Ein lyrisch überzeugender Titel zieht das Publikum an, indem er ihm eine Aufgabe stellt, ein vorgebliches Rätsel zum Lösen. – „Ortsauflösung“ ist so eine Aufgabe, die man leichtfertig in Angriff nimmt, indem man den Namen eines Ortes für ein Ratespiel erschließt, indem man einen konkreten Ort auflöst wie eine Verlassenschaft oder indem man ein lyrisches Ortsbild dekonstruiert in emotionale Pixel.
Chris Lauer stellt das Gedicht „Ortsauflösung“ wie ein Programm an den Anfang der Sammlung. Die Bahn streicht während ihrer Schrumpfung ganze Gegenden auf der Landkarte durch und löst dabei Ortschaften aus dem Netzplan, manche Gegenden sind restlos verarmt und werden von Joggern mit Stirnlampen im Laufschritt erkundet, Michelangelo ist unter die Sprayer gegangen und macht Renaissance-Kunst an der Brücke, in einem lyrisches Wir greifen ein Paar Hände ineinander und erklimmen einen Hügel, von wo aus sich ein wundersamer Schlafverlauf zu einem Hypnogramm zusammenfassen lässt.
In knappen Bildern, einem poetischen Protokoll nicht unähnlich, werden verschiedene Ikonen des lyrischen Blicks aufgerufen und neu gemischt wie in der Renaissance, dabei entstehen neue Bewertungen, sodass ein Hochhaus durchaus ein Traumhaus werden kann, wenn man es in die Horizontale legt.
Das Wiederbeleben und Refreshment alter Bilder, Moden und Konventionen treibt auch die Dramaturgie des Retro-Zyklus an. Darin feiern Wollpullover der Grünen, alte Hausmittel zum Einschlafen und geheime Fliegenpilzrezepte fröhliche Urständ.
„Die Ehefrau sammelt Fliegenpilze im Wald. Keiner fragt warum.“ (11)
Durch den Transfer scheinbar abgeklungener Brisanz von Alltagsbildern in eine neue Gegenwart entstehen mit einem Federstrich neue Richtlinien beim Abarbeiten der Literaturgeschichte.
Das lyrische Gebot der Stunde, nämlich dass in jeder Gedichtsammlung mindestens einmal ein Vogel vorkommen muss, konterkariert die Autorin mit einem geradezu irren Vogelbild: Ornithologen stehen vor einem leeren Nest und rätseln, ob das eine Abweichung von der biologisch-lyrischen Norm ist. (12)
Später wird das Vogelmotiv noch einmal „im Ernst“ aufgegriffen, wenn es um die Beschreibung eines Museums geht.
„Tönernes Jahr. / In ihm ruht / die eingezuckerte Glut unseres Müßiggangs / Und die Vögel zwitschern noch immer.“ (59)
Beinahe jedes Gedicht schreibt für sich im Subtext eine einzigartige Choreographie mit, die fallweise auch auf andere Texte übertragbar ist.
Ein elegantes Mittel der Irritation ist dabei die lyrische Travestie, wenn sich die Poesie voller Andacht vor einem Sterbebett versammelt wie in der beschaulichen Lyrik üblich, dann aber mit einem jähen Schwenk der Blick auf ein totes Rehkitz gelenkt wird, das diese Feierlichkeit irrtümlich ausgelöst hat. (20)
An anderer Stelle geht es es um Begegnungen, die scheinbar im grünen Bereich ablaufen, aber jäh einen radioaktiven Touch erhalten, wenn sie als Geheimnotizen eingeblendet werden, worin Innensicht und Außensicht eine kritische Masse erreichen und die Wirklichkeit zum Kochen bringen.
Beinahe schon als Essay kann der Text „Provinz“ (31) gelesen werden. „Auch im Juni / Passiert in dieser Stadt / zu jeder Sekunde / Irgendwo irgendetwas.“
Mit der Ortsbezeichnung „auf der Station“ werden in fünf Abschnitten Petitessen und andere existenzielle Unebenheiten aus der Insidersicht beschrieben. Mit der Station kann eine klinische Abteilung gemeint sein, auf der es ständig um Leben und Tod geht, es kann sich aber auch um eine Wetterstation handeln, in der die Daten verrückt spielen. Ähnlich der Ortsauflösung bitten auch die „Stationen“ die Lesenden um Erklärung, was wohl hinter jenen Sätzen stecken könnte, die das lyrische Personal zur Verzweiflung bringen.
„Ausgang. Wir stehen auf und gehen hinaus und bleiben / Auf unseren Stühlen sitzen, stumm und gekränkt.“ (38)
Ab der Mitte des Bandes überwiegen die heiter ironischen Aspekte lyrischen Treibens. Ein Date mit einem schönen Mann wird wie in einer Grammatikübung gesteigert zum schöneren bis hin zum schönsten Mann. (50)
Abends knipsen sich die Sonnenblumen des Vorjahrs von selbst aus und der Frühling steht vor der Tür. In mehreren Versuchen bricht ein „neuer Wind“ los und wirbelt die poetischen Partikel noch einmal durcheinander, ehe das Ganze reduziert, straff und zart wie Porzellan in drei Haikus endet.
- „Stromausfall / Im Dunkeln finden sich / Zwei Münder“
- „Federwolken / Mein Blick nach oben / Landet weich“
- „Fichtenstaub / Das parkende Feuerwehrauto / Grüngelb eingeschneit“
Chris Lauer, Ortsauflösung. Gedichte
Innsbruck: Limbus Verlag 2026, 96 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-99039-282-9
Weiterführender Link:
Limbus Verlag: Chris Lauer, Ortsauflösung
Helmuth Schönauer, 16-03-2026