Bilder als Titel lösen spontan Sehnsüchte aus, die sich aus Musik und Literatur zu einem bestimmten Thema aufgestaut haben. Sobald „Nebel auf den Feldern“ als Cover vor den Leseaugen auftaucht, beginnt eine Musik nach finnischer Art zu erklingen, die Landschaft wird weit und „finnisch“, und wenn sich dann noch der Nebel auf die Felder legt, beginnen die Seelen der Bewohner zu flirren, deren Schicksale von einem wechselnden Schleier an Stimmung zusammengehalten werden.
Simon Konttas setzt seinen Roman aus sieben Erzählungen zusammen, die von weit verstreuten Helden berichten, die zusammengehalten werden von einer gemeinsamen Witterung, ehe sie sich wieder in den individuellen Kapseln der Existenz verlieren.
Die ersten sechs Erzählungen halten sich an das Muster von zufälligen Scanns, die über das Land gezogen werden und Witterung, Landschaft und Helden gleichsam impressionistisch abbilden. In der siebten Erzählung fallen diese Episoden zu einer fragmentarischen Logik zusammen im Sinne der Zufälligkeit von Schicksal. In der Weltliteratur ist so eine Fallgeschichte musterhaft dargestellt in Thornton Wilders Roman der „Brücke von San Luis Rey“.
In dieser Abschlusserzählung treffen manche Helden getrieben von Glücksspiel aufeinander und rauben sich in atemloser Unausweichlichkeit einen vorgeblichen Schatz, der angeblich in der Sakristei der Dorfkirche auf sie wartet.
Die Erzählungen lassen der Langsamkeit von Beobachtung und Tun genügend Raum. Eine unverrückbare Trägheit scheint über dem Land zu liegen, ab und zu unterbrochen durch eine besondere Witterungslage, wenn etwa eine Überschwemmung das Land überflutet und einen raren Kontakt zwischen Mutter und Tochter unmöglich macht, ‒ was aber auch eine gute Ausrede ist, diesen nicht ajour zu halten.
Speed kommt ins Dorf, wenn jemand aus Verzweiflung mit dem Kleinwagen die Dorfstraße rauf und runter rast und quasi die Polizei anbettelt, ihn aufzuhalten und mit ihm etwas anzustellen.
Überhaupt sind die Biographien markiert durch stille Unauffälligkeit, die vielleicht bloß einmal im Leben überschritten wird, indem Alkohol, eruptiver Sex am Klo, spontanes Outing der sexuellen Neigung, künstlerisches Schaffen, Jagd und Meditation oder der Auftritt einer afrikanischen Sängerin im Gemeindesaal einen jähen emotionalen Peak auslösen. Aber schon nach Stunden ist wieder alles vorbei, und es bleibt eine Stimmung, von der man von Glück reden kann, wenn es bloß die Melancholie ist.
Dabei hat jemand vielleicht Monate darauf gewartet, jemandem eine Liebesnachricht zuzuflüstern, um dann im entscheidenden Augenblick zurückzuschrecken.
„Ach bitte, komm mir nicht auch noch mit der Liebe.“ (121)
Kein Wunder, woher sollen die Protagonisten der weiten Fläche auch ihre Glücksvorstellungen hernehmen. Wer konnte, ist schon aus der Gegend weggezogen, Familien sind in Bruchstücke zersplittert, und selbst die einst stabilen Häuser werden allmählich morsch, und taugen letztlich nicht einmal mehr als Unterkunft von Aussteigern.
Die Biographien lesen sich prägnant wie Deckblätter für psychiatrische Files. „Annika lebt heute im Haus, das der Vater einst gebaut hat, die Mutter ist schon lange weggegangen.“ (69)
Dorfstraße, Gemeindesaal, Stadion und Kirche sind die stillen Lehrmeister für jene Ethik, die das pure Überleben ermöglicht, sonst nichts.
Kein Wunder, dass jeder den Wunsch hat, aus diesem Lebensdilemma zu entfliehen, denn bleiben bringt es nicht, und weggehen liefert auch keinen Sinn, wenn die Glücksvorstellungen fehlen. Alle plagt die Angst, dass sie den Nebel auf den Feldern mitnehmen, wenn sie die Gegend verlassen.
Das letzte Kapitel führt wie bei einem Krimi die wichtigsten Helden zusammen. Es hat sich das Gerücht durchgesetzt, dass in einer Kiste in der Sakristei ein Schatz liegt, der gespendet worden ist. Jeder glaubt, ihn sich unter den Nagel reißen zu können, wenn er nur schnell genug ist. Und so rauben sich die Helden gegenseitig aus, man könnte auch sagen, sie stehlen einander die letzten Träume.
Der Einzige, der nach diesem Eklat Erlösung findet, ist ein psychisch Angeschlagener, der endlich wegkommt und in ein Pflegeheim gesteckt wird.
Simon Konttas erzählt klar und zurückgenommen, wie es auf jenen impressionistischen Bildern geschieht, die unsere Seelen erregen. Jedes Detail ist eine landschaftliche oder psychische Feinheit, für jede Seite gilt das Diktum Arthur Schnitzlers: Die Seele ist ein weites Land.
Wundersam beruhigend zu lesen, obwohl es ein Roman voller Enttarnung der Personen ist. Aber diese Milde beim Lesen entsteht vermutlich durch unser Wohlbefinden, das bei den meisten von uns ausgelöst wird, wenn sie etwas von Finnland hören.
Simon Konttas, Nebel auf den Feldern. Roman in sieben Erzählungen
Klagenfurt: Sisyphus Verlag 2025, 208 Seiten, 12,50 €, ISBN 978-3-903622-04-3
Weiterführende Links:
Sisyphus Verlag: Simon Konttas, Nebel auf den Feldern
Wikipedia: Simon Konttas
Helmuth Schönauer, 14-12-2025