Hinter der Fügung „Berg und Tal“ steckt die Kartografierung eines besonderen Geländes, in der Gegenwart auch gerne als Traumziel oder Wunschland bezeichnet. Aufgesplittet in Alpen und (Silikon) Valley lässt sich dieses Berg und Tal als Doppelikone lesen, die als eine Doppelhelix den Zeitgeist erschließt.
Jan Juhani Steinmann bringt mit seinem Projekt „Das Vorfaltenlicht“ die beiden Traumgegenden Alpen und Valley zusammen, indem er mit diversen Kunstmitteln die Morphologie dieser Visionen ausapern lässt, wie man im Gebirge zu diesem Clearing im Frühjahr sagt.
Hinter dem „reinen Lyrikband“ stehen zwei Aktionen:
a) die Renaturierung des Alpengedichts von 1729 von Albrecht von Haller, der als Gründer
der Alpendichtung angesehen wird
b) das künstlerische, philosophische und poetische Forschungsprojekt „Albrecht von Haller
und das digitale Zeitalter“
Die Leser des Lyrikbandes sollten also assoziativ einen umfangreichen Diskurs zwischen den Künsten und der Wissenschaft, zwischen Vorzeit und Gegenwart, und zwischen Traum und Vermessung mitschwingen lassen, der vielleicht zur elementaren Erkenntnis führt, dass sich die Dinge am Rand des Unsagbaren, wenn schon, dann nur durch Lyrik sagen lassen.
Das Vorfaltenlicht wäre dann ganz innig gedeutet ein Licht vor der Entfaltung des Ganzen, sei es vor der Auffaltung der Alpen oder vor der digitalen Entfaltung durch Chips, die ja auch aus einer besonderer Art Erde bestehen.
Der Lyrikband selbst hält sich an einen Spannungsbogen in fünf Akten.
- Aufstieg
- Stimmen aus den Alpen
- Stimmen aus dem Valley
- Das Vorfaltenlicht. Stimmen aus dem Riss.
- Abstieg
Aufstieg und Abstieg erklären prosaisch das Projekt und verbinden die geschauten Welten Alpen, Valley, Vorfaltenlicht mit der irdisch-bodenständigen Erfahrungswelt der Leser.
Die Welt der Alpen ist ein Tumult aus Schöpfungsgeschichte, Gesteinschaos, vertikaler Verschränkung zwischen Feuer und Luft, sowie jeder Menge geologisch-morphologischer Bilder, die eine eigene Sprache evozieren.
Der Stil dieser wuchtigen Elogen gleicht einem apokalyptischen Urknall, der sich von keinem Zeitgebilde einfangen lässt.
So liegt das Alpenantlitz zu Beginn stumm und blind einfach da, aus Licht und Fernsichten entfaltet sich ein Berggesicht: Die Alpen! (15)
Motive aus Dantes Hölle, aus Stahlgewittern und „Psychomarmor“ (35) werden an einer unsichtbaren Gebirgsroute platziert, auf der Albrecht von Haller vielleicht unterwegs gewesen ist. Am ausfließenden Gletscher bei Grindelwald stirbt schließlich Europa einen mythologischen und physikalischen Tod. (61)
Das Kapitel aus dem Valley hingegen ist als fragmentierter Chor von Stimmen aus bleiernen Herzen angelegt. Als Einfallstor für die magische Digitalwelt dient der International Airport San Francisco, der wie üblich mit GPS-Daten unterlegt ist. Sämtliche Gedichte aus diesem Bereich sind mit diesen geographischen Koordinaten wahrhaftig gemacht, sie verweisen darauf, dass auch die Alpen heutzutage in erster Linie ein Koordinatennetz für Flüge und Erkundungen ist.
Als Schwerpunkt des Valley kommen chemische Vorgänge ans Tageslicht, wenn sich Silizium im poetischen Licht bricht. Die Gedichtform nähert sich phasenweise einer Programmiersprache an, aus der Anrufung der Götter und alpinen Elemente werden Befehle an Chips, die nach einer seltsamen Ordnung aneinandergeklebt werden. Oft sind die Zeilen mit senkrechten Strichen in Bits aufgerissen, Elemente aus den Alpen werden im Valley neu getaktet und einer virtuellen Konsistenz zugeführt.
Auch das Schriftbild kulminiert in einer bildschirmgerechten Oberfläche, bereit, auf einem galaktischen Drucker in Szene gesetzt zu werden. Die Mythen von Hannibal in den Alpen oder den Vögeln von Franz von Assisi sind als jähe Bilder einer Gaming-Story neu programmiert.
Apropos Vögel, sie sind ja mittlerweile Pflicht in jedem Lyrikband und treten im Vorfaltenlicht johlend auf Seite 109 auf.
Das Ur-Vorfaltenlicht inszeniert sich als „Zither der Zeit“.
„Ein reines Herz spricht da aus Blut, / ein anderes aber schweigt aus Blei. // Eines leckt den Überschnee, / das andere nur die Unterglut.“ (129)
Jan Juhani Steinmann setzt mit seinem Projekt dem Individuum in den Alpen seine finalen Grenzen. Angesichts der Größe des Erhabenen, bleibt dem lyrischen Geist nur noch die überdimensionierte Alpendichtung Albrecht von Hallers oder das Digitalalphabet des Valleys, das alles in 0101 auflöst.
Jan Juhani Steinmann, Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley, Lyrik
Klagenfurt: Wieser Verlag 2026, 140 Seiten, 21,00 €, ISBN 978-3-99029-694-3
Weiterführende Links:
Wieser Verlag: Jan Juhani Steinmann, Das Vorfaltenlicht
Homepage: Jan Juhani Steinmann
Helmuth Schönauer, 31-03-2026