Thea Mengeler, Nach den Fähren

h.schoenauer - 10.06.2026

Thea Mengeler, Nach den FährenDas ideale Buch ist eine Insel. Alle Träume sind darin aufgeschrieben. Die Welt ist draußen und abgeklemmt. Alles Wichtige ist da und kann zu Fuß erreicht werden. Was man richtig aufschreibt, wird zur Wirklichkeit.

Thea Mengeler, geschult an Creative Writing und Kommunikationsdesign, stellt mit dem Roman „Nach den Fähren“ ein Bilderbuch für Große vor, in dem man nachlesen kann, was seit dem letzten gelesenen Bilderbuch so auf der Trauminsel geschehen ist.

Eine Zeichnung am anderen Ende des Buches zeigt diese Trauminsel, wie sie als runzeliger Trüffel aus dem Nichts aufragt. Ein Strich führt vom Hafen aus ins Leere, worin das Festland vermutet werden kann. Auf ihm sind früher Fähren gefahren und haben Tourismus und Versorgung gebracht. Auf der Insel selbst gibt es den Strand, ein paar Wege, einen Dorfkern, sowie das gelbe Haus und den Sommerpalast.

In kleinen Impressionen, wie man sie beim Betrachten von alten Fotos oft rezitiert, werden ein paar Personen gezeigt, wie sie damit fertig werden, dass keine Fähre mehr kommt, um Leben und Tourismus zu bringen. Die Stimmung erscheint mitten in der Saison wie eingefroren oder hinter jener gläsernen Wand konserviert, wie wir sie von dystopischen Romanen kennen, wenn eine Katastrophe eingetreten ist.

Obwohl Vollsaison sein könnte, merkt man dem Inselleben erst allmählich an, dass diese Leere etwas bewirkt. Vorerst sind es nur Abschreibposten, die jemand zusammenstellt, um darauf „einige Verluste“ zu dokumentieren. Strandtücher, Badeanzüge, Sonnenöl sind weg. Strände und Geschäfte sind leer, selbst die Möwen sind gefühlsmäßig weg.

Die Romanfiguren sind ebenfalls auf das Nötigste eingeschrumpft und verrichten nur mehr als Symbol ihre Aufgabe als handelnde Personen. Der Hausmeister werkelt noch immer im Hintergrund, obwohl vorne niemand mehr ist, den er mit seinen Reparaturen stören könnte.

Ein Mädchen taucht kurz auf und erweckt den Eindruck, als sei sie gerade mit einer frischen Fähre gekommen. Aber sie ist wohl einem Bild entsprungen, das Mädchen, Tochter und Mutter in einer halluzinierten Installation zeigt.

Zur Schlüsselfigur entwickelt sich die „Doktorin“, die zuerst froh ist, ihren Inseltraum verwirklichen zu können. „Tourismus lebt vom Ideal, eine Insel für sich allein zu haben.“ (154) Aber bald erscheinen ihr die Morgenläufe sinnlos, und sie beginnt wie wild zu schreiben, zuerst als Kult mit einer Füllfeder, später als Chronistin, die manchmal wichtige Sätze zur Literaturtheorie einarbeitet.

„Im Prinzip gibt es zwei Arten von Literatur, die nacherzählende und die suchende.“ (93) Diesen Satz zitiert zuerst der Innsbrucker Bürgermeister, als er die Aktion „Innsbruck liest“ im Geleitwort vorstellt, im Text rinnt er dann im Umfeld der Doktorin aufs Papier, und im Nachspann stellen wir fest, dass er wie alle bedeutenden Sätze des Romans ein angelesenes Zitat ist. Es stammt von Annie Ernaux.

Diese Erzählmethode zeigt eindringlich den Sinn der Aktion „Innsbruck liest“. Der Bürgermeister grüßt das Wahlvolk und wünscht eine gute Lektüre, die Jury bereitet ein aktuelles Buch aus der letzten Saison auf, das ein flexibles Reizthema vom Meer in die Alpen trägt, der Roman über ausbleibenden Tourismus wird zu einer versöhnenden Geste, mit der Freud und Feind der Nächtigungen bei der Stange gehalten werden, und der Erzählstil Marke „Kommunikationsdesign“ zeigt im KI-Rausch der Medien, wie man schriftstellerisch träumen könnte. Nämlich indem man das Bilderbuch aus fernen Zeiten Tag und Nacht fortschreibt und auflädt mit aufschreckenden Tourismusnachrichten.

In dieser paradiesischen Atmosphäre, in der alle rund um den Roman versammelt sind und ihre eigenen Innsbruck-Geschichten einflechten können, entwickeln sich die Romanfiguren dystopisch an ihr Ende.

Der General wird plötzlich von seiner Frau gehasst, weil er nicht mehr aufs Pferd kommt, sie lässt ihn diesen Hass spüren, und er kommt daraufhin am Abend einfach nicht mehr zurück.

Der Hausmeister geht dazu über, in die Villen der Besseren einzubrechen, nachdem dort ohnehin niemand mehr ist.

Ein Graffitikünstler sprüht das Wort POST an die Wand, wird aber nicht belangt, weil es ja eine berechtigte Forderung nach Post, eine Beschreibung der Gesellschaft als Post-Irgendwas oder als Zitat von Thomas Pynchon gelesen werden kann.

Aus diversen literarischen Schicksalen von emanzipierten Frauen zuckt kurz die Liebhaberin auf, die während des touristischen Inselbetriebs durchaus als gepflegte Escort-Dame fungiert hat, bis hin zum lakonischen Liebeskommentar:

„Als er eine Ehe will, verlässt sie ihn.“ (96)

Inzwischen ist die Saison vorbei, obwohl sie gar nicht stattgefunden hat. Wie jedes Jahr wird aufgeräumt, und sei es nur mit guten Sprüchen:

„Ein Vermissen ist immer. Es geht nur darum, zu entscheiden, welches Vermissen erträglicher ist.“(134)

Die Liste mit Verlusten wird täglich länger. ‒ Jetzt stürzen schon die ersten Hotels ein.

Thea Mengelers Roman ist in seiner aufreizenden Einfachheit irgendwo im Sektor Popliteratur angesiedelt, wo sich zu jedem Satz eine Melodie summen lässt. Und natürlich lassen sich damit Einsteigergespräche in die Literatur sonder Zahl veranstalten.

Die Jury hat treffsicher einen Bestseller für „Innsbruck liest“ gelandet. Thema und Schreibweise lassen vielleicht Freunde für jene Kunst finden, die man früher Literatur genannt hat.

Thea Mengeler, Nach den Fähren. Roman, („Innsbruck liest“-Roman 2026)
Göttingen: Wallstein Verlag 2024, 172 Seiten, 22,70 €, ISBN 978-3-8353-5585-9

 

Weiterführende Links:
Wallstein Verlag: Thea Mengeler, Nach den Fähren
Wikipedia: Thea Mengeler

 

Helmuth Schönauer, 29-04-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Thea Mengeler
Buchtitel:
Nach den Fähren
Erscheinungsort:
Göttingen
Erscheinungsjahr:
2024
Verlag:
Wallstein Verlag
Seitenzahl:
172
Preis in EUR:
22,70
ISBN:
978-3-8353-5585-9
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Thea Mengeler, geb. 1988 in Meerbusch, lebt in Hannover.