Ein echter Zirkus verwandelt jene Glücksvorstellungen, die im Laufe einer Kindheit aufgekeimt sind, in raren Fällen bei Erwachsenen zu einem realen Paradies. Der Weg zum Zirkus ist jedenfalls wie die meisten Bildungswege holprig und absonderlich.
Simon Loidl erzählt in seinem Roman „Der Weg zum Zirkus“ von zwei Alltagshelden, die ihr Glück durch Verschwinden und Beobachten des Verschwindens einhegen. Daniel, der Angestellte einer antiquarischen Buchhandlung, bemerkt eines Tages, dass sein Jugendfreund Markus verschwunden ist.
Diese markante Situation, die vage an Franz Kafkas „Der Verschollene“ angelehnt ist, bedarf eines elementaren Eingangssatzes, der die Spannung bis zum letzten Satz durchzuhalten vermag. „Irgendwann war Markus Blindner verschwunden.“ (9) Am Schluss gibt es eine Spur zu einem Zirkus, und auch diese Zielvorgabe des Romans erinnert an den „Verschollenen“, der bei Kafka nach Beendigung seiner Jugend im Naturtheater von Oklahoma aufgeht und endgültig verschwindet.
Die Story verläuft rund um die beiden Protagonisten, wobei Daniel neben seiner Tätigkeit in der Buchhandlung eher beiläufig die Geschichte um den verschwundenen Markus mitlaufen lässt, während dieser offensichtlich ein Tagebuch führt, das in Echtzeit sein Untertauchen dokumentiert, bis er sich final auf den Weg zum Zirkus macht.
Die disparaten Erzählstränge werden vorerst durch gemeinsame Jugenderlebnisse zusammengehalten, später dann, als das Verschwinden des einen bei der Polizei gemeldet ist, auch durch aktive Recherche von Daniel, als dieser sich in der unbewohnten Behausung des abgetauchten Markus umsieht.
Letztlich wird von einem Lebensentwurf erzählt, worin Verschwinden und Dokumentation des Verschwindens als „ausgefüllte Leerstelle“ die Säulen für das Erzählen sind.
Während der eine mit belesenen Kundschaften diverse Bücher durchgeht und von ihnen erzählt, als ob die darin aufgeschriebenen Geschichten erst durch das Nacherzählen entdeckt werden müssten, liefert der andere eine lupenreine Abtauchgeschichte als Tagebuch, wobei diese Geschichte klandestin in sich selbst schlummert und nicht mit der Realität von Publikationen verknüpft ist.
Geschichten, wie sie im Buche stehen, und Lebensformen, die nicht mit der Realität in Verbindung stehen, laufen in einander über und müssen von den Lesern ständig zusammengeführt werden. Durch die Lektüre des Romans kommen die beiden Helden zu einer gemeinsamen Geschichte, die sie vielleicht in der Romanwirklichkeit gar nicht haben.
Simon Loidl erzählt in einer realistischen Minimalform seitenweise von Abläufen, die ihren Sinn dadurch erhalten, dass sie in einer jeweils eigenartigen Kontextmasse schwimmen. Trivia in der Buchhandlung werden zu einer Leidensgeschichte des prekären Angestellten, wenn sie mit Büchern in Verbindung gebracht werden. Umgeben von großartigen Ideen und Überlegungen wachsen sich Kleinigkeiten zu kleinen Philosophien aus.
Und die Abläufe des Tagebuchs werden magisch abenteuerlich, wenn sie in jenem Kontext stehen, wonach der Protagonist gerade ein abgeschirmtes Schicksal durchläuft, indem er sich durch ferne Städte und Gegenden treiben lässt. Auch seine Episoden sind in Spannung gehalten durch Bilder und Vergleiche, die sich beim Vagabundieren durch Stadtteile, Beziehungen und Witterungen auftun.
Die Geschichte der beiden vollendet sich dadurch, dass ihre Schicksale auseinanderlaufen, je mehr sie um ihre gemeinsame Herkunft und Zukunft bemüht sind.
Scheinbar einfache Erzählkonstrukte lösen bei gewieften Lesern immer die größte Literarizität aus, weil die Möglichkeit besteht, ähnliche Leseerfahrungen an die Handlung anzudocken.
Franz Kafkas „Verschollener“ als Plot, der in den Zirkus führt, Peter Handkes „Linkshändige Frau“ als minimaler Realismus einer unbedeutenden Alltagsheldin, Max Frischs „Stiller“ als Identität, die im Tagebuch verlorengeht, oder Alfred Anderschs „Mein Verschwinden in Providence“ sind nur ein paar Beispiele, die zeigen, wie dicht Simon Loidls Geschichte von lustvollem Suchen und Verschwinden mit der großen Literaturgeschichte verbunden ist.
Letztlich sei auf die Idee von Jorge Luis Borges verwiesen, wonach die Welt eine Bibliothek sei. Der Held Daniel in seiner kleinen Buchhandlung füllt seine Welt mit ebenso großem Format aus wie der verschwundene Markus, den letztlich ein Kindheitswunsch durch das Leben treibt, um den Weg zum Zirkus zu finden.
Simon Loidl, Der Weg zum Zirkus. Roman
Klagenfurt: Sisyphus Verlag 2025, 164 Seiten, 12,80 €, ISBN 978-3-903125-97-1
Weiterführender Link:
Sisyphus Verlag: Simon Loidl, Der Weg zum Zirkus
Helmuth Schönauer, 23-11-2025