Erzählung

Bernhard Hüttenegger, Die Ameise Amelie

h.schoenauer - 28.09.2026

Bernhard Hüttenegger, Die Ameise AmelieMeist steckt eine doppelte Botschaft hinter dem sogenannten Spätwerk eines Autors. Einmal ist es die literarische Information, die von den Texten ausgeht, und zum anderen der späte Glanz, der beim Schreiben in jener Aura entsteht, in der eigentlich schon alles gesagt ist.

Bernhard Hüttenegger greift die Fabel als Erzählform ferner Kindertage auf, um mit einem abgeklärten Plot das erfüllte Leben eines nahezu bedeutungslosen Schicksals zu erzählen. Die Ameise ist eine treue Schicksalsgefährtin des Menschen, denn auch sie ist jeden Tag gefordert, zwischen individuellem Schicksal und Staatsauftrag hindurch zu lavieren.

Eric Erhardt, Im Klauhof

h.schoenauer - 25.09.2026

Eric Erhardt, Im KlauhofDie Literatur lässt die schöne Annahme zu, dass unendlich viele Welten ineinander gesteckt auf uns einwirken. Jede Welt, die wir aufrufen, begegnet uns mit eigener Sprache, die manchmal mit unserer Erfahrung zur Deckung gebracht werden kann, oft aber auch ein Eigenleben entwickelt, dem wir nur bedingt hinterher huschen können.

Eric Ehrhardt nimmt sich „Im Klauhof“ die Welt der Waren, des Scheins und der damit verknüpften Emotionen vor. Der „Roman“ handelt von „Warenbegebenheit“, also Begebenheiten, wie sie täglich unbegrenzt am Globus verteilt vorkommen.

Julian Sharp, Dahinter

h.schoenauer - 04.09.2026

Julian Sharp, DahinterIm Daumenkino wird mit dem Daumen ein Packen Papier durchgeblättert, auf dem wie durch die Kader eines Filmes minimale Bewegungsabläufe sichtbar werden. Julian Sharp greift für seine Erzählung „Dahinter“ diese Idee auf, nur dass bei ihm die Bewegung existenziell sichtbar wird. Statt der gezeichneten Bilder verwendet er monomane Sätze, die die erzählte Geschichte wie die Spitzen einer Choreographie sichtbar werden lassen.

Als literarisches Ur-Muster dieses knapp siebzig Seiten langen Textes dient Rilkes Klassiker „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, der in das pure Pochen des Blutdrucks mündet: „Reiten reiten reiten“.

Christian Kössler, 50 - Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und Bibliotheken

h.schoenauer - 08.07.2026

Christian Kössler, 50 - Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und BibliothekenMit fünfzig hält ein sensibler Künstler meist öffentlich inne, um sein Werkeln zu reflektieren und seinem Publikum fallweise darzulegen, welche Entwicklungskurven seine Kunst genommen hat. Denn in der Kunst ist nichts geradlinig.

Christian Kössler führt in seinem „Essay über sich selbst“ seine drei Betätigungsfelder auf, in denen er seit Jahrzehnten künstlerisch und alltagstauglich zu Gange ist. Seit es Literatur gibt, wird versucht, ihre Schnittstellen mit der sogenannten prosaischen Welt ausfindig zu machen und innovativ zu nützen. Dabei entstehen nicht nur fließende Übergänge zwischen der alltäglichen und der künstlerischen Welt, sondern auch zwischen den Kunstwelten schlechthin, wenn sie als solche angesteuert sind.

Wolfgang Kühnelt u.a. (Hrsg.): Schwalbenkönig und Blutgrätsche

h.schoenauer - 22.06.2026

Wolfgang Kühnelt u.a. (Hrsg.): Schwalbenkönig und BlutgrätschePop-Literatur und Pop-Musik haben einen gemeinsamen Freund: Den Fußball. Allen drei Kunstgattungen ist eine wolkige Aura übergestülpt, die mit dem Schlüsselbegriff „naiv-romantisch“ umschrieben werden kann.

In der Serie „Pop! Goes the Pumpkin“, (also so etwas wie Pop steht auf Kürbis), kümmern sich Anwender der Popkultur um essayistische Überlegungen, wie man den Alltag in der Peripherie etwas behübschen könnte. Eine bewährte Form ist das Zelebrieren von Weltereignissen in den Planquadraten zwischen den Durchzugsrouten der Eventkultur.

