Georg Bydlinski, Triestiner Mosaik

h.schoenauer - 27.05.2026

Georg Bydlinski, Triestiner MosaikLyrik ist ein still gehaltener Atem, der anlässlich eines markanten biographischen Ereignisses zu einem Gedichtband führen kann.

Im Falle des Siebzigers von Georg Bydlinski hat die Niederösterreichische Literaturedition den Autor eingeladen, seinen lyrischen Kosmos zu durchforsten und in Gestalt eines auch haptisch ansprechenden Gedichtbandes für seine Fans und Freunde vorzutragen.

Entstanden ist ein „ergreifendes“ Kunstwerk, in welches wie in einem zeitlosen Album das „Triestiner Mosaik“ eingelagert ist. Erste Gratulantin für dieses sinnliche Fest für Augen, Haptik und Poesie ist Linda Wolfsgruber, die quasi als Überraschung auftritt und mit ihren subtilen Motiven aus Stein, Marmor, Schemen und Nebel die Triester Absichten des Autors vortrefflich mit Zeichnungen hinterlegt. Ganz im Sinne einer spontan tiefgehenden Prägung sind am Umschlag die Namen von Autor und Illustratorin still gesetzt, sie lassen sich nur als gespiegelte Braille-Schrift entdecken und setzen entsprechendes Fingerspitzengefühl voraus.

Triest eignet sich bestens als Spiegelfläche für Geschichte, Nostalgie, Mythos und literarische Eruption. Gerade für Österreich bestimmt diese „Magris-Stadt“, wie das Magische nach dem Mythenentwickler Claudio Magris gerne genannt wird, unser Sinnieren und Flanieren.

Dieses Triestiner Mosaik setzt sich folgerichtig aus vier Kernelementen lyrischen Treibens zusammen: Vor Ort sein, daheim sein, in den Zeilen befreundeter Dichter sein, der Sinn in einem Epigramm sein. 

  • Im Unterwegssein daheim. Ein Triestiner Mosaik (10)
  • Daheim unterwegs. Triestiner Fantasien (38)
  • Stadt unter der Haut. Triestiner Haikus (56)
  • Triestiner Epigramm (73)

Das Eingangsgedicht empfängt uns wie eine mehrsprachige Ortstafel, indem die Stadt in allen Variationen angesprochen wird: Triest! Trieste! Trst! Bezeichnenderweise klingen die Laute nach Karst, der die Stadt umgibt und dem Marmor, der sie zusammenhält. Das Zutun des Autors gleicht in diesem Fall der Leuchtkraft des Tages, wenn er am Morgen einsetzt und verkündet: Licht ist Form.

Die Stadt ist heimgesucht von Menschen, die sie seit Jahrhunderten mit Strähnen voller Sehnsucht durchstreifen. Der freundliche Teil gleicht einem Buffet, worin die Früchte des Meeres und des Handels ausgelegt sind als sachte Brise vom Meer, der martialische Teil zeigt die Anlagen für einen maritimen Kampfauftrag, der sich im permanenten Anlanden von Kreuzfahrtschiffen aufbaut.

So braucht es dann oft mehrere Dämmerungen, um die vom Tag aufgewühlte Seele in den Schlaf zu wiegen durch ein Schlaflied, das von der Bora durchtränkt ist. (26)

Die lyrischen Notate sind marmoriert vom Alltag, ein seltsames Roaming findet am Friedhof statt, wenn ein funkender Handymasten Kontakt zu den Toten hält. In einer ersten Gebrauchsanweisung für eine Stadt (34) werden die markanten Ecksteine genannt, die das Mosaik abgrenzen.

Und für Lyrik-Experten ist an dieser Stelle auch ein Raubvogel versteckt, der ins Blau segelt (31). Bekanntlich muss in zeitgenössischen Gedichtbänden immer mindestens ein Vogel vorkommen, seit diese in Natura auszusterben drohen.

Im Abschnitt von „Daheim“ bestreitet das lyrische Ich diverse Rituale, um in einen transzendenten Triest-Zustand zu gelangen. Die Reise findet im eigenen Regal statt, wenn spontan Fügungen aus den Büchern geholt und Wörter daraus zu neuen Gedichten zusammengesetzt werden.

Unterstützt wird dieser Vorgang mit Beschwörungsformeln:

„ich male mir aus“ / „ich stelle mir vor“ / „ich bilde mir ein“ / „ich denke mir Triest“ (51).

In Zwischentönen sintern während dieser Regalreise die berühmten Dichter um den Mythos Triest hervor ‒ Joyce, Saba, Svevo, Magris.

Die intimste Schicht der Stadt liegt quasi unter der Haut, wenn sie in Gestalt von Haikus als Vor-Satz, Werbespruch oder Architektenfrage (57) zu prickeln beginnt.

In diesen prägnanten Wortaufwallungen springt noch einmal die Gischt unruhiger Zeiten und Tage in die Stadt, sei es, dass Rilkes elegischer Pfad nach Duino aufgefrischt wird, sei es , dass der Blick sich kurz einlässt auf historisches Walten.

„Via del Monte // Die drei Soldaten / vorm jüdischen Museum / lachen – bewaffnet.“ (67)
„Questura-Gebäude // Faschistischer Stil. / Doch daneben gibt’s Freiheit: / Bücher aller Art!“ (69)

Das Triestiner Epigramm schließlich stellt den Maßstab der Zeitlosigkeit, der kurz für ein freudiges Gedenken an die Schaffenskraft des Autors unterbrochen worden ist wieder in voller Bescheidenheit her.

„Triestiner Epigramm // Es ist vermessen / Triest zu vermessen: // Sämtliche Maßstäbe / zerbrechen dir in der Hand.“ (73)

Georg Bydlinski, Triestiner Mosaik. Gedichte. Mit Zeichnungen von Linda Wolfsgruber
St. Pölten: Literaturedition Niederösterreich 2026, 88 Seiten, 20,00 €, ISBN 978-3-902717-86-3

 

Weiterführende Links:
Literaturedition Niederösterreich: Georg Bydlinski, Triestiner Mosaik
Wikipedia: Georg Bydlinski
Wikipedia: Linda Wolfsgruber

 

Helmuth Schönauer, 14-04-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Georg Bydlinski
Buchtitel:
Triestiner Mosaik. Gedichte
Erscheinungsort:
St. Pölten
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Literaturedition Niederösterreich
Illustration:
Linda Wolfsgruber
Seitenzahl:
88
Preis in EUR:
20,00
ISBN:
978-3-902717-86-3
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Georg Bydlinski, geb. 1956 in Graz, lebt in Mödling.

Linda Wolfsgruber, geb. 1961 in Bruneck, lebt in Wien.