„Doch was Seneca verabscheute, bewunderte er gleichzeitig. Seine Verachtung für die Macht hielt ihn nicht davon ab, von ihr zu profitieren. Die Dunkelheit Roms glänzte golden. Zweitausend Jahre später können wir auch im Rückblick auf Augustus und seine Erben in dieser Mischung aus Tyrannei und Triumph, Sadismus und Glamour, Machtgier und Ruhm eine goldene Leuchtkraft wahrnehmen, die keine Dynastie seither mehr erreicht hat.“ (S. 21)
Tom Holland geht in seiner Geschichte der ersten römischen Kaisergeneration nach, einem ebenso verstörenden wie faszinierenden Abschnitt in der Geschichte des Imperium Romanum, der auch nach zweitausend Jahren weitgehend das Bild der römischen Kaiserzeit zu prägen vermag. Anschaulich wird gezeigt, warum die Anziehungskraft der illustren Charaktere von Tiberius bis Nero bis heute nichts an ihrer Wirkung verloren hat.
Während die politischen Entscheidungen in der Zeit der Republik auf der öffentlichen Bühne im Senat oder in Volksversammlungen getroffen worden sind, spielen diese Einrichtungen in der Kaiserzeit nur mehr eine marginalisierte Funktion. Vielmehr kommt persönlichen Beratern und den Kaisern nahestehenden Personen eine zentrale Rolle zu. Damit bleiben die tatsächlichen Entscheidungswege und –prozesse meist im Dunkeln, was der Spekulation, Fantasie und der Gerüchteküche bei den Zeitgenossen und römischen Historikern ausgiebig Nahrung bietet.
Holland entscheidet sich für eine erzählende Darstellung der julisch-claudischen Ära, die mit einer gewissen skeptischen Distanz an die mit zahlreichen Klatschgeschichten und Anekdoten versetzten Quellen herangeht. Dabei kommt den Anekdoten und Klatschgeschichten insofern eine Bedeutung zu, indem sie die Stimmung in Rom und im kaiserlichen Umfeld widerspiegeln. Ein anderes Problem ergibt sich aus der unterschiedlichen Quellenlage zu den einzelnen Herrschern. So liegen für Caligula, dem der übelste Ruf in dieser Kaiserfamilie zukommt, die lückenhaftesten Quellen vor, was die Fantasie der Historiker zusätzlich gefördert haben dürfte.
In einem kurzen ersten Abschnitt werden die Anfänge Roms bis zum Ende der Republik erzählt, um sich anschließend ausführlich mit Caesars Adoptivsohn Gaius Octavius, dem späteren Augustus und Begründer des römischen Kaiserreichs, zu befassen. Zu seinem Nachfolger bestimmt Augustus Tiberius, der gleich zu Beginn den Titel eines „Vater des Vaterlandes“ ablehnt, um die Fassade Roms als freier Republik aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig wird aufgezeigt, welche Rolle die Prätorianer Garde im Spiel um die Macht eingenommen hat.
Nach Caligula und Claudius nimmt die julisch-claudische Dynastie mit Nero ein jähes Ende. Damit war im Jahr 68 n. Chr. kein einzige Nachfahre des Augustus mehr am Leben. Die Geschichte der ersten Kaiserdynastie Roms erscheint geradezu modernen Fernsehserien um Macht, Intrigen und Verbrechen entsprungen zu sein, was Holland auch zu den Überschriften in den einzelnen Kapiteln wie z.B. „The Godfather“, „Cherchez la femme“, „Il Consigliere“, „It’s Showtime“ oder „Der Showdown“ inspiriert haben dürfte.
Tom Holland gelingt es in seiner spannend erzählten Monographie über die erste Kaisergeneration in Rom, die komplexen politischen, sozialen und familiären Hintergründe für einen der faszinierendsten Abschnitte des römischen Altertums anschaulich zu beleuchten. Mit viel Liebe für Details aber auch durch die verständliche Ausarbeitung der großen Zusammenhänge werden die Fäden der Macht wie in einem gewaltigen Schauspiel freigelegt und der Aufstieg und Fall der Großen und Mächtigen vorgeführt.
Ein ebenso spannendes wie lesenswertes Sachbuch, das die Leserinnen und Leser in eine ferne Zeit entführt, die einem bei näherer Betrachtung aber dann doch nicht so weit entfernt erscheint.
Tom Holland, Dynastie. Glanz und Elend der Römischen Kaiser von Augustus bis Nero, zahlr. Karten, übers. v. Susanne Held [Orig. Titel: Dynasty: The Rise and Fall of the House of Caesar]
Stuttgart: Klett-Cotta Verlag 2024, 512 Seiten, 17,20 €, ISBN 978-3-608-98767-6
Weiterführende Links:
Klett-Cotta Verlag: Tom Holland, Dynastie. Glanz und Elend der Römischen Kaiser von Augustus bis Nero
Wikipedia: Tom Holland
Andreas Markt-Huter, 26-09-2024