Ehrensache, dass der vom Aussterben bedrohte Salamander durch die Aufnahme in den Buchtitel zumindest bei Archivaren vor dem Vergessen gerettet wird. „Dieses Tier ist so kalt, dass es Feuer auslöscht, wenn es dies berührt, wie es auch Eis tut.“ Für Peter Pessl ist dieses Zitat aus der Naturalis historia von Plinius dem Älteren eine perfekte Ermunterung, damit einen ganzen Lyrik-Band über das Selbst in Bewegung zu setzen.
Der Autor nennt sich in einer Kurzbiographie gerne Landmann und Bienenzüchter, der die südlichen Gefilde des Burgenlandes durchstreift. Diese Kombi-Berufsbezeichnung ist vielleicht eine Erklärung für die Funktion der Texte, die sich durchaus als Flanier-Protokolle botanischer Streifzüge lesen lassen.
Die Gedichte sind an der Oberfläche Gestaltungsmonster individueller Art, die sich beim Lesen gleichsam als lyrisches, semantisches und performatives Neuland darstellen. Es liegt an der Individualität der Leser, das vorerst amorphe Gebilde in einer spezifisch vorgestellten Welt zu verankern.
Die Texte mit biologischem Hintergrund lassen sich nach Art der Metamorphose diversen Stadien eines Lebewesens zuordnen, einer gewissen Konstellation an Witterung oder einer biologisch angereicherten Gegend wie Wald oder Flur.
Schon das erste Kapitel spricht diese Kunst der Metamorphosen an. „Von Verwandlungen in kleine Vampire und Fummelmonster, die es freilich alle nicht gibt“. Hier kommt es bald einmal zu einer Beschreibung der Vogelform (20), womit die lyrische Pflicht erledigt ist, wonach in jedem Gedichtband ein Vogel vorkommen muss.
Einem Vogel nicht unähnlich ist auch der Reflux, der oft als Volkskrankheit angerufen wird, hier aber für das lyrische Ich als Tagesaufgabe beschrieben wird. „Mir steht heute ein Reflux bevor.“ (28) Das Gedicht beschwichtigt diesen ausgerufenen Reiz mit Aufstoss-hemmendem Vokabular.
Das Kalt-Heiße des Salamanders fließt in eine Würdigung des Dichters Helmut Eisendle mit ein, dessen Werk wie eine ausgestorbene Tierart immer wieder in Erinnerung gehalten werden muss.
„Tote sind heiß, / nicht kalt, / lasst euch das sagen!“ (35)
Die letzten Gedichte aus der Sektion Verwandlungen sind nur angeträumt (57) und nicht ausgeführt. Hier ist die Arbeit der Leser gefragt.
Im Mittelteil steht das Hauptthema, das dem Buch den Namen gibt: „Dieser seltsame Salamander Selbst“.
Während im Eröffnungsteil die Gedichte wie Skizzen-Ausrisse als Texturen aufgemalt sind, werden die Hauptgedichte meist von einem Kommentar oder einer Anmerkung beendet. Der Autor legt damit eine Spur vom Gedicht hinaus in die Natur oder Literaturgeschichte, denn die behandelten Stoffe werden neu vermessen und mit neuem Vokabular ausgestaltet. Daraus entwickelt sich allmählich das Selbst, das jederzeit von einem poetischen Salamander ausgelöscht werden kann.
Der rätselhaft überschriebene Abgesang „Abambaram“ widmet sich den Veränderungen, die durch Positionswechsel entstehen. So stellt ein Bild mit dem Titel „Muttermais“ (79) neue Bezüge zwischen Genealogien und genetisch veränderten Produkten her.
Die Neologismen dienen einerseits dazu, einen ungewöhnlichen Zustand der Welt mit einem einzigen Begriff zu beschreiben, wie es etwa mit „Marsmärz 22“ (71) gelingt, wo mit einer einzigen Paraphe der jäh ausgebrochene Kriegszustand des Kontinents bedacht wird.
Andererseits helfen diese Neuschöpfungen Marke „Abambaram“ (112) über semantische Lautmalerei zum Kern diverser Kunstwerke vorzudringen, wie im konkreten Fall zur Dramaturgie Pasolinis.
Im Anschluss an diesen Selbst-Cluster treten oft Kunstfiguren in eine Art Fußnoten-Dialog.
Die zehn eingespeisten Bilder werden im Anhang mit Seitenzahlen verortet und ergeben untereinander gelesen selbst wieder ein Gedicht, oder ein Selbst, wie es nach der Lehre des Salamanders heißt.
Gedichte, die von Metamorphose, Verwandlung, Vazieren und Flanieren handeln, haben naturgemäß ein starkes Interesse, klangvoll in das Weltall des Alltags hinaus entlassen zu werden.
Peter Pessl gibt dem Buch einen starken Abgang. „Keiner geht irgendwohin!“ (144) ‒ Und dann die Überlebensformel: „Leck’s!“ (149)
Peter Pessl, Dieser seltsame Salamander Selbst. Gedichte
Klagenfurt: Ritter Verlag 2025, 160 Seiten, 19,00 €, ISBN 978-3-85415-695-6
Weiterführende Links:
Ritter Verlag: Peter Pessl, Dieser seltsame Salamander Selbst
Wikipedia: Peter Pessl
Helmuth Schönauer 26-01-2026