Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wird
Eine Revolution bringt einen nicht weiter, selbst wenn sie gelingt, steht man immer noch am gleichen Fleck und schaut bloß in eine andere Richtung.
Raimund Bahr beginnt seine Eintragung im aktuellen Journal mit einer Überlegung als braver Staatsdiener. Zwar darf er mit Hingabe die revolutionären Schriften Bakunins lesen, aber als staatstreuer Unterrichter ist er verpflichtet, die Jugendlichen System-tauglich in die Zukunft zu führen. Dabei liegt ein großer Widerspruch zwischen dem, was an hehren Zielen in den Lehrplänen steht, und dem, was im Alltag zählt, nämlich die kapitalistische Ordnung mit dem permanenten Geldfluss von unten nach oben nicht zu stören.
Vom aufgekratzten Titel „Anlandebahnen für Geräusche“ inspiriert denkt man spontan an einen Laubbläser, der mit seinem kontinuierlichen Luftstrom alles Laub in die Ecke kehrt, von wo aus es dann leicht kompostiert werden kann.
Das Groteske erscheint einem oft als eine verzerrte Welt, gesehen vielleicht durch eine verkehrt aufgesetzte Lesebrille. Selbst wenn man den irritierten Blick korrigiert, ist es nicht mehr möglich, das Schräg-Gesehene ungeschehen zu machen.
Wenn man ein gesamtes Leben als Biographie in einem Buch unterbringen kann, so müsste es auch möglich sein, einen gesamten Stadtteil zu einem Buch zu verdichten, indem man einen begeisterten Bewohner darin herumgeistern lasst.
Zumindest in der Literatur, sagt man, kann es Austria mit Amerika aufnehmen. Und dann werden gleich wuchtige Beispiele von Kürnberger, Kafka, Roth und Handke genannt, worin von Europa aus ein kontinentales Weltbild von Amerika entwickelt worden ist.
Vielleicht sollten wir neben den Tieren und Pflanzen auch die Wörter als Lebewesen würdigen, die uns zwar täglich hilfreich zur Seite stehen, die wir aber regelmäßig zum Aussterben verdammen. Irene Schrattenecker geht mit ihren knapp dreißig Miniatur-Erzählungen Gedanken nach, die im Laufe eines Tages so daherkommen, die man aber meist unbeachtet weiterziehen lässt. Die einzelnen Texte könnte man als impressionistische Petitessen bezeichnen, wie sie seit Robert Walser als Inbegriff für das Flanieren durch den eigenen Kopf gelten.
Das Aufregende am Reisen ohne Wiederkehr besteht darin, dass man mit einem einzigen Besuch im Reisebüro auskommt. Reklamationen und Schadensmeldungen sind keine Optionen, weil es keinen Vollstreckungsort gibt, außer im Innersten seiner selbst.
Wahrscheinlich ist die perfekte Hülle gleichsam ihr Inhalt. Diese Vermutung taucht zumindest bei der Analyse des Web auf, wo kaum noch zwischen Content und Containment unterschieden wird. Georg Hasibeder geht mit seinem listigen Essay aus der Serie „Kultur der Dinge“ der Frage nach, was eigentlich eine Dose ist. Ist sie vielleicht der heimliche Sinn eines Produktes, wenn wir es in der Hand halten und inszeniert zum Mund führen, wie etwa den berühmten Energiedrink mit dem Stier drauf?
Selbstverständlich erwarten wir in der Geruchskultur, dass Parfum in Flacons abgefüllt ist und nicht im Tetrapack. In der Lesekultur freilich muten wir uns ständig lieblos abgefüllte Massenware zu, die wir in Files herumschicken oder uns als Paperback an den Kopf werfen.
Ein mitreißendes Buch erkennt man nach gängiger Bibliothekskunde daran, dass die Leser während der Lektüre aufspringen und Bewegungen der Verzückung, Entspannung oder Ekstase ausführen. Werner Schandor berichtet mit seinem „Sternchen-Buch“ vom mitreißenden Abenteuer Sprache, das die Menschen immer dann in den Bann zieht, wenn sich niemand mehr auskennt, weil sich ein Trend verselbständigt hat.