Boško Tomašević, Über vorbereitete Niederlagen

h.schoenauer - 02.02.2026

Boško Tomašević, Über vorbereitete NiederlagenWas ist das wohl für ein seltsames Angebot, sich auf Niederlagen vorzubereiten, oder das Vorbereitete als Niederlage wahrzunehmen? Boško Tomašević stellt sein Thema ungeschminkt in die literarischen Schaufenster und Bibliotheksregale, wenn er auf den Grundton seiner Gedichte verweist, die er als 56 Gesänge komponiert hat. ‒ In seinen Langgedichten herrscht ein elegisch-existenzielles Regime, dem das Ich hoffnungslos ausgesetzt ist.

Der Autor als ausgebildeter Philosoph und meisterlicher Existenzialist greift aufwühlende Schlüsselsätze auf, wie sie vor allem in den Gedankengängen eines Emil Cioran, Charles Bukowski, T.S. Eliot, Martin Heidegger oder Ezra Pound aufblitzen. Diese Impulsgeber sind in den Anmerkungen im Anhang mit ihren Zitaten aufgeschlüsselt, nachdem sie einen Band lang für Staunen über Rätselhaftes gesorgt haben.

Diese wuchtigen Zitate, Notizen oder Vorlagen für eine Inschrift, geben dann meist den Gedichten ihren Titel. Die philosophischen „Aufmacher“ ziehen anschließend die Leser hinein in die Paste des Gedichtes, worin es von Bildern aus Existenz-Blues, Melancholie und undurchsichtiger Witterung des Gemüts nur so wimmelt.

Die Gedichte hängen als unverwechselbare Gedankenbilder an den Themen, die wie Nägel in die Galerie der vorbereiteten Niederlagen eingeschlagen sind.

  • Der Mensch demütigt mich. (9)
  • Überleben unter Wölfen. (11)
  • Jede meiner Niederlagen fügte sich dem Augenblick dem ich lebe. (17)
  • Die Tage und Nächte die ich nicht mehr brauchen werde. (46)
  • „Die Jahre fügen ihren finsteren Scharfsinn hinzu.“ (71)
  • Was ich war werde ich nicht mehr wiederholen können. (89)
  • „Wie eine Feldblume nach der Mahd.“ (104)
  • Den hintersten Winkel meines Herbstes. (109)
  • Gib nicht auf. (112)
  • „Nur eines zählt: lernen ein Verlierer zu sein.“ (122)

Diese zehn ausgewählten Überschriften lassen sich in sich selbst als ein Gedicht lesen, das täglich neu geordnet werden kann. Euphorisch könnte man auch von den zehn ausgewählten Geboten der Niederlage sprechen. Manches ist in Anführungszeichen gesetzt, manches als ungeschützter Eigentext, die Grenzen der Verlässlichkeit verschwinden. Schließlich bleibt offen, ob die rettenden Gedanken aus einem selbst oder einem Zitat kommen sollen.

In den Gedichten selbst herrscht manchmal der Ton eines subtilen Tagebuchs vor, wenn etwa Rückschau gehalten wird auf die eigene Existenz. „Noch gibt es mehr Zeit / die auf mich fällt hier / wenn ich nicht mehr hier bin / noch mehr fliegen die verflossenen Tage / den Tagen jetzt hinterher / die nicht hier sind / noch fällt hier was gefallen ist / nur hier / immer.“ (31)

Diese Verse verschlüsseln sich, während sie gelesen werden, sodass man sie vielleicht vor der Lektüre verstanden hat, aber hinterher nicht mehr fix sagen kann, was während der Lektüre geschehen ist. Diese geheimnisvolle Denkweise funktioniert ähnlich wie bei einem Handy, wenn während des Gesprächs der PIN-Code verloren geht und sich die Kommunikation nicht mehr entsperren lässt. – Eine Niederlage, die erst eintritt, wenn man sie reflektiert.

Neben dem Selbstreflexiven mancher Gedanken sind es vor allem angedeutete Miniaturbiographien rund um entscheidende Sätze von Philosophen.

Dem „Gibs auf“ von Franz Kafka wird schlicht ein „Gib nicht auf“ entgegengesetzt, ein Gruß an Celan und Char wird zu einem schlichten Erinnern der eigenen Denk-Unvollkommenheit.

„Auch ich schreibe Gedichte wie / sie einst Celan und Char schrieben / und andere die ich hier nicht erwähne […]“. (62)

Die „handelnden Orte der Denker“ werden aufgerufen wie Bildunterschriften auf alten Postkarten: Tübingen, Todtnauberg. Aber dann geht etwas schief mit dem harmonischen Gruß an berühmte Orte: Auschwitz, Mauthausen, Ravensbrück. Jetzt beim Rekapitulieren der Geschichte funktioniert das eingeübte Denken nicht mehr, die Hermeneutik ist aus dem Leim gegangen.

Boško Tomašević beendet seine poetisch-philosophischen Exkurse über vorbereitete Niederlagen mit einem „Lied des Gladiators: // Es gab weder Demütigung / Tod / noch Gott.“ (124) – Das lässt sich in allen Nuancen zwischen Optimismus und Pessimismus lesen, vielleicht ist es der pure Ausdruck für Existenz.

Boško Tomašević, Über vorbereitete Niederlagen. Gedichte, a. d. Serb. von Helmut Weinberger
Wien: Edition Melos 2025, 127 Seiten, 28,00 €, ISBN 978-3-9505459-4-4

 

Weiterführende Links:
Edition Melos: Boško Tomašević, Über vorbereitete Niederlagen
Wikipedia: Boško Tomašević
Lesen in Tirol: Bosko Tomasevic - Ein literarisches Leben zwischen den Welten

 

Helmuth Schönauer, 17-11-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Boško Tomašević
Buchtitel:
Über vorbereitete Niederlagen. Gedichte
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Edition Melos
Übersetzung:
Helmut Weinberger
Seitenzahl:
127
Preis in EUR:
28,00
ISBN:
978-3-9505459-4-4
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Boško Tomašević, geb. 1947 in Becej (Voiwodina), lebt in Wien. Er war erster Stadtschreiber in Innsbruck.

Helmut Weinberger, geb. 1964, ist Slawist an der Universität Innsbruck.