Franz Kabelka, Absolute Bettruhe

h.schoenauer - 03.06.2026

Franz Kabelka, Absolute BettruheEs erscheint mittlerweile kaum mehr ein Krimi, bei dem man als Leser nicht dem Autor zurufen möchte: Schreib doch einmal etwas Wahrhaftiges!

Franz Kabelka muss sich vor fünf Jahren diesen imaginären Zuruf zu Herzen nehmen, als bei ihm Blasenkrebs festgestellt wird. Irgendwo in der Mitte der Leidensgeschichte formuliert er schließlich das Programm für die nächste Zeit: „Dies ist meine Geschichte, wie noch nie eine es war.“ (55)

Parallel zur Krankengeschichte entwickelt sich ein therapeutischer Text, der schließlich in seiner Literarizität durchaus animierend für jene Leser wirkt, die den Autor schon seit Jahren als professionellen Verfasser von Krimis mit Reise-Charakter kennen. Einen Kabelka-Krimi nimmt man nicht auf Urlaubsreise mit, heißt ein Bonmot, sondern der Krimi macht vor seinem Erscheinen selbst Urlaub.

Im Prolog zur „Absoluten Bettruhe“ springt der Autor über diesen Gap zwischen Wohlbefinden und Ernsthaftigkeit, der ja das Wesen von Krimis ausmacht. Aus Krimis lässt es sich jederzeit ein und aussteigen, sowohl als Leser als auch als Autor.

Wenn aber nun die Diagnose Blasenkrebs selbst den Anspruch stellt, ein Krimi zu sein, dann müsste man doch mit den Spielregeln des Krimischreibens selbst zu einem guten Ende kommen?

Der anfangs therapeutisch gedachte Text sollte ursprünglich Kriegstagebuch heißen, mit Aussichten auf ein hartes Ende. Die Bezeichnung „Protokoll eines ungebetenen Besuchs“ verweist jedoch auf ein Openend, denn selbst der unangenehmste Besuch verschwindet eines Tages und hinterlässt eine wenn auch durcheinandergewirbelte neue Ordnung.

Das literarische Protokoll ist auf vier Ebenen ausgelegt:

  • in einem Prolog-Essay wird über das Wesen Realitäts-konformen therapeutischen Schreibens reflektiert
  • auf einer Bettruhe-Schiene kommen die medizinischen Indikationen und ihre Auswirkungen auf den Erzählstandpunkt zur Sprache
  • in einer zeitgenössischen Input-Zone wird das Weltgeschehen mit den Hauptthemen Covid 19 und Ukrainekrieg vom rezipierenden Bett aus bearbeitet
  • in einer Reha-Konstellation wird mit einem Freund anhand einer Reise zum Lago Maggiore der künftige Sinn des Lebens erörtert

Dabei entpuppt sich der Standpunkt der Wahrnehmung von größter Relevanz. Der Heilungsfortschritt drückt sich im Argumentationsfortschritt aus, die geistige Atemlosigkeit des Bettinsassen weicht erfrischenden Gedankengängen, die am Lago Maggiore durchaus Züge geglückten Flanierens erreichen. Und manches lässt sich nicht lösen, sondern nur durch Voraus-Überlegung in eine erträgliche Beschreibungsform bringen.

So bewährt sich der Perspektivenwechsel, wenn aus dem ungeschützten Ich bald einmal die literarische Figur Georg wird, die sich auch der Probleme außerhalb des Ichs annehmen kann. Etwa wenn eine Verwandte an Longcovid erkrankt und damit zu kämpfen hat, dass ihre Krankheit vage wahrgenommen wird, während es für das Karzinom handfeste Kennziffern und Navigationssysteme gibt.

Warum hat der Anästhesist nicht einen Kunstfehler gemacht und mich eingeschläfert?, lautet so eine naheliegende Formulierung, die Inhaber absoluter Bettruhe immer wieder beschleicht. Zumal wenn in der Außenwelt gerade Gerichtsurteile verkündet werden, wonach es eine genau dosierte Form der Sterbebegleitung gibt.

Auch der Ukrainekrieg wird zuerst personalisiert wahrgenommen, als Duell des Dämonen Putin mit dem Krebsauslöser im eigenen Körper. ‒ Die Verknüpfung politischen Geschehens mit der Krankheit lässt einen unvermittelt an Alexander Solschenizyns „Krebsstation“ (1967) denken, die eine ganze Generation im Diskurs geprägt hat.

In therapeutisch erträglichen Dosen wird ständig Poesie eingeträufelt, vergleichbar jenen Infusionen, die pure Heilkraft in den Kreiskauf pumpen.

Berührend etwa ein zweisprachiges Gedicht von Gerhard Kofler, als dieser zwischen den Sprachen sein Schicksal als vom Krebs Befallener zu beschreiben versucht.

„doch wenn die fabel wahr ist und der abend im fliegen /dann wird er im klang einmal wiedergeboren“ (42)

Beeindruckend ist Franz Kabelkas Geduld, mit der er seiner eigenen Geschichte nachgeht unter Zuhilfenahme jener Fabeln und Fallen, mit denen er bislang als Krimiautor geistige Urlaubswelten evoziert hat.

Seiner literarischen Figur verpasst er noch einen beinahe forensischen Abgang. Georg hat bei seiner Entlassung das Schild „Absolute Bettruhe“ mitgehen lassen. Dazu noch ein Präparat für alle Fälle, das er aus dem Giftschrank der Stations-Apothekerin entwendet hat, die gleich heißt wie ein Rezensent. Das entscheidende Präparat ist jetzt zu Hause im Regal hinter einer Krimi-Reihe versteckt.

Franz Kabelka, Absolute Bettruhe. Protokoll eines ungebetenen Besuchs
Salzburg: Edition Tandem 2026, 167 Seiten, 23,00 €, ISBN 978-3-903516-30-4

 

Weiterführende Links:
Edition Tandem: Franz Kabelka, Absolute Bettruhe
Wikipedia: Franz Kabelka

 

Helmuth Schönauer, 22-04-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Franz Kabelka
Buchtitel:
Absolute Bettruhe. Protokoll eines ungebetenen Besuchs
Erscheinungsort:
Salzburg
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Edition Tandem
Seitenzahl:
167
Preis in EUR:
23,00
ISBN:
978-3-903516-30-4
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Franz Kabelka, geb. 1954 in Linz, lebt in Feldkirch.