„Mein Ziel ist es, die erste umfassende, sorgfältig recherchierte, aber allgemein verständliche Geschichte des Großen Aufstands zu schreiben: eine Schilderung des Aufstands selbst, seiner Auswirkungen auf die jüdischen und arabischen Nationalbewegungen Palästinas, der geopolitischen Maßnahmen, die er auslöste, und seines anhaltenden Vermächtnisses.“ (S. 13)
Der Nahostkonflikt hat eine lange Geschichte, der Anfänge mehr als einhundert Jahre zurückreichen und im Jahr 1936 mit dem großen Aufstand einen ersten Höhepunkt erreichen. Dennoch ist dieser Aufstand durch die Ereignisse rund um die Staatsgründung Israels und den ersten arabisch-israelischen Krieg 1948 weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei bilden die Ereignisse rund um den Aufstand 1936 einen zentralen Meilenstein in der Bildung einer israelischen und der palästinensischen Nationalbewegung.
Die Ereignisse und Entwicklungen, die zum „Großen Aufstand“ 1936 geführt haben, werden am Beispiel verschiedener mehr oder weniger bekannter Protagonisten vorgestellt. Auf der Seite Großbritanniens, welches das Völkerbundmandat des ehemals osmanischen Territoriums verwaltete, spielen die beiden Hochkommissare für Palästina Arthur Wauchope und Harold MacMichael sowie die Kolonialminister William Ormsby und Malcom MacDonald sowie die Schriftstellerin Blanche Dugdale eine zentrale Rolle. Auf arabischer Seite kommt in der Darstellung neben dem Großmufti und politischen Führer der Palästinenser Hadschi Amin al-Husseini vor allem Musa Alami und George Antonius eine besondere Rolle zu. Als wichtige jüdische Akteure finden sich Chaim Weizmann, David Ben-Gurion, Mosche Schertok und Wladimir Jabotinsky.
Nach einem erläuternden Überblick über die politische und soziale Lage in Palästina, in dem die historischen Grundlagen sowie die unterschiedlichen Ziele und Vorstellungen der gegensätzlichen Parteien vorgestellt werden, kommen die ersten Konflikte und Zusammenstöße ebenso zur Sprache wie die zahlreichen Versuche der jüdischen und arabischen Führer und Unterhändler die Positionen ihrer eigenen Klientel gegenüber den Briten zu stärken und durchzusetzen. Dabei kommt der immer wieder wechselnden Haltung der britischen Regierung und deren Umsetzung in Palästina selbst eine wesentliche Bedeutung zu.
Oren Kessler gelingt es einen in der Gegenwart emotional aufgeladenen Konflikt auf sachliche und neutrale Weise zu analysieren und seine Grundlagen anhand historischer Quelle für ein breites Publikum aufzubereiten. Besonders gelungen ist die Auswahl der verschiedenen Protagonisten auf arabischer, jüdischer und britischer Seite, mit der die unterschiedlichen Standpunkte lebendiger und leichter verständlich erscheinen.
Ein überaus empfehlenswertes Sachbuch zu einem der zentralen politischen Konflikte unserer Gegenwart, dessen Verständnis aufgrund seiner politischen Auswirkungen auch außerhalb dieser Region von großer Bedeutung ist. Dabei verdient Oren Kesslers sachlich neutrale Ausarbeitung und Einordnung der verschiedenen Quellen zu diesem Konflikt, der als Auftakt des Nahost-Konflikt gesehen werden darf, ganz besondere Anerkennung.
Oren Kessler, Palästina 1936. Der Große Aufstand und die Wurzeln des Nahostkonflikts, übers. v. Norbert Juraschitz [Orig. Titel: Palestine 1936: The Great Revolt and the Roots of the Middle East Conflict]
München: Hanser Verlag 2025, 384 Seiten, 28,80 €, ISBN 978-3-446-28290-2
Weiterführende Links:
Hanser Verlag: Oren Kessler, Palästina 1936
Wikipedia: Oren Kessler (engl.)
Andreas Markt-Huter, 20-07-2026