Elisa Asenbaum (Hg.), nie als allein

h.schoenauer - 23.02.2026

Elisa Asenbaum (Hg.), nie als alleinBücher, die ein extrem peripheres Sachgebiet abdecken, werden durch KI mittlerweile an den Mainstream angedockt, indem sachkundiges Bibliothekspersonal die entsprechenden Schlüsselbegriffe vernetzt. So tauchen scheinbar marginale Thesen eines Buches überraschend als Treffer an ganz anderer Stelle auf, wenn sie von einer Suchfunktion im Netz angesteuert werden.

Elisa Asenbaum kuratiert unter dem Titel „nie als allein“ ein Projekt, worin das Phänomen Dialog im Konnex mit lyrischen Interferenzen poetisch-wissenschaftlich abgehandelt wird. Die Initiatorin des Projekts fragt sich eines Tages, mit wem und womit sie eigentlich während des Tages dienstlich korrespondiert. Dabei stechen ihr zwei Themenbereiche ins Auge:

  1. als Mensch tritt sie ständig mit der Natur und ihrer Dekonstruktion in Dialog
  2. als Künstlerin mit anderen Künstlerinnen, wobei die Dialoge zwischen poetischem Ansatz und wissenschaftlicher Metasprache hin und her pendeln

Die Aufgabenstellung für das „nie allein“-Büchlein lautet nun, sechs Autorinnen treten mit der Herausgeberin im ersten Teil in einen „freien Dialog“, wobei die Themenstellung bereits Teil der Aussage ist. Im zweiten Teil werden diese Dialoge unter wissenschaftlichen Aspekten begutachtet und interpretiert, wobei es wiederum interessant ist, welcher Text zu welchem Interpretationsansatz führt.

Über dem ganzen Buch liegt die heimliche germanistische Grundregel poetischen oder wissenschaftlichen Schaffens: Es kommt immer hinten das heraus, was man vorne als Fragestellung formuliert hat. ‒ So gesehen entsteht der Mehrwert der Analyse in der Beschlagwortung des Ergebnisses im Netz bereits vorhandener Analysen.

Für jemanden, der dem wissenschaftlichen Diskurs über fiktionale Texte skeptisch gegenübersteht, weil ja bekanntlich in der Literaturgeschichte alles erfunden ist, ergeben sich aber unterhaltsame literarische Elemente.

Die Haupterkenntnisse könnten einmal darin liegen, dass man die Methode des Dialogs unter Autorinnen als Modell für frei angelegte Podcasts nimmt. Darin setzen sich zwei Personen an die Mikros und lassen es laufen. Heraus kommt ein Kaffeehausgespräch eleganter Sorte mit mehr oder weniger interessanten Zuhör-Effekten vom Nebentisch aus gesehen.

Zum anderen liefert die Anthologie interessante Aspekte was Druck, Layout und Archivierung solcher Gespräche betrifft. Im Idealfall wird die Meditation über das eigene Gespräch zur Literatur.
Als erste Beschlagwortung dieser Dialoge könnten die Überschriften dienen, die sich die Protagonisten selbst gegeben haben.

  • Wie fluid ist das Ich?
  • Dialog, ein Experiment mit offenem Ausgang
  • fugen, genau
  • Ein Sprung ins Waschbecken
  • Die Erwartung klopft an
  • bindeschwach
  • Übergangsmantel
  • revolution

Lesende könnten aktiv werden und zu diesen Überschriften sich jeweils die Besonderheiten in den Werken der handelnden Autorinnen in Erinnerung rufen, einmal vorausgesetzt, dass man die Werke kennt von: Thomas Ballhausen / Patricia Brooks / Harald Hofer / Semier Insayif / Ilse Kilic / Renate Resch / Eleonore Weber / Herbert Wimmer.

Markante Besonderheiten der graphischen Präsentation liefert etwa Semier Insayif, indem er lyrische Partikel mit einem Datum versieht und als lyrischen Dialog mit der Herausgeberin zu einem Langgedicht verformt.

Beispiel für so ein Partikel:

„an deiner seiner seite / bläst sich raum / und noch verkannt / umbruch im plus“ (37)

Bei Patricia Brooks Beitrag unter dem Titel „Ein Sprung im Waschbecken“ fällt auf, dass die Texte teils in blasser, teils in normaler Schrift, teils kursiv, teils fett erscheinen. Die Assoziation liegt nahe, dass es sich beim Text um kaltes oder warmes Wasser handelt, das nach subjektivem Gefühl ins Waschbecken eingelassen und verrührt wird.

Thomas Ballhausen legt seinen Disput mit Elisa Asenbaum unter dem Titel „Die Erwartung klopft an“ als klassischen Dialog an, der als Besonderheit durchklingen lässt, dass man das alles telepathisch betreiben sollte.

Von der zeitlichen Ferne und einem gesunden germanistischen Abstand aus gesehen scheint das Projekt gelungen zu sein, mit etwas Glück wird sich die eine oder andere Szene über KI in diverse andere Projekte einbauen lassen.

Etwas salopp formuliert erinnert das Ganze germanistisch-poetische Treiben an einen klinischen Bericht über eine OP, die gelungen ist. Den Nutzen einer gelungenen OP haben ja finanziell die Operierenden und von der Lebensqualität her gesehen die Patienten. Und nicht zu vergessen die nachrückenden Kohorten, die das alles auswendig lernen müssen, um irgend eine Prüfung zu bestehen.

Elisa Asenbaum (Hg.), nie als allein. Phänomen Dialog & lyrische Interferenzen, Texte von Thomas Ballhausen / Patricia Brooks / Harald Hofer / Semier Insayif / Ilse Kilic / Renate Resch / Eleonore Weber / Herbert Wimmer.
Wien: edition fabrik-transit 2025, 194 Seiten, 24,00 €, ISBN 978-3-903267-76-3

 

Weiterführende Links:
edition fabrik-transit: Elisa Asenbaum (Hg.), nie als allein
Wikipedia: Elisa Asenbaum

 

Helmuth Schönauer, 07-01-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Thomas Ballhausen / Patricia Brooks / Harald Hofer / Semier Insayif / Ilse Kilic / Renate Resch / Eleonore Weber / Herbert Wimmer
Buchtitel:
nie als allein. Phänomen Dialog & lyrische Interferenzen
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
edition fabrik-transit
Herausgeber:
Elisa Asenbaum
Seitenzahl:
194
Preis in EUR:
24,00
ISBN:
978-3-903267-76-3
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Elisa Asenbaum, geb. 1959 in Wien, lebt in Wien und Berlin.