Wolfgang Kühnelt u.a. (Hrsg.): Schwalbenkönig und Blutgrätsche

h.schoenauer - 22.06.2026

Wolfgang Kühnelt u.a. (Hrsg.): Schwalbenkönig und BlutgrätschePop-Literatur und Pop-Musik haben einen gemeinsamen Freund: Den Fußball. Allen drei Kunstgattungen ist eine wolkige Aura übergestülpt, die mit dem Schlüsselbegriff „naiv-romantisch“ umschrieben werden kann.

In der Serie „Pop! Goes the Pumpkin“, (also so etwas wie Pop steht auf Kürbis), kümmern sich Anwender der Popkultur um essayistische Überlegungen, wie man den Alltag in der Peripherie etwas behübschen könnte. Eine bewährte Form ist das Zelebrieren von Weltereignissen in den Planquadraten zwischen den Durchzugsrouten der Eventkultur.

Anlässlich des Weltereignisses Weltmeisterschaft geben 17 Autoren und Autorinnen ihr Bestes, um die Parallelen zwischen den Papier-, Ton-, und Ball-Künsten zu zelebrieren. Seit dem Wirken des großen österreichischen Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler wissen wir, dass Fußball Literatur ist, und umgekehrt. Und tatsächlich sind die Querpasses auf einem Rasen einem solchen in einem Roman nicht unähnlich.

Dabei ändern sich oft sogar die Grundbegriffe und Spielregeln von einer Weltmeisterschaft zur anderen, wenn es darum geht, die Finanzgeschäfte zu optimieren. Das gilt sowohl für das Transferwesen von Spielern als auch den Richtlinien für Literaturstipendien.

„Der Strafraum wurde zur Box, die Taktik zur Trias aus Spielidee, Spielprinzipien und Spielsystem, Attackieren wurde zum Pressing, aus Außenverteidigern wurden Schienenspieler und Wingbacks, und Begriffe wie „Hybridspieler“, „falsche 9“, „Doppel-Sechs“ und „gegen den Ball“ fanden Eingang in den Fußball-Wortschatz.“ (10)

Diesen neu-technischen Begriffen stehen alte Emotionsbeschreibungen gegenüber, wie sie ganze Generationen von Kindheit an erlebt haben. Der Schwalbenkönig ist jemand, der sich gekonnt fallen lässt, um einen Strafstoß zu lukrieren, und Blutgrätsche ist das ultimative Verfahren, einen gegnerischen Angriff zu stoppen.

Der ideale Blick auf vergangene Kulturtechniken ist der bereits angesprochene: nämlich naiv-romantisch.

Aus der Spannung zwischen Erinnerung und Verlöschen ergeben sich verrückte Szenarien und legendäre Auftritte. Im Lichte der Vergangenheit verschwinden sogar die Grenzen zwischen Musik, Literatur und Spiel, und beim Besingen legendärer Haudegen macht es keinen Unterschied, in welcher Sparte jemand aufgetreten ist: Pop hat die Eigenschaft, die Augen des Publikums nass zu machen!

Als Beispiel sei die Story „Altherren“ von Dominika Meindl aufgerufen, worin auf die Parallele alter Schauspieler und Sportler hingewiesen wird. Ein Achtzigjähriger kehrt noch einmal in das Dorf der Kindheit zurück und wird von den Resten seines Jahrgangs empfangen wie ein Star aus Jugendzeiten. Er hat seinerzeit gekickt wie Robert Redford, obwohl niemand mehr weiß, wie dieser einst gekickt hat. Jetzt liegt die Nostalgie über dem Rasen, so leicht, dass die Helden geschlechtslos werden wie aus Zelluloid.

Nicole Selmer schreibt dann auch essayistisch über den Frauenfußball und setzt Akzente zu Themen wie Rapid oder Austria, Familie oder Gewalt, Fan und Freiheit. Auch hier ergibt sich eine Parallele zwischen Aufläufen bei Konzerten und Meisterschaftsspielen.

Die Erfahrungen der einzelnen Autorinnen und Autoren sind als Kurzbiographie in den Abspann des Lesebuchs gestellt.

  • Austrofred hat viel Erfahrung als Reserve-Verteidiger gesammelt,
  • Martin Behr hat nach einem Studium der Kunstgeschichte fünf Bücher über Sturm Graz herausgebracht,
  • Irene Diwiak hat mit ihrer Mädchenklasse bei einem Fußballturnier den letzten Platz belegt,
  • Franzobel wurde am Tag des berühmten Lattenpendlers in Wembley gezeugt,
  • Egyd Gstettner wollte in die echte Nationalmannschaft, hat es aber dann nur in die nationale Literaturauswahl geschafft,
  • Martin Wanko ist permanenter Anhänger des GAK, seine Zuneigung wird nur durch Fremdgehen für AS-Roma unterbrochen, wenn er auf Dienstreise in Italien ist.
  • - Wolfgang Pollanz schließlich ist irgendwie stolz darauf, dass ihm in der Schule der Fußball ausgetrieben worden ist und er sich so dem freien Spiel als Musiker auf der Bühne zuwenden konnte. Schlüsselsatz des Turnlehrers: „Der da hinten mit den langen Haaren soll sich mehr bewegen!“ Das hat Wolfgang Pollanz auch gemacht, und ist eine bewegende Figur in der Musikszene geworden.

Wenn schon Weltmeisterschaft, soll es auch Weltsätze darüber geben. Im Vorwort ist der belgische Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint zitiert: „Die Brutalität der Welt bedroht den Fußball der Träume.“

Wolfgang Kühnelt / Heimo Mürzl /Wolfgang Pollanz (Hrsg.): Schwalbenkönig und Blutgrätsche. Ein Fußball-Lesebuch, ( = Pop! Goes the Pumpkin, Band 12)
Wies: Edition Kürbis 2026, 128 Seiten, 19,90 €, ISBN 978-3-900965-68-6

 

Weiterführender Link:
Edition Kürbis: Wolfgang Kühnelt u.a. (Hrsg.): Schwalbenkönig und Blutgrätsche

 

Helmuth Schönauer, 25-05-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Austrofred / Martin Behr / Irene Diwiak / Franzobel / Egyd Gstettner / Martin Wanko / Wolfgang Pollanz
Buchtitel:
Schwalbenkönig und Blutgrätsche. Ein Fußball-Lesebuch
Erscheinungsort:
Wies
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Edition Kürbis
Herausgeber:
Wolfgang Kühnelt / Heimo Mürzl /Wolfgang Pollanz
Reihe:
Pop! Goes the Pumpkin, Band 12
Seitenzahl:
128
Preis in EUR:
19,90
ISBN:
978-3-900965-68-6
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Wolfgang Kühnelt, Fan des SV Spittal, lebt in Graz.

Heimo Mürzl, geb. 1962 in Friesach, aktiv beim WSV St. Lambrecht, lebt in Graz.

Wolfgang Pollanz, geb. 1954 in Graz, lebt in Wies, Fußball spielt für ihn keine Rolle.