Wie Lymphe ist in der Literatur neben den Texten ein zweiter Kreislauf angelegt, gleichsam ein Immun- und Heilsystem, worin all die Rezensionen und Lebenserfahrungen beim Lesen als echte Bücher vertrieben werden. Es macht nämlich einen profunden Unterschied, ob die Begleitliteratur knapp an der Grenze zum Alltagsgeschehen publiziert wird oder als Fließtext, der sich quasi über das Leben der Rezensierenden spannt.
Cornelius Hell nennt sich selbst einen öffentlichen Leser, sein literarisches Leben lang nämlich ist er unterwegs, im öffentlichen Raum über Presse und Rundfunk den Diskurs über das Leben am Laufen zu halten. Was dabei in seinem Lektüre-Inneren vorgeht hat er in einem dichten Band mit den vier Begriffen zusammengefasst: Lese-Zeichen-Lebens-Zeiten.
Als Methode verwendet er zwei wesentliche Zugänge ‒ einmal sind es die Bücher selbst, die durchstreift werden, zum anderen sind es Lebenssituationen wie „das erste Mal“, die unter dem Blickwinkel des Lesens betrachtet werden.
Im ersten Abschnitt geht es durch einen abgeklärten, magisch durch Erinnerung beleuchteten Kanon, den viele aus der Bildungskohorte des Autors selbst durchwandert haben.
Die beiden Romantiker Wackenroder und Tieck schreiben „nicht im Ton der heutigen Welt“. Diese Zeitverschiebung zwischen Schreiben, Lesen und dem Ablauf der Alltagswelt ist nicht nur eine Hauptkraft für das Wesen der Romantik, sie unterstützt auch die tapfere Lektüre jener Leser, die sich mit dieser Empfindungs-Devianz gegen der Gegenwartsgeschwindigkeit wehren.
Die Methode dieses Essays ist schlicht und assoziativ. Der ohnehin schon bedächtige Lesestrom wird noch einmal verzögert, ein einzelner Satz wird in die Höhe gehalten und von allen Blickwinkeln aus begutachtet.
Diese Erzählform kommt der Dramaturgie von Literatursendungen entgegen, wenn Originalzitate die Sendung gliedern und dadurch garantieren, dass sich die Assoziationen des Moderators nicht zu weit vom Thema entfernen.
Cornelius Hell lesen heißt immer auch, dass man das besprochene Original mitliest.
Die besprochenen Literaturen von Celan, Hofmannsthal, Horkheimer, Borchert, Aichinger oder Jandl knüpfen an jenen Bildungskanon an, der quer durch die österreichische Literaturexplosion in den 1970er und 1980er Jahren gepflegt worden ist. Aus heutiger Sicht ist dabei viel Nostalgie im Spiel, aber auch das Staunen darüber, dass manche Verheißungen dieser Werke tatsächlich bei der Bewältigung des eigenen Lebens geholfen haben.
Ein Solschenyzin-Porträt lässt noch einmal jene Zeit hochkommen, als die Literatur jenseits des Eisernen Vorhangs als Samisdat unterwegs sein musste. Cornelius Hell war damals „literarischer Botschafter“ Österreichs in Vilnius und hat als Einmannbetrieb die Literatur Litauens für den Westen erschlossen, Dissidenten-Texte zugänglich gemacht und den Grundstein für eine Begegnungskultur gelegt, wie sie in den 1990er Jahren euphorisch in den Literaturstadien Litauens gepflegt worden ist.
Diese Situation als Sprachbotschafter bringt den Autor dazu, die Literatur als besondere Lage auszurufen und rund um Pointen des Lebens die entsprechenden Texte vorzustellen.
So gibt es eine faszinierende Einlage über Wintergedichte, man geht der Frage nach, was aus Kinderwünschen werden kann, wenn diese etwa darin münden, dass man mit Tieren sprechen kann.
Weihnachten in der Literatur ist vor allem ein praktisches Vademecum, denn jeder, der Sendungen oder Veranstaltungen in einer Bücherei machen muss, ist gezwungen, aus einem Weihnachtsregal jene Stoffe zu entnehmen, die noch einen Hauch von Überraschung in sich tragen.
Zwischen Pruth und Dnister handelt poetisch von einer Zwischenbilanz in Grenzlagen, und während der Lektüre ist man an die romantische Zeitverschiebung von Wackenroder und Tieck erinnert, denn es ist unsicher, wie lange die Texte zwischen diesen beiden Grenzflüssen rund um Moldau noch funktionieren.
„Das erste Mal“ knüpft an die Leseerlebnisse jener Jahrgänge an, die in den 1950er und 1960ern parallel zu Comicheften Karl May zu lesen begonnen haben, immer frecher geworden sind, und über Camus schließlich bei Wittgenstein gelandet sind, weil sich dieser in der bunten Suhrkamp-Welt als das Maß aller Dinge und somit auch der Lektüre gezeigt hat ‒ „Wovon man nicht reden kann […]“.
Eine sogenannte Handbibliothek über vierzehn Seiten blendet noch einmal die Namen der Schriftsteller und ihre Werke ein und erleichtert die Beendigung der Erstlektüre von „Lesezeichen und Lebenszeiten“, indem man sich ans eigene Buchregal heranschleicht und der Reihe nach jene Bücher abtastet, von denen Cornelius Hell gerade gesprochen hat.
Cornelius Hell, Lesezeichen & Lebenszeiten. Streifzüge durch Bücher und Biografien
Wien: Sonderzahl Verlag 2025, 282 Seiten, 25,00 €, ISBN 978-3-85449-693-9
Weiterführende Links:
Sonderzahl Verlag: Cornelius Hell, Lesezeichen & Lebenszeiten
Wikipedia: Cornelius Hell
Helmuth Schönauer, 13-01-2026