Andreas Pavlic, Selige Unruhe

h.schoenauer - 08.05.2026

Andreas Pavlic, Selige UnruheManche Romane richten sich pädagogisch wohl kalkuliert an eine bestimmte Altersgruppe. Selige Unruhe legt schon im Titel nahe, dass es sich dabei um Ruheständler handelt, die artig gegendert sind.

Tatsächlich scheint sich der Unterhaltungsroman von Andreas Pavlic an die Zielgruppe „ältere Damen“ zu wenden, denn diese spielen die Hauptrolle. Die Kohorte der jetzt Siebzigjährigen hat in ihrer Jugend wie verrückt die Abenteuer-Serie „Fünf Freunde“ der Enid Blyton (1897-1968) gelesen. Was liegt also näher, als im Stile eines Retro-Romans auf die 1960er ein Abenteuer aus der Gegenwart zu erzählen. Der Plot zwingt einen geradezu auf diese Erwartungsschiene, denn vier Freundinnen, die als aktive Berufstätige vor dreißig Jahren einmal eine Bürgerinitiative abgewickelt haben, treffen sich als Betagte zu einem Revival.

Das Kloster der fiktiven Ortschaft Funkberg soll in ein Kongresszentrum umgebaut werden.

Unter der Regie einer gewissen Gerda, einer ehemaligen Elementarpädagogin, bestreitet die Frauentruppe zusammen mit einer Nonne das Abenteuer „selige Unruhe“.

Der Roman bietet für das Lesepublikum Bildung auf zwei Ebenen an. ‒ Auf der soziologisch-pädagogischen wird gezeigt, wie man intrinsisch motiviert das Ortsbild vor der scheinbar falschen Zukunft retten kann, und im enzyklopädischen Teil geht es um die Beginen, das sind Angehörige eines speziellen Frauenordens aus dem Mittelalter. Deren Hauptmerkmal: Sie können sich Rhizom-artig im Untergrund zusammenrotten und quasi als familiär getarnte Maulwürfe die üblichen Machtstrukturen an der Oberfläche aufbrechen.

Die Kernkraft des Plots speist sich aus dem Ausgraben der Klostergeschichte der Beginen vor Ort, und der Abwendung der Kapitalismusgefahr für die Ortschaft, wenn Immobilienhaie ohne Geschichtsbewusstsein das Ruder übernehmen.

Die subversiven Treffen der älteren Damen münden in mehre Klostererkundungen. Dabei ist Abenteuer pur angesagt, wenn die Heldinnen Schlösser aufbrechen und sich durch Spinnweben-Kaskaden vorkämpfen, bis sie den Gral finden in Gestalt einer beleuchteten Klosterbibliothek, in der eine Nonne den ewigen Dienst verrichtet.

Bald einmal steht fest, dass man das Kloster retten muss, so wie man schon vor Jahren das Land vergeblich gegen ein Kraftwerk gerettet hat. Wie bei vielen Entscheidungen aus dem Bauch heraus wird eine gewisse Altersweisheit vorgegeben, die aber letztlich nicht erklärt, warum ein Revival als Beginenkloster gut, eine Umwandlung der Gemäuer in ein Kongresszentrum aber schlecht sein soll.

Überhaupt spielen sehr viele mythologische und astrologische Aspekte in die Argumentation hinein, die letztlich zu keiner logischen Auflösung führt. Im Gegenteil, eine Pressekonferenz wird zeitgleich mit einer anderen von der Gegenseite konterkariert.

Diese Auseinandersetzungen bedienen sich wie gesagt des abenteuerlichen Jugendromans, aufgefrischt durch die Geschichtsschreibung diverser Bürgerinitiativen. – Und im Untergrund schwelt auch der Handlungsstrang der Transzendenz mit, oft werden Wohlfühl- und seelische Wellness-Beschreibungen eingestreut. Das Ganze erinnert an die 1980er Jahre in Tirol, als eine religiöse Frauengruppe den ausufernden Transitverkehr durch den Bau einer Kapelle einzudämmen versuchte.

Als auf der politischen Seite nichts weitergeht, kommen auch persönliche Sticheleien der Protagonistinnen zum Tragen. Letztlich ahnen alle Beteiligten, dass es kleine private Reibereien sind, die sie scheinbar politisch handeln lassen.

Andreas Pavlic tariert seinen Roman klug aus zwischen den Anforderungen nach stromlinienförmiger Unterhaltung und biedermeierlicher Gesellschaftskritik. Manche Argumente aus der Klostergemeinschaft der Beginen erweisen sich als durchaus attraktiv für die Gegenwart. Und als soziologisch geschulter Moderator führt der Autor die Figuren behutsam auf einander zu und aneinander vorbei, sodass er niemandem weh tun muss, und alle glauben können, dass man die Gegenwart besiegen kann mit Reminiszenzen aus ferner Jugendlektüre.

Den Überblick über die Jahrhunderte scheint wirklich die Nonne in der Bibliothek zu haben, indem sie das Licht der Klosterbibliothek eingeschaltet lässt für den Fall, dass sie von einer Abenteuergruppe entdeckt wird.

Andreas Pavlic, Selige Unruhe. Roman
Wien: Edition Atelier 2026, 248 Seiten, 25,00 €, ISBN 978-3-99065-147-6

 

Weiterführende Links:
Edition Atelier: Andreas Pavlic, Selige Unruhe
Homepage: Andreas Pavlic

 

Helmuth Schönauer, 14-03-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Andreas Pavlic
Buchtitel:
Selige Unruhe
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Edition Atelier
Seitenzahl:
248
Preis in EUR:
25,00
ISBN:
978-3-99065-147-6
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Andreas Pavlic, geb. 1974 in Innsbruck, lebt in Wien.