Manfred Moser, Sprachmann

h.schoenauer - 04.02.2026

Manfred Moser, SprachmannGegen Jahresende greift man die Bücher mit besonderer Ehrfurcht an, allzu oft überfällt einen dabei das letzte Aufzucken einer Epoche, von der man noch einen Zipfel Aktualität ergattert.

Beim Sprachphilosophen Manfred Moser ist diese Eile nicht vonnöten. „Wir kommen immer zu spät“ heißt es im Vor-Spruch zum Roman „Sprachmann“. Dieses Buch ist gleichzeitig sein Vermächtnis, an dem er wohl über Jahrzehnte gearbeitet hat. Folglich liegt der Roman dick in den Händen wie sonst „Der Mann ohne Eigenschaften“, dessen Autor Robert Musil zumindest die ersten Lebensmonate in der Nähe eines Grundstücks verbracht hat, auf dem später die Uni Klagenfurt hochgezogen worden ist. Logischerweise wurde „Sprachmann“ im Dezember 2025 im Musil-Institut am Hauptbahnhof vorgestellt.

Diese Geographie des Musil-Mythos ist auch ein Seitenthema des Romans „Sprachmann“. Es geht nämlich darum, wie etwas beschrieben werden kann, was beim direkten Augenkontakt mit dem Bild zusammenbrechen würde. Als Muster könnten dabei alte ägyptische Artefakte dienen, die selbst als gedachter Staub noch in den Kunstbetrieb späterer Epochen und Generationen hineinwirken, bis herauf zu einem Kärntner Regierungsmodell, wo ein regionaler Held ununterbrochen Festspiele aufführt nach dem Motto: „Schon wieder die Nibelungen? – Immer die Nibelungen!“ (426)

Nach dieser Einordnung des Romans in ein universitäres Entstehungsfeld einer Musilschen Aura in Klagenfurt denkt man sich als Leser vielleicht ein Rezept aus, wie man die Lektüre abwickeln könnte.
Der Roman besteht aus einem 400seitigen Fließtext und einem sechsseitigen Konzeptverzeichnis, worin der Text scheinbar in sechs mal zwölf Kapiteln die Kultur erklärt.

Denn Sprachmann ist eine Art Sprach-Kompositeur, politischer Agitator und germanistisch gebildeter Regisseur, der den Roman steuert. Dabei sind Fließtext und Konzept nicht deckungsgleich, hängen beide doch am gleichen Faden, mit dem die Sprache an der Wirklichkeit hängt.

Muss die Sprache erst entwickelt werden, damit es eine Welt gibt, die ihr folgen kann? Oder entwickelt sich zuerst die Welt, und die Sprache hechelt ihr nach, um sie zu fassen? ‒ Für beide Bewegungen gilt der Satz: Wir kommen immer zu spät.

Die Kapitel sind auffallend harmonisch gegliedert, der dazu vorgeschlagene Text jedoch gibt sich unwuchtig. Das Jahr 1996 kriegt zweihundert Seiten, die Zeit von 2015-2027 muss mit neun Seiten auskommen. Dahinter steckt eine Art Pyramidenspiel, nach hinten muss ununterbrochen geforscht werden, damit nach vorne eines Tage etwas passieren kann.

Die Geschichte wird einerseits als kompakte Beschreibung erzählt, wenn an einem Universitätszentrum für Kreativität die Rettung der natürlichen Intelligenz betrieben wird (250), die aber dem germanistischen Geschlechterkampf zum Opfer fällt.

Andererseits zeigen kleine Alltagsszenen die Bruchstellen zwischen Illusion und Wirklichkeit auf.

„Zwei Polizisten kommen hinzu. | Was machen Sie da? | Kunst. | Schon wieder? | Rettung der Welt. | Bewilligt? | Nein.“ (362)

Während akademisch unlösbare Themen in zwölf Hearings (85) verhandelt werden, weil dann das Curriculum erfüllt ist, rotten sich überall in der Stadt die Portiers zusammen und gestalten die Welt, indem die als Türwächter der Ideologien auftreten.

Nie lässt sich feststellen, was als Theater und was als Wirklichkeit geplant ist, auch wenn sich Sprachmann in beiden Welten zu bewegen versucht.

„Wir schaufeln raus.| Was so abfällt. | Theater vergeht. | Film besteht. | Wann wird gedreht?“ (223)

Um noch einmal auf den Musilschen Gestus zurückzukommen: Während im „Mann ohne Eigenschaften“ als Meta-Handlung an einer Parallelaktion gearbeitet wird, indem die Kaiser von Deutschland und Österreich um die bessere Geburtstagsfete wetteifern, ringen im „Sprachmann“ Beamte, Wissenschaftler und Theatermacher darum, eine permanente Inszenierung der Nibelungen hinzukriegen.

Der Mann ohne Eigenschaften definiert sich dadurch, dass er keine einzelne herausragende hat, Sprachmann setzt sich aus diversen Sprachwelten zusammen, die sich jeder hierarchischen Gliederung verweigern.

Am ehesten nacherzählbar und dadurch unvergesslich bleiben Gleichnisse und Parabeln, die allenthalben in den Roman gestreut sind.

Am Anfang darf der ägyptische Zeitungsverkäufer kurz seine Verkehrsinsel verlassen und im gegenüberliegenden Penthouse eine zeitgeschichtliche Größe besuchen, um einmal den herrlichen Blick zu genießen. Dabei relativieren sich Zeit, Ausblick und Relevanz. Während der Ägypter am Boden triviale Nachrichten verstreut aus einem Geist mehrtausendjähriger Geschichte, verblasst der Penthouse-Mann in seinem gläsernen Ausblick im Nichts, weil er nichts zu sagen hat. – Der Ägypter dient fortan im Roman als Gegenspieler von Sprachmann, indem er die älteste denkbare kulturelle Kontinuität darstellt und somit ephemere Tageserscheinungen konterkariert.

Am Schluss besteht ein Schüler Sprachmanns offensichtlich einen philosophischen Test, indem er am Seestrand liegend (man denkt an den Wörthersee) auf einen Menschen draußen auf einer Luftmatratze deutet. Wenn jetzt ein Wetterumschwung käme, gäbe es die Möglichkeit, es draußen zu überleben oder herein zu paddeln an das Ufer. – In beiden Fällen wäre er zu spät.

Manfred Moser hat seinem Wirken in Klagenfurt, das wohl zu klein für seinen Kopf gewesen ist, ein ironisches Denkmal gesetzt, nie ausfällig, immer grotesk, und stets der Absicht gewidmet, mit der Sprache als Erfinder und Benützer gerecht umzugehen.

Manfred Moser, Sprachmann. Roman
Wien: Sonderzahl Verlag 2025, 438 Seiten, 39,00 €, ISBN 978-3-85449-674-8

 

Weiterführende Links:
Sonderzahl Verlag: Manfred Moser, Sprachmann
Das ewige Archiv: Manfred Moser

 

Helmuth Schönauer, 22-12-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Manfred Moser
Buchtitel:
Sprachmann
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Sonderzahl Verlag
Seitenzahl:
438
Preis in EUR:
39,00
ISBN:
978-3-85449-674-8
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Manfred Moser, geb. 1943 in Düsseldorf, Sprachphilosoph an der Uni Klagenfurt, starb 2022.