Erzählung

Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wird

h.schoenauer - 23.03.2026

Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wirdEine Revolution bringt einen nicht weiter, selbst wenn sie gelingt, steht man immer noch am gleichen Fleck und schaut bloß in eine andere Richtung.

Raimund Bahr beginnt seine Eintragung im aktuellen Journal mit einer Überlegung als braver Staatsdiener. Zwar darf er mit Hingabe die revolutionären Schriften Bakunins lesen, aber als staatstreuer Unterrichter ist er verpflichtet, die Jugendlichen System-tauglich in die Zukunft zu führen. Dabei liegt ein großer Widerspruch zwischen dem, was an hehren Zielen in den Lehrplänen steht, und dem, was im Alltag zählt, nämlich die kapitalistische Ordnung mit dem permanenten Geldfluss von unten nach oben nicht zu stören.

Elisabeth Wandeler-Deck, Anlandebahnen für Geräusche

h.schoenauer - 17.03.2026

Elisabeth Wandeler-Deck, Anlandebahnen für GeräuscheVom aufgekratzten Titel „Anlandebahnen für Geräusche“ inspiriert denkt man spontan an einen Laubbläser, der mit seinem kontinuierlichen Luftstrom alles Laub in die Ecke kehrt, von wo aus es dann leicht kompostiert werden kann.

Und tatsächlich erzählt Elisabeth Wandeler-Deck mit voller Düse, wenn sie ihre Prosa über die Seiten bläst. Der Text beginnt mit der Fügung „erschien sie mir“ und einem englischsprachigen Zitat über unerwartete Protagonisten, und endet nach gut hundert Seiten absatzlos mit den Worten „draw 2 parallel lines and“ (102). Die Absicht für dieses Buch ist dabei gut versteckt in einem Flow von Assoziationen, Bildern und Sehgewohnheiten:

Jan David Zimmermann, Das Himmelsnetz

h.schoenauer - 13.03.2026

Jan David Zimmermann, Das HimmelsnetzDas Groteske erscheint einem oft als eine verzerrte Welt, gesehen vielleicht durch eine verkehrt aufgesetzte Lesebrille. Selbst wenn man den irritierten Blick korrigiert, ist es nicht mehr möglich, das Schräg-Gesehene ungeschehen zu machen.

Jan David Zimmermann wirft unter dem Titel „Das Himmelsnetz“ zwölf Geschichten aus, die vorbeikommende Leser rasch umgarnen. Auf Anhieb umarmen uns die Erzählungen mit Themen aus Kindertagen, als wir atemlos Bücher über fragile Schiffe, untergegangene Berufe und Fallstricke des Alltags gelesen haben.

Christian Kössler, Von Weltliteratur, Fabriken und gezähmter Wildnis

h.schoenauer - 25.12.2025

Christian Kössler, Von Weltliteratur, Fabriken und gezähmter WildnisWenn man ein gesamtes Leben als Biographie in einem Buch unterbringen kann, so müsste es auch möglich sein, einen gesamten Stadtteil zu einem Buch zu verdichten, indem man einen begeisterten Bewohner darin herumgeistern lasst.

Seit Jahren lässt die Wagnersche Buchhandlung in der Tradition sorgfältiger Geschichtspflege belesene Abenteurer durch die Stadtteile von Innsbruck pirschen, um darin Phantastisches zu entdecken und für die ahnungslosen Bewohner freizulegen.

Christian Kössler ist als Bibliothekar und Autor grotesker Geschichten prädestiniert für eine Erkundungsreise durch Mühlau, das sich als gebirgiger Stadtteil Innsbrucks wie ein Kind an die Nordkette klemmt.

Regina Hilber, Mein Amerika? America Me!

h.schoenauer - 12.12.2025

Regina Hilber, Mein Amerika? America Me!Zumindest in der Literatur, sagt man, kann es Austria mit Amerika aufnehmen. Und dann werden gleich wuchtige Beispiele von Kürnberger, Kafka, Roth und Handke genannt, worin von Europa aus ein kontinentales Weltbild von Amerika entwickelt worden ist.

Das sogenannte Amerikabild wird in der heimischen Literatur immer wieder hinterfragt, schließlich sind die Einflüsse über Beat, Musik, Shortstory und Filmepik immer noch virulent, mittlerweile ergänzt durch die Eruptionen von Sozialmedia, KI und Fake-Kultur.

Irene Schrattenecker, Das Leben der Wörter

h.schoenauer - 17.11.2025

Irene Schrattenecker, Das Leben der WörterVielleicht sollten wir neben den Tieren und Pflanzen auch die Wörter als Lebewesen würdigen, die uns zwar täglich hilfreich zur Seite stehen, die wir aber regelmäßig zum Aussterben verdammen. Irene Schrattenecker geht mit ihren knapp dreißig Miniatur-Erzählungen Gedanken nach, die im Laufe eines Tages so daherkommen, die man aber meist unbeachtet weiterziehen lässt. Die einzelnen Texte könnte man als impressionistische Petitessen bezeichnen, wie sie seit Robert Walser als Inbegriff für das Flanieren durch den eigenen Kopf gelten.

