Philosophie | Religion

Bernhard Kathan, Mit den Augen eines Hündchens blicken

h.schoenauer - 29.04.2026

Bernhard Kathan, Mit den Augen eines Hündchens blicken„Manchmal treiben einen schlechte Architektur oder Möbel geradezu aus Kirchen hinaus. Manchmal lohnt sich in Kirchen die Betrachtung von Dingen, die üblicherweise dem Blick entzogen sind oder kaum Aufmerksamkeit erfahren.“

Bernhard Kathan widmet sich als Künstler, Initiator von „Hidden Museum“ und Essayist der Frage, wie und ob wir Kunst und Alltag durch unsere Anschauungsweise in Verbindung bringen können. Dahinter steckt die These, dass das Kunstwerk erst dann mit dem prosaischen Leben in Einklang zu bringen ist, wenn unser Blick darauf passt.

Luise Schorn-Schütte, Die Teilung der Macht

Andreas Markt-Huter - 27.04.2026

Luise Schorn-Schütte, Die Teilung der Macht„Europa war ein Kontinent der Regionen, und es war zugleich Teil einer globalen Ordnung. Diese Charakterisierung benennt eine Grundspannung, die die europäische Geschichte auch über das 18. Jahrhundert hinaus begleitete. Regionale Vielfalt ist als Sprachenvielfalt, als Vielfalt religiöser Überzeugungen, als Vielfalt politischer und wirtschaftlicher Ordnungen und als kulturelle Vielfalt stets existent geblieben.“ (S. 9)

Mit der Veränderung politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse verändert sich auch der Blickwinkel auf die Vergangenheit sowie zeitgebundene die Einordnung und Interpretation historischer Ereignisse und Verläufe. Luise Schorn-Schütte versucht dem „Modernisierungspanorama“, dem Bild vom modernen Westen und rückständigen Osten das Historiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts über die Frühe Neuzeit Europas gezeichnet hatten, ein differenzierteres Bild entgegenzusetzen.

Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht

h.schoenauer - 24.04.2026

Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht„Meine Mandantin wird beschuldigt, den Ex-Freund ihrer Schwester getötet zu haben. Tatsächlich wird sie nicht nur beschuldigt, sie war es.“ (46)

Gianrico Carofiglio lässt seine Romane meist aus der Sicht eines grüblerischen Anwalts erzählen, wodurch die Ich-Position fiktional seiner Autobiographie sehr nahekommt, immerhin fußt auch sein literarischer Ruf auf der Tätigkeit eines erfolgreichen Antimafia-Anwalts in der apulischen Hauptstadt Bari.

Catherine Nixey, Ketzer

Andreas Markt-Huter - 20.04.2026

Catherine Nixey, Ketzer„Dieses Buch trägt den Titel Ketzer, dabei galten nicht alle Glaubensvorstellungen, die hierin dargelegt werden, als ketzerisch – ganz im Gegenteil. Einige waren schismatisch, andere wurden lediglich missbilligt – und viele der überraschenden Geschichten, von denen hier berichtet wird, waren (auch wenn die Kirche das mitunter nicht allzu gern sah) jahrhundertelang ein akzeptierter Teil des christlichen Kultes.“ (S. 25)

Catherine Nixey geht in ihrem Sachbuch den zahlreichen Überlieferungen und Vorstellungen über das Leben Jesu in den Anfängen des Christentums nach, die mit der Kanonisierung der Glaubensvorstellungen durch die Kirche im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten oder Verloren gegangen sind. Die Auswahl reicht dabei von extremen Darstellungen, in denen sich die Figur Jesu kaum wiedererkennen lässt bis hin zu Vorstellungen, über die in heftigen Auseinandersetzungen und Konzilien gestritten worden ist.

Paul Sailer-Wlasits, Demagogie

Andreas Markt-Huter - 16.04.2026

Paul Sailer-Wlasits, DemagogieSprache als Waffe: Wie Demagogen den Diskurs vergiften. Es gibt Sachbücher, die vielfach polemisch verwendete Schlagwörter in einen präzisen Begriff überführen. Demagogie von Paul Sailer-Wlasits gehört in diese Kategorie. 

Die gegenwärtige politische Tonlage ist nicht nur rauer geworden – sie hat sich grundsätzlich verwandelt: ein ständiges Wechselspiel zwischen Angriff und Gegenangriff. Worte, die früher Empörung ausgelöst hätten, gleiten heute nahezu beiläufig durch Debattenräume, als wären sie längst Teil des politischen Inventars. Doch die sprachliche Eskalation wirkt wie ein Verstärker und verschiebt die Grenzen des Sagbaren. Am Ende verändert sie nicht nur, wie Politik wahrgenommen wird, sondern auch, wie Menschen miteinander sprechen – im Parlament, im Netz, in unterschiedlichsten Gemeinschaften.

