Eine Autobiographie wird in jenem Augenblick zur Literatur, in dem sie für eine größere Gruppe passt, die sich damit identifizieren kann. Im Idealfall passt das vorgestellte Schicksal gar auf eine ganze Generation.
Gerda Sengstbratl nimmt für ihren Roman einen Cartoon-ähnlichen Titel: „Ein Ich wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald.“ Nach dieser Melodie sind oft Bilderbücher gestrickt, wenn sie in griffigen Tafelbildern das anwachsende Ich zu einem einzigartigen Erlebnis-Konglomerat erweitern.
Das Cartoon-hafte steckt auch in der Textdramaturgie, wenn die Erzählung einerseits im Stile einer Chronik die Geschehnisse auf den Tisch legt, andererseits mit knappen Bildern ganze Wegstrecken zu einem kurzen Strip zusammengefasst wird. Diese Bilderstrips wurden in der Kindheit des vorigen Jahrhunderts oft Kaugummis beigepackt.
Den Höhepunkt des knappen Erzählens liefern über den Roman verteilt jeweils Listen, auf denen Dinge 1980, Dinge 1970, Dinge 1960 als Schlagworte aufgezählt sind.
So werden bei der Lektüre ganze Filme voller Erinnerungen abgerufen, wenn die entsprechenden Reizwörter fallen:
„Dinge 1970 / Clackers / Juckpulver mit Hagebutten / Musikkassetten / Telefonzellen / Twinni / Pan Tau / Rauchen im Flugzeug“ (145)
Die einzelnen Abschnitte aus der Handhabung des Alltags verklumpen zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem Tafelbild. In diese Abläufe ist dann jeweils das erzählende Ich eingespannt, quasi wie ein Kulturgut als Unikat, das mit der Umgebung zeitgemäß korrespondiert. Zwischen dem Ich und seiner Umwelt entsteht so eine gewisse Selbstverständlichkeit, die aus der historischen Faustregel resultiert, dass die Dinge zuerst einmal geschehen, und hinterher beschrieben und eingeordnet werden.
Der Roman schlägt mit einem wundersam-pädagogischen Comic einen sympathischen Erzählton an. Zuerst wird beschrieben, was es 1980 alles gibt, dann wird das Kapitel „Paris“ mit einem knalligen Plakat vorgestellt, und im dritten Schritt erzählt das Ich lakonisch, wozu die ganze Geschichte geführt hat.
Die Heldin steht in Amstetten am Bahnhof und wartet auf den Orientexpress, der sie in die Welt und nach Paris bringen wird. Neben der Fahrkarte hat sie ein Programm eingesteckt: „Ich will eine Dame werden!“ (11) – Aber kaum im Zug eingestiegen, geht schon dieses Anquatschen los, wenn Männer sich verbal über Frauen hermachen und den Wunsch konterkarieren, eine Dame zu werden. Die Heldin ergreift auch gleich Selbstschutzmaßnahmen, indem sie sich als ersten Akt in der Rolle des „Aupair-Mädchens“ in der Sitzbadewanne einen Selbstorgasmus hinlegt und beschließt, diese Kunst ab jetzt nie mehr zu vergessen. (17)
In dieser Erzählweise, halb ironisch, halb über sich selbst erstaunt, kommt nun ein Leben zum Vorschein, das geprägt ist von vielen Reisen, vom vergeblichen Heimisch-Werden in diversen Kulturen und diversen Beziehungen zu Männern, die durchaus mit einem selbstbewussten Programm konfrontiert werden. So wird jemand als Mann bezeichnet, „der für das Leben gedacht war“, diesen Anspruch aber nicht erfüllen kann.
Aus den Studien, Reisen und künstlerischen Aktionen heraus entwickelt sich ein Berufsleben im Bildungsbereich, das als solches in der Hauptsache für den Broterwerb dient, für die Entfaltung des Ichs aber eher hinderlich ist. Denn schon bei den ersten Kontakten zu Universitäten stellt die Heldin fest, dass es sich bei der Uni um eine große Einrichtung für Unterwerfung handelt, die nicht für jede Psyche hilfreich ist.
Der Roman erzählt als Metaebene laufend mit, wie jemand mit dem Feminismus in Berührung kommt, diesen aufgreift und für sich selbst anpasst, ihm manchmal aus dem Weg gehen und ihm umschiffen muss, wenn zwischen theoretischen Schriften und der Praxis des Alltags zu große Klüfte auftreten.
Die Episoden oder gar Epochen mit den Männern sind dann auch als kulturelle Essays angelegt, als prägnantes Beispiel mag hier eine Ehe in Marokko gelten, wo sich die Erzählerin zwischen den Mühlsteinen einer fremden Kultur geschmeidig durchzuzwängen versucht mit der Überlegung, dass man patriarchalische Gegebenheiten als Frau aushebelt wie der Bandscheibenvorfall ein falsches Gerüst.
Als sprichwörtlich „roter Faden“ ziehen sich Menstruation, Blut, Metzgerei durch die Erzählung. In einem Fleischerimperium voller Schlachtung aufgewachsen, entwickelt die Heldin schon bald einen robusten Umgang mit allem, was blutet. Als Mädchen erlebt sie ein Wochenende mit Geschlechtsgenossinnen, die alle zur gleichen Zeit menstruieren und das quasi als Fest abfeiern. Später auf einer Schulreise nach Griechenland lassen sich alle Mädchen entjungfern, wie das im damaligen Sprachgebrauch genannt wird. Bemerkenswert ist die Trivialität, mit der diese Aktionen vonstatten gehen, ‒ der Schnitt in den Finger beim Kartoffelschälen ist aufregender.
Und später dreht sich das Leben oft existenzbedrohend um diese Blutungen, setzt die Regel aus, muss ich das Kind kriegen, kann ich abtreiben, bin ich erledigt. – Die permanente Auseinandersetzung mit diesem „roten Faden“ ist eine Herausforderung für das Leben, der sich die Heldin trotz aller Tricks und Ironie nicht entziehen kann. Aber auch männliche Leser, die ja im Roman unbeobachtet weiterblättern könnten, bleiben bei diesem Thema ambitioniert bei der Sache, und sei es nur, dass man sich aus Sympathie mit der Erzählenden nicht aus der Geschichte auszuklinken wagt.
Gerda Sengstbratl entfaltet ihre Geschichte wie der im Titel angesprochene Baum um das Ich herum, jedes Jahr kriegt einen Jahresring, damit das Ganze auch geschmeidig straff zum Wipfel ragen kann.
Gerda Sengstbratl, Ein Ich wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald. Roman
Wien: edition fabrik 2026, 390 Seiten, 26,00 €, ISBN 978-3-903267-94-7
Weiterführende Links:
edition fabrik: Gerda Sengstbratl, Ein Ich wächst in mir wie Gras …
Wikipedia: Gerda Sengstbratl
Helmuth Schönauer, 22-03-2026