Im Daumenkino wird mit dem Daumen ein Packen Papier durchgeblättert, auf dem wie durch die Kader eines Filmes minimale Bewegungsabläufe sichtbar werden. Julian Sharp greift für seine Erzählung „Dahinter“ diese Idee auf, nur dass bei ihm die Bewegung existenziell sichtbar wird. Statt der gezeichneten Bilder verwendet er monomane Sätze, die die erzählte Geschichte wie die Spitzen einer Choreographie sichtbar werden lassen.
Als literarisches Ur-Muster dieses knapp siebzig Seiten langen Textes dient Rilkes Klassiker „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, der in das pure Pochen des Blutdrucks mündet: „Reiten reiten reiten“.
Die Lektüre von „Dahinter“ geschieht ungewollt auf drei Ebenen, die untrennbar miteinander verschweißt sind.
- Auf der des metaphysischen Plots des Cornet,
- der Überlagerung Rilkes mit der Geschichte eines kaputten Helden, welcher Krieg, Liebe, Drogen und Tod auf einer Veranda aussitzen muss,
- der Verschmelzung von Kapitelüberschrift, Handlung und Interpretation zu einem Lektüre-Amalgam, das unendlich kurz und aussichtslos ist.
Der existenzielle Zustand des Helden lässt sich in kurzen Sätzen zusammenfassen. „Die Tage verbringt er draußen auf der Veranda, in eine Decke gehüllt, den Blick in die Ferne seiner Erinnerungen gerichtet. Erinnerungen an eine Zeit, in der er noch sehen konnte. Eine Zeit vor dem Krieg. Vor dem Töten und Sterben.“ (20)
In dieser Tonart sind die einzelnen Szenen angerissen, wobei es oft genügt, eine Wortgruppe zum Klingen zu bringen, und schon ist ein weitläufiges Netz an Assoziationen freigelegt.
Die Hand fährt über den Bauch und alle Geschichten über Schwangerschaft und Schicksal liegen offen. (28)
Der Held erfährt Medikation, die Grenze zwischen Nurse, Hilfe und Liebschaft verschwindet mit dem angedeuteten Geständnis vom Gegenüber, „dich abhängig gemacht zu haben“. (32)
Als ob die Kurzzeilen nicht genug Trennung der einzelnen Sequenzen vermitteln könnten, sind oft noch leere Seiten eingeschoben wie feuerfeste Schamotte für heiße Stoffe.
Kleine Geräusche fallen an, wenn eine Ampulle zertreten wird und Seiten später jemand feststellt, dass etwas in ihr zerbrochen ist. Eine Pistole liegt vorerst nur da, schlägt aber unbarmherzig durch, wenn der Schlamm der Erinnerung durchwatet wird.
Leitmotivisch stellt sich die Veranda zuerst als Bühne zur Verfügung, später wird sie zum Inhalt eines Stückes, das darauf spielt.
Die Motive stürmen aufeinander zu, bis sie in die Gebetsformel münden „Reiten reiten reiten“.
- „In die Decke gewickelt sitzt er draußen auf der Veranda, die Waffe auf dem Schoß.“ (69)
- „Durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag.“ (70)
- „Wir alle werden mit einer Schuld geboren, wir schulden dem Leben unseren Tod.“ (71)
- „Was übrig bleibt, sind Fragmente eines Lebens, eines Überlebens.“ (70)
- [leere Seite] (71)
Ab nun blättern die Leser ins Leere, hinaus aus dem Buch, bis sie zum Titel zurück geleitet werden, der das Geheimnis beschreibt, das im Dahinter liegt.
Dahinter ist vielleicht als Rezension geschrieben, damit es nicht rezensiert werden kann, die Sachlage ist nämlich genau umgekehrt, im Buch stehen Vorschläge für eine Regie, aber das Stück muss durch den Leser erschaffen werden.
Dahinter ist vielleicht das Konzept für eine Theateraufführung, zumindest aber für einen Leseabend.
Dahinter zeigt zwar verschriftlichte Sätze auf Papier, es verwandelt sich aber auch in Stimmen, Farben, Fotos, je nachdem, wie die Leser es gewohnt sind, durch den Schlamm der Erinnerung zu finden.
Im Lichte dieser Verschriftlichung ist auch die abschließende Notiz zu verstehen, worin es „Zur Schrift“ geht.
„Dieses Buch wurde in einer Schrift Martina Plantijn gesetzt, einer Type, die klassische Formen mit zeitgenössischer Klarheit verbindet. / Ihr Name schlägt eine Brücke zurück ins 16. Jahrhundert zur Werkstatt des Druckers Christophe Plantin in Antwerpen. Benannt ist sie nach seiner Tochter, Martina Plantin. Sie wuchs zwischen Lettern auf, korrigierte Drucke als Kind und leitete später die Offizina Plantiniana. / Entworfen wurde die Schrift von Kris Spwersby, inspiriert von der Monotype Plantin, die auf historische Vorlagen des Plantin-Moretus-Museums zurückgeht.“ (77)
Erfahrene Bibliothekare und Leser wissen, dass es die Schrift ist, die die Geschichte zusammenhält. – Das steckt auch hinter dem „Dahinter“.
Julian Sharp, Dahinter. Erzählung
Klagenfurt: Sisyphus Verlag 2025, 75 Seiten, 12,80 €, ISBN 978-3-903622-02-9
Weiterführender Link:
Sisyphus Verlag: Julian Sharp, Dahinter
Helmuth Schönauer, 30-11-2025