diesen Stellen zu verdichteten Regeln zwischen Individuum und Genossenschaft, wie sie im griechischen Chor vermittelt werden.

Blauzeug ist dabei die ideale Arbeitsmontur der Lyrikerin.

Angelika Reitzer, Blauzeug. Gedichte
Innsbruck: Limbus Verlag 2025, 96 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-99039-271-3

 

Weiterführende Links:
Limbus Verlag: Angelika Reitzer, Blauzeug
Wikipedia: Angelika Reitzer

 

Helmuth Schönauer, 30-10-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Angelika Reitzer
Buchtitel:
Blauzeug. Gedichte
Erscheinungsort:
Innsbruck
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Limbus Verlag
Seitenzahl:
96
Preis in EUR:
15,00
ISBN:
978-3-99039-271-3
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Angelika Reitzer, geb. 1971 in Graz, lebt in Wien.