Dinçer Güçyeter, Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne

h.schoenauer - 08.04.2026

Dinçer Güçyeter, Fake Gucci-Jogginghose auf der LesebühneWenn ein Buchtitel mehrfach barock-verdreht aufs Cover springt, handelt es sich meist um eine sogenannte Literaturvorlesung. Dieses seltsame Genre ermöglicht es fiktional Arbeitenden, an der Uni akademisch aufzutreten, ohne sich wissenschaftlichen Kriterien aussetzen zu müssen. Eine gute Poesie-Vorlesung ist also eine gute Unterhaltung des akademischen Personals, das einmal freie Sätze denken darf wie sonst nicht einmal in Fußnoten.

Dinçer Güçyeter stülpt seine Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens unter den Titel „Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne“. Damit spielt er auf das Phänomen an, dass im Literatur- und Musikbetrieb, vor allem aber in der Pop-Kultur, der passende Code der Kleidung unerlässlich ist. Musterland für diesen Kult ist Deutschland, wo alles in Schubladen ordentlich abgelegt wird.

Diesen Schubladen des Literaturbetriebs ist der Vortragende entstiegen, indem er Lyriker und Verleger geworden ist. Gleichzeitig pflegt er das Theater, indem er es mit in seine Lesungen und Performance hineinnimmt. Seinen Durchbruch hat er wohl mit dem Roman „Unser Deutschlandmärchen“ (2022) geschafft, darin wird Deutschland aus der Sicht eines hier Geborenen beschrieben, der das Land erst durch das Aufsuchen seiner Wurzeln und seiner Verwandtschaft in der Türkei kennenlernt. Märchen ist dabei doppelt zu lesen, einmal als wunderschönes Ding, andererseits als Fiktion.

Die Vorlesung wird wahrscheinlich mündlich gut gelungen sein, vor allem weil viel Herzblut und Empathie für die Literaturmenschen involviert ist. Nicht umsonst wird zu Beginn von einem Schmiedevorgang berichtet, bei dem wie bei einem Gedicht glühendes Eisen bearbeitet werden muss.

In der schriftlichen Fassung ist vor allem das Gendersternchen (Asterisk) ärgerlich, wiewohl im Untertitel ja der Prolet als Literatursternchen auftritt. Diese schriftliche Verunglimpfung der Sprache macht vieles zunichte, was der Autor gerade über seine Lyrik gesagt hat. In einem Märchenbild spricht er davon, dass wie bei einem kindlichen Gemüt „durch jedes Gedicht ein Pony“ rennt und zum Mitmachen einlädt. Beim Lesen denkt man sich, dass das Pony wohl auch hoffentlich gegendert ist.

Der Vortrag ist in mehrere Unter-Essays gegliedert, die in der Hauptsache unter einem konkreten Datum von der Türkei-Reise zurück in die Kindheit berichten. Die Schwarzweißbilder ergeben dabei quasi einen eigenen aufregenden Fotoband im Vorlesungsbüchlein. Allein, dass auf manchen Bildern kein Auto zu sehen ist, empfinden wir instinktiv als nostalgisch, märchenhaft und weltentrückt.

In die Reise sind lyrische Fallbeispiele eingeflochten, die Gedichte lassen sich aber schriftlich nur schwer auf Betriebstemperatur fürs Schmelzen des Herzens bringen. Aber wenigstens ist in den kleinen Textproben auch der obligate Vogel drin, der in jedem Gedichtband der Gegenwart auftauchen muss. Hier ist von einem Vöglein (42) die Rede, mit dem das lyrische Ich seine Frau bezeichnet. Bleibt zu hoffen, dass die Fraktion der multikulturellen Subkultur die Oberhand über die Fraktion der Frauenrechtlerinnen behält, denn einem schubladisierten Dichter würde man das Vöglein für die Geschlechtspartnerin nicht durchgehen lassen.

Manche Kommentare sind mit einem Schlagwort versehen, damit sie sich in das akademische Curriculum besser einfügen. „Erfolg“ (38) ist so eine Notiz, die im Wesentlichen davon spricht, dass man sich wie ein Scheich fühlen darf, wenn man fünfhundert Stück Gedichte verkauft hat.

In den referierten Gesprächen aus Anatolien kommen auch ungewöhnliche Thesen aufs Papier, was Krieg, Vertreibung und Schuld betrifft. Den Verbrechern lässt man in der ersten Generation wohl oder über ihre Verbrechen durchgehen, weil man keine andere Wahl hat. Erst später fordert die Literatur die Menschen heraus, darüber nachzudenken.

Ähnliches scheint beim Thema Migration zu geschehen. Die erste Generation ist stumm und duldsam, erst später melden sich die Zugezogenen zu Wort, indem sie wie selbstverständlich die deutsche Sprache ergreifen und darin Gedichte schreiben im Sinne der Pop-Kultur.

Was das Feuer der Vermittlung betrifft, ist Dinçer Güçyeter jeden Tag als Inhaber des Elif-Verlags gefordert. Mit 500 Euro in der einen Hand und mit einem Rucksack für die Auslieferung in der anderen hat er ein Vertriebsnetz gestartet, das neben den eigenen Texten vor allem Übersetzungen von Gedichten aus allen relevanten Migrationssprachen forciert.

In einem Transkript eines Interviews im Schweizer Magazin der Gegenwart wird vor allem das verlegerische Treiben des Autors gewürdigt. „Ohne Humor wäre ich längst verloren“ ist dieses Interview überschrieben, das einen vor Energie sprühenden, optimistischen und kaum zu bremsenden Lyriker zeigt, der den Verlag wie ein Gedicht führt und das Gedicht streng behandelt wie ein Verleger.

Dinçer Güçyeter, Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne. Der Prolet als Literatursternchen, Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens Band 7
Graz: Droschl Verlag 2026, 112 Seiten, 16,00 €, ISBN 978-3-99059-202-1

 

Weiterführende Links:
Droschl Verlag: Dinçer Güçyeter, Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne
Wikipedia: Dinçer Güçyeter

 

Helmuth Schönauer, 12-02-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Dinçer Güçyeter
Buchtitel:
Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne. Der Prolet als Literatursternchen
Erscheinungsort:
Graz
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Droschl Verlag
Reihe:
Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens Band 7
Seitenzahl:
112
Preis in EUR:
16,00
ISBN:
978-3-99059-202-1
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Dinçer Güçyeter, geb. 1979 in Nettetal, Lyriker und Verleger, lebt in Nettetal.