Oswald Blassnig, Herr Gott noch mal!

h.schoenauer - 01.04.2026

Oswald Blassnig, Herr Gott noch mal!Was sich wie ein kontrollierter Fluch einer seelisch austarierten Person anhört, entwickelt sich im Verlaufe des lyrischen Prozesses zu einer Sucht. „Herr Gott noch mal“ kann eben auch den Wunsch ausdrücken, etwas möge noch einmal geschehen.

Oswald Blassnig bedient sich für die poetische Dokumentation täglicher Sinnfragen der Form des lyrischen Gebets. Im Vorwort spricht der Theologe Paul Zulehner von einem diskreten Gebetsraum, worin sich Staunen und Dankbarkeit abwechseln.

Elias Hirschl, Schleifen

h.schoenauer - 30.03.2026

Elias Hirschl, Schleifen„Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder.“ – Ein Start wie die Pest! Elias Hirschl pusht den Roman „Schleifen“ hinein in das Langzeitgedächtnis der Leser, in diesem fulminanten Pest-Satz ist letztlich der ganze Roman angelegt wie eine DNA-Scheibe für das dazugehörende Individuum.

Franziska Denk, nomen est omen, ist die Datenträgerin für einen Denkprozess, der vorgeblich von der Philosophie des Wiener Kreises angeschoben ist, in der literarischen Wirklichkeit aber als grandios-groteskes Gedankenexperiment über die Sprache ankommt.

Jan David Zimmermann, Das Himmelsnetz

h.schoenauer - 13.03.2026

Jan David Zimmermann, Das HimmelsnetzDas Groteske erscheint einem oft als eine verzerrte Welt, gesehen vielleicht durch eine verkehrt aufgesetzte Lesebrille. Selbst wenn man den irritierten Blick korrigiert, ist es nicht mehr möglich, das Schräg-Gesehene ungeschehen zu machen.

Jan David Zimmermann wirft unter dem Titel „Das Himmelsnetz“ zwölf Geschichten aus, die vorbeikommende Leser rasch umgarnen. Auf Anhieb umarmen uns die Erzählungen mit Themen aus Kindertagen, als wir atemlos Bücher über fragile Schiffe, untergegangene Berufe und Fallstricke des Alltags gelesen haben.

Manfred Moser, Sprachmann

h.schoenauer - 04.02.2026

Manfred Moser, SprachmannGegen Jahresende greift man die Bücher mit besonderer Ehrfurcht an, allzu oft überfällt einen dabei das letzte Aufzucken einer Epoche, von der man noch einen Zipfel Aktualität ergattert.

Beim Sprachphilosophen Manfred Moser ist diese Eile nicht vonnöten. „Wir kommen immer zu spät“ heißt es im Vor-Spruch zum Roman „Sprachmann“. Dieses Buch ist gleichzeitig sein Vermächtnis, an dem er wohl über Jahrzehnte gearbeitet hat. Folglich liegt der Roman dick in den Händen wie sonst „Der Mann ohne Eigenschaften“, dessen Autor Robert Musil zumindest die ersten Lebensmonate in der Nähe eines Grundstücks verbracht hat, auf dem später die Uni Klagenfurt hochgezogen worden ist. Logischerweise wurde „Sprachmann“ im Dezember 2025 im Musil-Institut am Hauptbahnhof vorgestellt.

Boško Tomašević, Über vorbereitete Niederlagen

h.schoenauer - 02.02.2026

Boško Tomašević, Über vorbereitete NiederlagenWas ist das wohl für ein seltsames Angebot, sich auf Niederlagen vorzubereiten, oder das Vorbereitete als Niederlage wahrzunehmen? Boško Tomašević stellt sein Thema ungeschminkt in die literarischen Schaufenster und Bibliotheksregale, wenn er auf den Grundton seiner Gedichte verweist, die er als 56 Gesänge komponiert hat. ‒ In seinen Langgedichten herrscht ein elegisch-existenzielles Regime, dem das Ich hoffnungslos ausgesetzt ist.

Der Autor als ausgebildeter Philosoph und meisterlicher Existenzialist greift aufwühlende Schlüsselsätze auf, wie sie vor allem in den Gedankengängen eines Emil Cioran, Charles Bukowski, T.S. Eliot, Martin Heidegger oder Ezra Pound aufblitzen. Diese Impulsgeber sind in den Anmerkungen im Anhang mit ihren Zitaten aufgeschlüsselt, nachdem sie einen Band lang für Staunen über Rätselhaftes gesorgt haben.