Janus Zeitstein, Auf Marterpfaden

h.schoenauer - 17.06.2026

Janus Zeitstein, Auf MarterpfadenZuerst liest man aus einer vagen Erinnerung heraus von einem Marterpfahl, aber dann schärft sich der Blick nach und es löst sich der Begriff „Auf Marterpfaden“ vom Cover.

Janus Zeitstein spielt in seinen 28 Erzählungen kunstvoll mit diesem Nachjustieren der Wörter, dem Nachsetzen des Blicks und dem Nachfassen auf eine Formulierung. Mit dieser Methode bleiben die Dinge immer in Schwebe, aber sie lassen sich geduldig aus verschiedenen Blickwinkeln erfassen, und das Geschaute ist in jenem Augenblick wahr, an dem man mit dem Schauen aufhört.

Franz Kabelka, Absolute Bettruhe

h.schoenauer - 03.06.2026

Franz Kabelka, Absolute BettruheEs erscheint mittlerweile kaum mehr ein Krimi, bei dem man als Leser nicht dem Autor zurufen möchte: Schreib doch einmal etwas Wahrhaftiges!

Franz Kabelka muss sich vor fünf Jahren diesen imaginären Zuruf zu Herzen nehmen, als bei ihm Blasenkrebs festgestellt wird. Irgendwo in der Mitte der Leidensgeschichte formuliert er schließlich das Programm für die nächste Zeit: „Dies ist meine Geschichte, wie noch nie eine es war.“ (55)

Friedrich Hahn, Titel gesucht

h.schoenauer - 01.06.2026

Friedrich Hahn, Titel gesuchtEin Kind schüttet die Puzzleteile zweier Bilder in eine gemeinsame Schachtel und staunt, was für neue Möglichkeiten für ein Un-Bild sich daraus ergeben.

Friedrich Hahn baut auf dieser Parabel von Kafkaesker Klarheit die Story für seinen aktuellen Roman auf. „Titel gesucht. Fragmente. Halb Puzzle / halb Roman“ fußt auf der Überlegung, dass es im Alter nicht darum geht, Neues zu entdecken, sondern das Bekannte in der Zeitlosigkeit zu verstecken. So drängt die Frage in den Vordergrund, was denn der Sinn des Schreibens ist, wenn alles schon erzählt ist. Und schreiben könnte dann ja bedeuten, sich selbst aus der Geschichte herauszulöschen.

Jack London, Das Erdbeben in San Francisco

h.schoenauer - 06.05.2026

Jack London, Das Erdbeben in San Francisco„Nach dem Erdbeben bat man Mr. Jack London, der vierzig Meilen nördlich von San Francisco lebte, zum Unglücksort zu reisen und einen Bericht über das, was er sah, zu verfassen.“

Das desaströse Erdbeben in San Francisco 1906 ist auch nach 120 Jahren quasi im Bewusstsein vieler Menschen, weil es durch die Berichte des Autors Jack London unmittelbar nach seinem Auftreten aus der Erdkruste in Literatur verwandelt worden ist.

Orhan Kipcak, K – wie Kakanien

h.schoenauer - 10.04.2026

Orhan Kipcak, K – wie Kakanien„Der wirksamste Befehl sei aber jener, den man gar nicht mehr explizit erteilen müsse, sondern der sich als Zwangsläufigkeit aus den Umständen ergebe. Die aber durchaus vorab zu gestalten seien.“ (15) Es ist natürlich lange her, dass so gedacht worden ist, und wahrscheinlich trifft diese Vermutung über den Befehl uns durch Algorithmen orientierungslos Gewordene so ins Herz, weil diese Vermutung selbst zu einem Befehl geworden ist, der uns auch nach Jahrhunderten noch erreicht.

Orhan Kipcak hat eine Erzählmethode gefunden, mit der er die vom vielen Lesen abgestumpften Menschen hellwach und neugierig werden lässt. Er verwendet für seine Hingucker-Titel das Alphabet, was vor allem bei Bibliothekaren gut ankommt, welche die Welt ausschließlich nach dem Alphabet ordnen.