Elisabeth Wandeler-Deck, Anlandebahnen für Geräusche

h.schoenauer - 17.03.2026

Elisabeth Wandeler-Deck, Anlandebahnen für GeräuscheVom aufgekratzten Titel „Anlandebahnen für Geräusche“ inspiriert denkt man spontan an einen Laubbläser, der mit seinem kontinuierlichen Luftstrom alles Laub in die Ecke kehrt, von wo aus es dann leicht kompostiert werden kann.

Und tatsächlich erzählt Elisabeth Wandeler-Deck mit voller Düse, wenn sie ihre Prosa über die Seiten bläst. Der Text beginnt mit der Fügung „erschien sie mir“ und einem englischsprachigen Zitat über unerwartete Protagonisten, und endet nach gut hundert Seiten absatzlos mit den Worten „draw 2 parallel lines and“ (102). Die Absicht für dieses Buch ist dabei gut versteckt in einem Flow von Assoziationen, Bildern und Sehgewohnheiten:

„Sie übte einen langen Text zu schreiben ohne Absatz.“ (26)

In diesem Lichte ist auch die Schlussdatierung zu deuten, Maggia / Zürich, 13.11.2023 kann bedeuten, dass der Text an diesem Zeit-Ort abgeschlossen worden ist, es kann aber auch bedeuten, dass der Text in einem Atemzug an diesem einen Tag durchgeschrieben worden ist. Einmal wird nämlich über das rätselhafte Beginnen von Stücken räsoniert (43), es sei nie klar, wann etwas losgeht.

Obwohl im Titel von Geräuschen die Rede ist, müssen diese vom Gehör entkoppelt auf alle Sinnesorgane übertragen gedacht werden. Wie ja das sogenannte „weiße Rauschen“ in der Medienkunde weit mehr ist, als etwas dem Ohr Dienliches, so könnte man Geräusche in der Kunst auch auf Bilder, Aktionen, Theaterstücke und Reisen ausdehnen.

Bilder erzeugen Geräusche für die Augen, hat es bei den Dadaisten einmal geheißen, und auch im vorliegenden Geräusche-Text geht es um Bilder, Sehweisen und mehr oder weniger surreale Zugänge zu Objekten.
„Er betritt das Bahnhofsareal mit einer Ananas.“ (9) Mit Fügungen dieser Logik eröffnen sich diverse Sehweisen aus Kunst und Malerei. Und auch der Beginn geht ja gleich zur Sache, wenn es heißt: „unbewegt, die Hand, das kleine Gemälde. Vielleicht ein Gemälde, ein in das Bild hinein gemaltes Gemälde, hingemalt als ob auf einem anderen Farbträger, hingemalt, im unteren Grau des Bildes“ (5)

Die Assoziationsachsen laufen mittlerweile zu einem Gefüge zusammen, das mit „Rand Platz Bild“ (22) umschrieben ist. Und ehe die Komponenten dieser Geräuschverknotung aufgetischt sind, geht alles den Bach der Illusion hinunter, es wird nämlich dunkel, man sieht nichts mehr und alles wird zur Fiktion. „Es sei doch, so jemand, inzwischen dunkel geworden, weshalb doch auch kein Bild mehr, keine Uhrzeit mehr, die Zeit ausgesetzt habe, die Fiktion.“ (23)

Das Gegengeräusch zum Licht ist in der Poesie der Wind.

„Und Wind geht, Wind treibt das leichte, leicht zerknitterte, knitternde, knisternde, vielleicht Blatt, vielleicht Hülle, das Partikel, den kleinen Abfall, ein kleiner Wind spielt, dem kleinen, zarten Ding mit, treibt es über den Platz […]“ (34)

Neben handfesten Konnotationspunkten wie einem Platz oder Feld gibt es auch noch Regeln, die über dieses Handfeste hinwegstreichen. Der Platz wird etwa durch die Regeln des Tennisspiels zu einem Tennisplatz. Ähnlich können auch Gemälde klassifiziert werden, die Leinwand wird durch die Regeln einer bestimmten Stilrichtung zu einem Gemälde dieser oder jener Epoche.

Das Wechselspiel zwischen festen Plätzen und flexiblen Regeln ergibt erst jenes Theater, das in der Mitte des Textes leitmotivisch hervortritt. Der Platz 54, vergleichbar mit dem Versteigerungslos Nummer 49 bei Thomas Pynchon, wird von diversen Personen in verschiedenen Kleidungsstücken oder Rollen eingenommen. Für einen Billeteur stellt der Platz 54 die volle Identität her, die er einer zufälligen Benützerin zuspricht.

Ein sogenannter fixer Platz entwickelt aber im Hintergrund eine komplette Blockchain, wenn er gewechselt wird. „Sitz 54, jetzt auf 34“ (38) deutet an, dass Dynamik im Sitzplan herrscht.

Und tatsächlich werden nicht nur die Sitzplätze über den Haufen geworfen, sondern auch Orte mit allen Verknüpfungen. „Der Ort, das Volumen, die Luftsäule über dem Parkfeld, der Luftkubus über mir, das dreidimensional ausgeleuchtete Feld, die Wände, die Decke, die Grundfläche, der imaginierte Luftkubus, die ausgedachte Luftsäule, das Luftvolumen über dem nächtlichen Platz …“ (41) 

Im letzten Drittel der Prosa sind dann tatsächlich wie im Titel versprochen konkrete Anlandebahnen für Geräusche ausgeführt. Dabei geht es um Auflistungen von Geräuschen, die bei physikalischen Vorgängen entstehen, sowie um Geräusche bei Tieren, bei denen sich oft nicht klären lässt, ob sie die diese selbst erzeugen oder bloß das rezipierende menschliche Ohr, das ihnen dieses Wirken zuspricht.

Und höchst poetisch fallen die Geräusche schließlich zu einer Anhäufung von Herbstlaub zusammen (97), welches der prosaische Laubsauger in die Ecke getrieben hat.

Aber nein, es ist nicht der Herbst, der das Laub samt seinen Geräuschen beherbergt, sondern eine Inszenierung auf Zeit, wie sie im Straßentheater sporadisch aufgetürmt wird.

„Die Stuhlreihen, inzwischen abgebaut, und wieder aufgebaut, dieses vergatterte Dekonstruieren, Konstruieren, in den Zusammenzug genommen, die Wörter, die Frau, jetzt mit hohem Hut“ (101)

Die Anlandebahnen von Elisabeth Wandeler-Deck sind ein hinterlistiges, beinahe mystisches Zusammenfegen diverser Kulturtechniken und ihrer Rezeption. Durch seine Ironie befreit sich der Text vom akademischen Dünkel und kann unkompliziert im Alltagsgebrauch für die Taxierung von Kunst und Geräuschen verwendet werden.

Elisabeth Wandeler-Deck, Anlandebahnen für Geräusche. Prosa
Klagenfurt: Ritter Verlag 2025, 104 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-85415-693-2

 

Weiterführender Link:
Ritter Verlag: Elisabeth Wandeler-Deck, Anlandebahnen für Geräusche
Wikipedia: Elisabeth Wandeler-Deck

 

Helmuth Schönauer, 02-01-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Elisabeth Wandeler-Deck
Buchtitel:
Anlandebahnen für Geräusche
Erscheinungsort:
Klagenfurt
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Ritter Verlag
Seitenzahl:
104
Preis in EUR:
15,00
ISBN:
978-3-85415-693-2
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Elisabeth Wandeler-Deck, geb. 1939 in Zürich, lebt in Zürich.