Stefan Schmitzer, space waste

h.schoenauer - 04.05.2026

Stefan Schmitzer, space wasteJede Epoche stellt vor allem die Glanzlichter als Errungenschaften ins Licht der Geschichte, Aufgabe der zeitgenössischen Kunst ist es dann immer, die Schattenseiten und Hinterhöfe dieser Glanzlichter zu dokumentieren.

Stefan Schmitzer widmet sich in seinem Langgedicht „space waste“ dem Gegenteil des Urknalls, nämlich jenem Geräusch, das ein Mistsack macht, wenn er von der Baggerschaufel fällt. In jedem lyrischen Gehör beginnt sich bei der Beschreibung der Szene ein Geräusch aufzubauen, in dem sich vielleicht die Erfahrungen des Weltalls äußern, wenn sie auf einen jähen Augenblick treffen.

Das poetische Geräusch der gegenwärtigen Menschheit ist mithilfe zweier unendlicher Gesten komponiert, einmal ist es der Weltraum, der nicht nur in Filmen episch als unendlich ausgerufen wird, zum anderen mal ist es der Müll, der mittlerweile in die letzte Ritze der Erdkruste gekrochen ist. Zusammen ergeben sie eine Art dystopische Milchstraße aus Abfall, der rund um die Erde aufgebaut ist wie eine Verspottung der kopernikanischen Wende.

Ehe man den Lyrikband „space waste“ zu lesen beginnt, sollte man zwei Tipps des Autors beherzigen. Er empfiehlt, das Ganze laut zu lesen, damit die Komponenten Langgedicht und Lautgedicht auch gut zur Geltung kommen, und weiters sollte man im Auge haben, dass der Text im Zusammenhang mit dem gleichnamigen Film von Don Hai Phu Daedalus und Stefan Schmitzer 2025 entstanden ist.

Das Weltraum-Müll-Gedicht wird mit einer kurzen Erklärung eingeleitet, wonach sich manches in Poesie und Physik nicht verschriftlichen lässt, weshalb man beispielsweise auf das Zerplatzen eines Mullsacks unter der Baggerschaufel zurückgreifen muss, um für einen Augenblick die Sphären von Poesie und Physik in Einklang zu bringen.

Auf diese Erklärung hin folgen dreißig Kapitel, die zur Freude aller Liebhaber der Aufzählung ordentlich abgearbeitet werden, dabei ändert sich ständig die Konsistenz der einzelnen Kapitel. Es kann sich um Szenen eines Drehbuchs handeln, um die Inventarliste nicht geklärter Probleme, um Protokolle für abgesessene Therapiestunden, oder um das Programmangebot für eine künstlerisch untermalte Weltraumserie.

In den Hauptstrang „Baggerschaufel-Geräusch“ sind drei Appendices eingearbeitet:

  • I Über die Fliegenzucht (51)
  • II Über die Topologie von Kanälen (63)
  • III Über Poeten auf ihren Planeten (79)

Alle drei bearbeiten im Kern Überlegungen des forschenden Geistes:

  • Wie erhält man verlässliche Quellen? (Am Beispiel der schwarzen Soldatenfliege wird die Kraft des Maßhaltens über eine Tarot-Karte ausgespielt.)
  • Wie verbreitet man Wissen? (Zwischen einzelnen Flächen und funktionalen Teilen wie Mullsack und Schaufel soll die Kommunikation argwöhnisch hinterfragt werden, wodurch sich Wissen verbreitet.)
  • Wie schützt man sich vor Verunreinigungen in einem unendlichen System? (Indem man beispielsweise Weltraumkolonien anlegt, in denen die Dichtkunst die Hauptrolle spielt.)

Das hohe Drehmoment der Lektüre wird gespeist durch jähe Brüche und Szenenwechsel. Eben noch läuft ein meditativer Sermon in einem Sinnspruch aus, worin der Kulturpessimismus gefeiert wird (20), da gibt es schon eine Anwendung, die aus diesem Pessimismus resultiert, nämlich die Anwendung von Bild-Prompts zur Ausgestaltung des Films.

Die Szenen lassen sich auch als ausgestaltete KI-Module lesen, die vom Autor mit poetischen Prompts angeregt worden sind. Die Methode des Dichtens wird quasi auf jeder Zeile mit-gedichtet. „dieses ganze Gedicht das vom Gatsch auf der Gegend spricht / hat die Gestalt einer Anzahl von Worten die aufeinander / folgend erklingen und/oder die nebeneinander geordnet / auf Seiten erscheinen“. (71)

Ziel der als Kulturpessimismus ausgewiesenen Eloge ist ein Stück Romantik, wenn Poeten einer ausgelagerten Kolonie sich eine Höhle suchen und zu schreiben beginnen, „manche schreiben ein Buch, manche schreiben ein Buch auch nur ab.“ (105)

Und wie kommt man aus dem Urknall der anderen Art zwischen Baggerschaufel und Müllsack wieder heraus? – Indem man sich handfester Hilfsmittel der Buchkultur bedient: Space waste endet seriös mit Anmerkungen, Bildnachweisen und Inhaltsverzeichnis.

Stefan Schmitzer, space waste. poem betreffend das geräusch von einem mistsack der von der baggerschaufel fällt nebst appendices
Klagenfurt: Ritter Verlag 2026, 111 Seiten, 17,00 €, ISBN 978-3-85415-703-8

 

Weiterführende Links:
Ritter Verlag: Stefan Schmitzer, space waste
Wikipedia: Stefan Schmitzer

 

Helmuth Schönauer, 26-03-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Stefan Schmitzer
Buchtitel:
space waste. poem betreffend das geräusch von einem mistsack der von der baggerschaufel fällt nebst appendices
Erscheinungsort:
Klagenfurt
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Ritter Verlag
Seitenzahl:
111
Preis in EUR:
17,00
ISBN:
978-3-85415-703-8
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Stefan Schmitzer, geb. 1979 in Graz, lebt in Graz