Die Konsistenz dieses Wörter-Denkens wird in den ersten drei Impressionen vorgestellt, wenn es um „Das Leben der Wörter“, „Wörterbuchreise“ und „Lesen“ geht. Aus diesen schlichten Überschriften leiten sich jeweils träumerische Gedankenschleifen ab, die zu einem Spaziergang durch das Sprachgelände einladen, worin vielleicht alte Geschichten aus der Stadt aufgestellt sind wie Rastbänke am Wegesrand.

Karl Iro Goldblat, Ludwig reist zu sich selbst

h.schoenauer - 06.11.2025

Karl Iro Goldblat, Ludwig reist zu sich selbstDas Aufregende am Reisen ohne Wiederkehr besteht darin, dass man mit einem einzigen Besuch im Reisebüro auskommt. Reklamationen und Schadensmeldungen sind keine Optionen, weil es keinen Vollstreckungsort gibt, außer im Innersten seiner selbst.

Karl Iro Goldblat erzählt von einem gewissen Ludwig, der eine Einwegreise zu sich selbst antritt. Dabei wird die Wohnung zu einem sich stets verdichtenden Kosmos, der den Reisenden immer dichter umhüllt, bis das Ziel, einem schwarzen Loch nicht unähnlich, erreicht ist. Der Held ist dann bei sich und implodiert.

Georg Hasibeder, Die Dose

h.schoenauer - 03.11.2025

Georg Hasibeder, Die DoseWahrscheinlich ist die perfekte Hülle gleichsam ihr Inhalt. Diese Vermutung taucht zumindest bei der Analyse des Web auf, wo kaum noch zwischen Content und Containment unterschieden wird. Georg Hasibeder geht mit seinem listigen Essay aus der Serie „Kultur der Dinge“ der Frage nach, was eigentlich eine Dose ist. Ist sie vielleicht der heimliche Sinn eines Produktes, wenn wir es in der Hand halten und inszeniert zum Mund führen, wie etwa den berühmten Energiedrink mit dem Stier drauf?

Die Idee für diesen Essay speist sich aus der Neugier für die Dinge des Alltags. Anhand eines Gegenstands wird die große Kulturgeschichte über Jahrhunderte erzählt. Mit jedem neuen Schritt kommt es zu einer Seitengeschichte, die wiederum eine eigene Kulturgeschichte aufmacht.

Bernd Schuchter, Kleiner Atlas der nie geschriebenen Bücher

h.schoenauer - 20.10.2025

Bernd Schuchter, Kleiner Atlas der nie geschriebenen BücherSelbstverständlich erwarten wir in der Geruchskultur, dass Parfum in Flacons abgefüllt ist und nicht im Tetrapack. In der Lesekultur freilich muten wir uns ständig lieblos abgefüllte Massenware zu, die wir in Files herumschicken oder uns als Paperback an den Kopf werfen.

Bernd Schuchter kümmert sich als Verleger darum, die hohe Kunst der Buchkultur wenigstens in raren Exemplaren am Leben zu erhalten. Mit seinem „Atlas der nie geschriebenen Bücher“ geht er zudem der These nach, wonach das Handwerk des Schriftstellers die Fiktion ist. Daraus resultiert auch das Bonmont, dass die sogenannte Literaturgeschichte insgesamt erfunden ist. Im Zeitalter der Fake-News sollte man die Unwahrscheinlichkeit von Geschichten vielleicht Flunkerei nennen, sie ist das Fundament für jede tragfähige Geschichte.

Werner Schandor, Die Sterne sehen heut‘ sehr anders aus

h.schoenauer - 17.10.2025

Werner Schandor, Die Sterne sehen heut‘ sehr anders ausEin mitreißendes Buch erkennt man nach gängiger Bibliothekskunde daran, dass die Leser während der Lektüre aufspringen und Bewegungen der Verzückung, Entspannung oder Ekstase ausführen. Werner Schandor berichtet mit seinem „Sternchen-Buch“ vom mitreißenden Abenteuer Sprache, das die Menschen immer dann in den Bann zieht, wenn sich niemand mehr auskennt, weil sich ein Trend verselbständigt hat.

Der Untertitel „Genderfolklore und Medienklischees“ deutet bereits die Methode an, mit der man dem großen Verwirrspiel beim gender-gerechten Sprechen entgegentreten könnte: Mit Kabarett-Dramaturgie nämlich.